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Kampf gegen Corona Werden Impfzentren doch noch gebraucht?

Eine Besucherin des Impfzentrums Tübingen in der Paul-Horn-Arena geht zur Impfung.  Quelle: dpa

Die Gesundheitsminister wollen die Impfzentren zurückfahren. Aber werden sie zur Bekämpfung der Pandemie vielleicht noch benötigt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Die Gesundheitsminister der Bundesländer wollen im Herbst den Betrieb der Impfzentren zurückfahren. Auch über den 30. September hinaus setze man bei der Eindämmung der Corona-Pandemie auf staatliche oder kommunale Impfangebote. Der Schwerpunkt dabei solle zunehmend aber auf mobilen Impfteams liegen, heißt es in einem Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz vom Montagabend. Im Bedarfsfall sollen die Impfzentren aber auch schnell wieder aktiviert werden können. Aber: Sind die Impfzentren vielleicht doch noch sinnvoll? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Wo wurden die Menschen in Deutschland bisher gegen Covid-19 geimpft?

Bislang wurden in Deutschland über 70 Millionen Impfungen verabreicht, davon knapp zwei Drittel über die Impfzentren und gut ein Drittel über die Arztpraxen, die allerdings erst später in die Immunisierung eingestiegen sind. Bei den täglich verimpften Dosen, gibt das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) an, liegen beide inzwischen ungefähr gleich auf. Wochentags spritzt die niedergelassene Ärzteschaft etwas mehr, dafür haben die Impfzentren auch am Wochenende offen. 

Drei der vier in Deutschland zugelassenen Impfstoffe können in den Praxen verimpft werden: Die Vakzine von Biontech-Pfizer, von AstraZeneca und jener von Johnson & Johnson. Letzteres wird oft von mobilen Teams beansprucht, weil nur eine Spritze – und nicht zwei wie bei den anderen Anbieter – für den vollständigen Schutz nötig ist. Der Wirkstoff des amerikanischen Herstellers Moderna wird nur in Impfzentren verabreicht, weil hier besondere Anforderungen erfüllt werden müssen. Allerdings will auch Moderna bald in die Hausarztpraxen. „Ich gehe davon aus, das in einigen Wochen auch deutsche Hausärzte Moderna verimpfen. Dazu sind wir in Gesprächen mit dem Bundesgesundheitsministerium“, erklärte Moderna-Chef Dan Staner im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

Zurzeit sind AstraZeneca und Johnson & Johnson bereits unabhängig von der Priorisierung freigegeben und können von den niedergelassenen Hausärzten an alle Impfwilligen verimpft werden. 

2. Wen impfen die Zentren, wen die niedergelassenen Ärztinnen?

So lange noch eine klare Priorisierung einzelner Gruppen galt, war die Reihenfolge bei den Terminen leichter vom Impfzentrum aus zu organisieren. Zunächst wurden über 80-Jährige angeschrieben, dann die nächstjüngeren Jahrgänge. Auch Beschäftigte im Gesundheitswesen oder schwer Kranke und ihre Angehörigen konnten so erreicht werden. Die Hausärzte hatten vor einem frühen Start des Impfens in den Praxen selbst gewarnt – mit dem Argument, dann seien die Kollegen vor Ort dem Druck von impfwilligen Patienten ausgesetzt, diese früher dranzunehmen. Außerdem hätten sie gar nicht die Daten von Menschen ohne hausärztliche Versorgung zur Verfügung gehabt.

Das Lagern und der Transport bestimmter der Vakzine sprach zunächst für die großen Zentren. Auch bestand die Hoffnung, dass dort kein Impfstoff verloren ginge und verworfen werden müsse, weil über den Tag genügend Impflinge vor Ort wären, um die Zuteilungen aufzubrauchen. Der Weg durch ein Impfzentrum wurde meist ähnlich einem Fließband organisiert und sollte zudem effiziente Abläufe gewährleisten. 

Doch alle Pläne – für Impfzentren wie für Arztpraxen – stehen und fallen mit der Versorgung an Stoff. Der ist überall noch zu knapp. So sind Impfzentren in einzelnen Bundesländern dazu übergegangen, in manchen Wochen nur die Zweitimpfungen zu verabreichen und niemand neu aufzunehmen für einen ersten Piks. Andere öffneten für zwei bis drei Stunden, dann war der Vorrat versiegt.

Auch Arztpraxen bekommen weiterhin weniger ausgeliefert als sie wohl verimpfen könnten. Zu Beginn gab es zwischen einer und drei Ampullen pro Woche im Schnitt für jede Praxis, daraus lassen sich jeweils etwa sechs Dosen verabreichen.

Die Mitarbeiterinnen in den Praxen stöhnen ob des Andrangs an Impfwilligen. Die Zuteilung der Vakzine ist recht aufwändig, auch weil sich viele Menschen in mehreren Praxen auf eine Warteliste setzen lassen und dann nicht immer zum Termin auftauchen. Eigentlich waren die Praxen gehalten, ebenfalls die Liste der bevorzugten Impflinge abzuarbeiten und erst dann die Jüngeren ohne Vorerkrankungen aufzunehmen. Inzwischen ist die Priorisierung gefallen.

3. Was ist teurer? 

Das hängt stark davon ab, wie gut ein Impfzentrum ausgelastet ist und welchen Anteil die Hausärzte übernehmen. Solange die Vakzine sehr knapp bleiben, arbeiten die Zentren nicht immer effizient. Für die Hallen muss oft Miete gezahlt, Ärzte müssen bezahlt werden, es helfen oft aber auch Freiwillige vom Roten Kreuz mit, an manchen Orten waren es auch Soldaten der Bundeswehr. Die Zentren könnten theoretisch 24 Stunden an sieben Tagen die Woche laufen. Doch die knappen Seren stehen dagegen. Bayerns Staatsregierung veranschlagte die aktuellen monatlichen Kosten für ein Impfzentrum mit rund 300.000 Euro – im Schnitt. Die Kosten teilen sich der Bund und die Länder ungefähr zur Hälfte. Die dezentralen Impfungen durch die Ärzte bezahlt der Bund alleine. 



In den Praxen ist die Infrastruktur bereits vorhanden, die Vakzine werden zusätzlich zum normalen Betrieb verabreicht. Einige Ärzte impfen immer an bestimmten Wochentagen, was den Ablauf effizienter machen soll. Sie bekommen für die Beratung vor dem Impfen zehn Euro und jeweils zwanzig Euro für das Spritzen des Impfstoffs im Abstand mehrerer Wochen. 

4. Welche Rolle spielen die Betriebsärztinnen, die nun auch in Unternehmen immunisieren?

Seit dem 7. Juni werden Impfstoffe gegen Corona auch an Betriebsärzte ausgeliefert, die Beschäftigte in Unternehmen und perspektivisch auch deren Angehörige erreichen können. Seit die Priorisierung aufgehoben ist, sind die Werksmediziner und Arbeitsmediziner regelhaft einbezogen. Für sie sind nach Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums mindestens 500.000 Impfdosen pro Woche vorgesehen.

Menschen könnten am Arbeitsplatz fürs Impfen gewonnen werden, die nicht das Gegenargument suchen, sondern die Gelegenheit, hieß es zu Beginn. Zwang zum Impfen solle es nicht geben, allerdings könnten gerade Betriebsärzte gut die Argumente für eine Immunisierung vermitteln, hatte deren Berufsverband erklärt. Weiterer Vorteil: Ähnlich wie Hausarztpraxen sind die Mediziner im Betrieb für Menschen in ländlichen Gebieten oft leichter zu erreichen als zentrale Zentren. 



5. Brauchen wir also noch Impfzentren?

Früher oder später werden sie dichtmachen. Das zeigt auch der Beschluss der Gesundheitsminister. Umstritten ist derzeit, ob die großen Zentren im Herbst noch gebraucht werden, wenn zum Beispiel bereits eine Auffrischungsimpfung für einen Großteil der Bevölkerung anstehen könnte. Denn gegen Virusvarianten wie die Delta-Mutation helfen die derzeit zugelassenen Impfstoffe eventuell nur noch zu einem gewissen Grad. 

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach argumentiert, dass Deutschland sehr schnell wieder auf die Einrichtungen angewiesen sein könnte. Und: „Impfzentren sind auch eine Anlaufstelle für alle, die keinen Hausarzt haben.“ Sie seien wichtig, um eventuell Nachimpfungen im Herbst zu bewältigen.

Ein leerstehendes oder nur wenig ausgelastetes Zentrum, das dennoch laufende Kosten verursacht, ließe sich der Bevölkerung langfristig allerdings kaum vermitteln. Die Vorwürfe der Geldverschwendung etwa bei Masken oder mit Coronatests in der Pandemie werden gegenüber Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits erhoben.

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Manchmal ist auch nicht der Impfstoff am knappsten in den Zentren, sondern die Ärzte. So will der brandenburgische Kreis Elbe-Elster sein Zentrum Ende Juli schließen, weil die Mediziner, die zuvor in der Halle impften, dies nun in den eigenen Praxen tun. Im Landkreis soll dann aller Impfstoff gleich an die Praxen ausgeliefert werden. Um auch Menschen ohne festen Arzt zu erreichen, organisierten mehrere Praxen bereits in einem Autohaus eine Impfaktion an einem Wochenende.

Mehr zum Thema: Viele Hausarztpraxen müssen Impfstoffe kombinieren, erklärt Hausärztechef Ulrich Weigeldt. Er warnt, dass es weiterhin kein „Wünsch-Dir-Was“ gibt.


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