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Kampf um britische Unternehmen Gerangel um Brexit-Firmen - mit Grünkohl, Bretzel und Hightech-Zirkus

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Berlin wirbt offensiv

Andere Städte sind da selbstbewusster. Düsseldorf etwa, wo Vodafone seit der spektakulären Übernahme des Mannesmann-Konzerns von bald 20 Jahren seinen größten Sitz außerhalb Großbritanniens unterhält. Warum sollte man nicht jetzt versuchen, die ganze Zentrale an den Rhein zu locken, fragt man sich im Rathaus. Oder etwa die Japaner. Schließlich ist man schon heute nach London zweithäufigster Sitz von Europazentralen japanischer Konzerne. „Brexit and its implications for japanese companies“ betitelte also neulich der Düsseldorfer Oberbürgermeister eine Veranstaltung. Sie sei „gut angenommen worden“, sagte Thomas Geisel später und zählte mehr als 120 Unternehmen.

Mittag im Berliner Popup-Lab in London SoHo. Es gibt jetzt geröstetes Graubrot in der essbaren Schale und Drinks aus einem Kühlschrank, den ein Schild als „Berliner Späti“ ausweist. Daneben steht Stefan Franzke und gibt sein zwölftes Interview an diesem Tag. Die Reporterin macht sich Sorgen um London. Man sei doch, sagt sie, bisher Europas Start-up-Hauptstadt gewesen. Und nun komme Berlin und nehme ihnen all die Talente und die jungen Firmen weg? Franzke ist etwas stutzig. Er sagt: „Im nächsten Jahr wird Berlin London als Tech-Hauptstadt überholen. Ich war nicht für den Brexit. Aber alles in allem ist er eine gute Sache für Berlin.“

Sie nutzen also unsere Situation aus? „Nein, wir bauen Brücken. Aber viele Firmen wollen eben in Berlin Geschäfte machen.“ Sie machen denen ja auch Angst und locken sie so aufs Festland. „Der Brexit ist ja auch eine Gefahr. Wenn man die Türen zumacht, dann sperrt man die Talente ein. So verliert man sie.“

Diese Unternehmen spüren schon den Brexit
Vodafone Quelle: REUTERS
Ryanair Quelle: dpa
Easyjet Quelle: REUTERS
IAG Quelle: REUTERS
Virgin Quelle: dpa
Airbus Quelle: dpa
Siemens Quelle: REUTERS

Franzke freut sich über das Medieninteresse. Aber er merkt auch, dass seine Offensive nicht überall gut ankommt. Auch in Deutschland sind er und seine Aktionen inzwischen berühmt – und berüchtigt. Eigentlich wollte er mit seiner Berlin-Schau nach New York. Dann kam der Brexit. Und Franzke schmiss den Plan um, mietete sich in London ein.

In so manchem bundesrepublikanischen Rathaus wurde dieser Aktionismus anfangs belächelt, mitunter ungläubig bestaunt. Inzwischen aber sind die vorherrschenden Gefühle: Neid und Angst.

Bis in den Deutschen Städtetag hat es der Name des Berliner Wirtschaftsförderers inzwischen geschafft. Nachdem Franzke diesen Sommer mit seinem Berlin-Zirkus in München gastierte, um auch dort die Jungunternehmer abzuwerben, beschwerten sich die Bayern – selbst interessiert, sich als Start-up-Metropole zu inszenieren – über das offensive Vorgehen der Konkurrenz. Es gehöre eben zu den „klassischen Aufgaben“ der Städte für sich selbst als Wirtschaftsstandort oder Tourismusziel werben, räumt man beim Städtetag ein. „National stehen die Städte in Deutschland damit natürlich auch untereinander in einem gewissen Wettbewerb“, sagt Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy der WirtschaftsWoche.

Franzke findet das alles etwas übertrieben. Und außerdem: seine Kollegen könnten doch auch mal was Neues machen. „Letztendlich sind wir doch alle Vertreter. Da gilt: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Aber um viel zu fangen, schiebt er dann noch nach, müsse man eben dahin gehen, wo die Fische seien.

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