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Julia Klöckner Gehen Sie zurück auf Los!

Julia Klöckner, die restdeutsche Antwort auf bajuwarischen Dirndl-Patriotismus, muss sich nach ihrer krachenden Wahlniederlage nicht neu erfinden. Allein reifen, das sollte sie schon.

Reaktionen aus den Ländern
Björn Höcke, AfD Quelle: REUTERS
Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner: Quelle: dpa
Ralf Stegner, SPDSPD-Vize Ralf Stegner erwartet ungeachtet des schwachen Abschneidens bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt keine Diskussion über Parteichef Sigmar Gabriel. "Nein, kein Stück", sagte Stegner am Sonntag in der ARD. "Wir werden jetzt gemeinsam schauen, dass wir jetzt die nächsten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gut machen und im nächsten Jahr im Bund. Und der Rückenwind aus Mainz wird uns dabei helfen." In Rheinland-Pfalz sind die Sozialdemokraten stärkste Partei geworden. Zum Erfolg der rechtspopulistischen AfD sagte Stegner: "Die AfD hat mit Angstmacherei Punkte gemacht. Wir rücken nicht nach rechts." Quelle: dpa
Alexander Gauland, AfD Quelle: dpa
Sigmar Gabriel, SPD Quelle: REUTERS
Frauke Petry, AfD Quelle: AP
Katrin Budde, SPD Quelle: REUTERS

Warum hat Julia Klöckner die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz verloren? Wegen der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel? Wegen der vielen Stimmen, die die AfD einheimsen konnte? Oder weil Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) so sympathisch ist? Weil die Grünen in Scharen zu Dreyer übergelaufen sind, um sie, Klöckner, zu verhindern? Das alles spielt eine Rolle, gewiss.

Aber Julia Klöckner ist vor allem an sich selbst gescheitert, an ihrer schneidenden Präpotenz - und an der politischen Reife der Wähler. Die Rheinland-Pfälzer haben durchschaut, dass die stellvertretende CDU-Vorsitzende das Musterbeispiel einer Politikerin ist, die sich an das anschmiegt, was sie für die Mehrheitsmeinung hält, die sich „Stimmungen“ anverwandelt, um sie augenblicklich auszunutzen, immer auf der Suche nach den ganz einfachen Elfmetern.

Wird sie verstehen, dass sie ihren Politikstil gründlich ändern muss, wenn sie (auch) künftig noch eine bundespolitische Rolle spielen will?

Vorerst sieht es nicht danach aus. Als Klöckner gestern abend vor ihre Parteifreunde trat, ihr Gesicht zum Passbild erfroren, als könne sie Niederlagen weglächeln wie Hillary Clinton, deutete sie ihre krachende Niederlage in einem halben Triumph um: Zwei Ziele habe sie mit der CDU verfolgt, so Klöckner, eins davon habe sie nicht erreicht: stärkste Kraft im Land zu werden - ein anderes aber wohl: Rot-Grün steht ohne Mehrheit da.

Sie sagte das wie einstudiert, als habe ihr ein Politikberater eingeflüstert, sie dürfe jetzt bloß nicht ihr Gesicht verlieren; wahrscheinlich konnte sie noch immer nicht fassen, wie ihr geschehen war.

Vor wenigen Wochen noch fühlte sich Klöckner wie eine Titelverteidigerin: sicher und souverän im Amt. Umfragen sagten ihr ein Ergebnis von 40 Prozent und mehr voraus. In manchen Medien wurde sie schon zur heimlichen Nachfolgerin von Kanzlerin Angela Merkel ausgerufen - und tatsächlich: 

Mit Julia Klöckner, der restdeutschen Antwort auf bajuwarischen Dirndl-Patriotismus, feierte die CDU gewissermaßen ein Deja-vu mit sich selbst und ihrer alten, goldenen, vor-merkelschen Vergangenheit: westdeutsch, erdverbunden, katholisch - und noch dazu gerade so fesch-frech und fraulich, dass auch die Freunde der traditionellen Arbeitsteilung in Familien ganz auf Linie sind.

Üben Sie sich in Demut

Dann aber, in den entscheidenden Wochen, zeigte Julia Klöckner, dass sie nicht das Format zur Ministerpräsidentin hat. Sie setzte sich halbwegs von Angela Merkel ab, um Angela Merkel halbwegs zu stützen, sie setzte Spitzen gegen die Kanzlerin und nahm sie wieder zurück, vor allem aber drängte sie nicht nur machtvoll in die Öffentlichkeit, sondern drängte sich auch den Wählern auf -  scheinbar über alle Selbstzweifel erhaben, ausgestattet mit der pumperlgesunden Gewissheit volksgesunder Naivität.

Mag sein, dass das viele Wähler anfangs mit Charme verwechselt haben. Doch mit jeder weiteren Stellungnahme kratzte Klöckner am Make-Up ihrer politischen Rolle - und zeigte ihr wahres, ängstliches, verunsichertes Gesicht. Heillos irritiert vom Umfragehoch der AfD, gab sie zuletzt das Bild einer politischen Verzweiflungstäterin ab, noch ehe sie ein Fünkchen Verantwortung trug.

Zuletzt forderte Klöckner ein „Zeichen an Flüchtlinge“, dass man nach Deutschland „nicht einfach so reingeschwappt kommt“ (ein Satz, den die AfD-Vorsitzende Frauke Petry sich nicht leisten könnte). Dagegen musste Malu Dreyer wie eine Politikerin von Maß und Mitte wirken, von Format, Vernunft und alter Schule.

Jubel und Tränen bei den Wahlpartys
Die Grünen, Baden-Württemberg Quelle: dpa Picture-Alliance
CDU, Baden-Württemberg Quelle: dpa Picture-Alliance
SPD, Baden-Württemberg Quelle: AP
AfD, Baden-Württemberg Quelle: dpa Picture-Alliance
SPD, Rheinland-Pfalz Quelle: dpa Picture-Alliance
CDU, Rheinland-Pfalz Quelle: dpa Picture-Alliance
AfD, Rheinland-Pfalz Quelle: dpa Picture-Alliance

Kurzum, am Ende gerieten die Landtagswahlen nicht zur Abstimmung über den Flüchtlingskurs der Kanzlerin. Sondern zur Abstimmung über das Prinzip Redlichkeit in der Politik. Es wird interessant zu beobachten sein, ob Julia Klöckner die Botschaft versteht - ob sie in den nächsten Monaten dazu lernt. Zweifel sind angebracht. Anders als Winfried Kretschmann war sie sich noch nie zu schade, die allerleichtesten Elfmeter zu schinden, um der Volkskurve ein bisschen Zucker zu geben.

Sie hat sich fürs Burka-Verbot eingesetzt und ein Gesetz zur Integrationspflicht gefordert - und natürlich hat sie Malu Dreyer der „Erpressung“ bezichtigt, weil die nicht im Fernsehen mit der AfD diskutieren wollte und das den SWR wissen ließ - drunter geht es bei Klöckner nicht.

Beinah’ vergessen auch der Vorschlag, für jeden humanitären Flüchtlings-Euro einen Kompensations-Euro für Nicht-Flüchtlinge springen lassen zu wollen - jaja, Klöckner hat auch das einmal vorgeschlagen, lange vor SPD-Chef Sigmar Gabriel. Was also nun, Julia Klöckner, was also tun?

Ganz einfach: Gehen Sie zurück auf Los. Gehen Sie zurück nach Rheinland-Pfalz. Geben Sie heute noch Ihr Partei-Mandat zur Produktion konservativ aufgefeschter Simplifizierungen ab. Üben Sie sich in Demut, Anstand, Redlichkeit. In fünf Jahren sehen wir uns wieder.

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