Kampf um britische Unternehmen Gerangel um Brexit-Firmen - mit Grünkohl, Bretzel und Hightech-Zirkus

Nach dem Brexit riechen Wirtschaftsförderer das große Geschäft: Hunderte Unternehmen könnten eine neue Heimat auf dem Kontinent suchen. Unter deutschen Städten ist ein Wettkampf um diese Firmen ausgebrochen.

Stefan Franzke, Chef der Berliner Wirtschaftsförderung, mit dem Roboter eines Berliner Start-ups. Quelle: Chris Gloag für WirtschaftsWoche

Als Stefan Franzke den Briten sagt, dass es mit ihnen nun endgültig vorbei ist, da hat er seinen Tag gerade erst begonnen. Franzke, ein schlaksiger, immer etwas nervöser Mann im schmalen, dunkelblauen Anzug, die Haare leicht gegelt, den Bart sauber ausrasiert, hannoveraner Hochdeutsch, etwas holpriges Englisch, steht in einem Ladenlokal im hippen und teuren Londoner Stadtteil Soho. Unter der Decke rote Luftballons mit dem Berliner Stadtlogo. Aus dem Schaufenster grüßt ein „humanoider“ Roboter aus der Hauptstadt. In der Ecke summt eine Drohne, die Osram mit einem Start-up von der Spree entwickelt, irgendwo knistert ein 3-D-Drucker natürlich aus Berlin. Dazwischen Franzke.

Es ist kurz vor zehn. Um den Chef der hauptstädtischen Wirtschaftsförderung, Berlin Partner genannt, drängt sich alles: Reporter, Blogger, Fernsehteams, die Gründer wegen denen Franzke den ganzen Zinnober hier veranstaltet. 50 Besucher auf 20 Quadratmetern.

Franzke wird später sagen, es sei gut besucht gewesen. Er war an diesem Wintermontag schon im britischen Frühstücksfernsehen zu Gast. Nun eröffnet er den Popup-Store, mit dem die deutsche in der englischen Hauptstadt eine Woche lang zeigen will, was sie alles noch so drauf hat außer billigem Bier und günstigen Mieten. So will Franzke um Unternehmen buhlen, die nach dem Brexit-Votum die Nase voll haben von der Insel.

Er ruft: „Ich bedauere den Brexit. Aber für Berlin ist das eine riesige Chance.“ Mit 40 Firmen, sagt er, spreche man derzeit detailliert über Umzugspläne. Mit fünf gebe es bereits Vereinbarungen. „Berlin ist die vibrierendste Stadt auf dem Kontinent“, sagt Franzke. Was natürlich gleichzeitig bedeutet: Alle anderen Kommunen können einpacken, bitteschön.

"Die Entscheidung von Frau May ist konsequent"
Sigmar Gabriel:Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die Konkretisierung der britischen Brexit-Pläne durch Premierministerin Theresa May als Beitrag zu mehr Klarheit begrüßt.
Clemens Fuest:Ifo-Präsident Clemens Fuest hat die Bundesregierung und die EU vor Strafaktionen gegen Großbritannien gewarnt. „Europa sollte ein möglichst umfassendes Freihandelsabkommen mit Großbritannien abschließen, das auch bei Dienstleistungen eine enge wirtschaftliche Integration aufrecht erhält“, sagte der Wirtschaftsforscher. So lasse sich der Schaden des Brexit für beide Seiten minimieren. „Die Debatte über angebliches Rosinenpicken muss aufhören, dieser Vorwurf vergiftet die Atmosphäre und führt nur zu einer Verhärtung der Fronten“, warnte Fuest. Quelle: dpa
Nicola Sturgeon.Der ankündigte harte Bruch mit der EU wäre nach Ansicht der schottischen Regierung eine
Volker Kauder:Unionsfraktionschef Volker Kauder kündigt eine harte Haltung gegenüber Großbritannien an. Wenn es einen Abbruch der Beziehungen wolle, sei dies so. Aber dann könne es auch nicht mehr mit den Vorteilen der EU rechnen, sagt der CDU-Politiker. Quelle: dpa
Thomas Oppermann:SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagt:
Volker Treier:Die britischen Brexit-Pläne schaffen nach Einschätzung von DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier mehr Klarheit und geben den Unternehmen damit mehr Planungssicherheit.
Elmar Brok: Ein Ausscheiden Großbritanniens aus dem Binnenmarkt und der Zollunion birgt nach Auffassung des EU-Politikers Elmar Brok (CDU) mehr Nachteile für die Briten als für die anderen EU-Mitgliedstaaten. Die Linie der EU sei klar, sagte der Christdemokrat. „Niemand, der aus der Gemeinschaft austritt, darf sich durch europäisches Entgegenkommen belohnt fühlen. Wir wollen schließlich keine Nachahmer.“ Es sei ein Londoner Irrglaube, zu denken, ein Austritt lasse sich von heute auf morgen durch ein privilegiertes Handelsabkommen mit den USA kompensieren, so Brok. Deutschland sei für Großbritannien vor den USA im Warenhandel der wichtigste Handelspartner, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament. Quelle: dpa

Und so ist die Show des Berliner Wirtschaftsförderers zuallererst eine Kampfansage an seine deutschen Kollegen. An die Lobbyisten aus Stuttgart oder München, Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf, die wie er seit Wochen über der Frage brüten, wie sie sich gegenseitig beim Buhlen um die Brexiteers ausstechen können. Sie wittern das große Geschäft. Gerade erst stellte eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young fest, dass 40 Prozent der ausländischen Firmen nach dem Brexit Deutschland als attraktiven Standort schätzen. Für mehr als die Hälfte der bisher im Vereinigten Königreich aktiven Firmen wäre Deutschland der bevorzugte Standort in Europa.

In der vergangenen Woche stimmte das britische Unterhaus formal dem Austrittsgesetz von Premierministerin Theresa May zu. Ab heute debattiert das Oberhaus darüber. Im März dann schon will die Regierung in Brüssel offiziell ihr Ausscheiden aus der Europäischen Union beantragen. Das Vereinigte Königreich macht Ernst. Und so bereitet man sich auch in den deutschen Rathäusern auf den Konkurrenzkampf vor.

Das sagen Ökonomen zum Brexit-Entscheid

Uwe Becker etwa hat deshalb Englisch geübt. Frankfurts Stadtkämmerer trägt wenig Haupthaar aber einen gut-sitzenden Anzug. Man will ja nicht provinziell wirken. Nicht hier, auf dem europäischen Bankenkongress in der Alten Oper, bei dem sich die Hautevolee der Szene trifft. Die Veranstaltung ist so ziemlich das Gegenteil des Berliner Popups. Doch auch in Frankfurt geht es in diesem Jahr nur um den Brexit. Deshalb erklärt Uwe Becker nun den Bankern in geschliffenem Englisch, dass es ihm Leid tue mit dem Brexit. Ein schwarzer Tag für Europa sei das gewesen. „Aber jetzt müssen wir uns um die Zukunft kümmern: Wir werden alles tun, um zu zeigen, dass Frankfurt die beste Alternative zu London ist.“ Und: „Es gibt in Europa nur einen Platz für Finanz-Start-ups: Frankfurt.“

Das Becker das so betonen muss, liegt vor allem an den Berlinern. Sie haben in den vergangenen Monaten besonders um sogenannte „Fintechs“ geworben – Startups aus der Finanz- und Versicherungsbranche, die den altmodischen Wirtschaftszweig aufrollen wollen. Bisher war man am Main davon ausgegangen, dass diese Jungunternehmen natürlicherweise dorthin ziehen würden, wo das große Geld schon jetzt wohnt. Bisher aber will sich das nicht so recht einstellen. Stattdessen häufen sie sich eher in an der Spree. Wer das Geschäftsmodell der Banken und Versicherer angreifen will, so das gängige Argument der Jungunternehmer, der studiert womöglich besser zunächst aus der Ferne die Schwächen der Branche. Und was der gesetzten Mainmetropole ferner als die wuselige Hauptstadt? So ist man in Frankfurt mittlerweile kleinlauter geworden, denkt gar über eine gemeinsame deutsche Post-Brexit-Standortwerbung nach, damit es auch gerecht zugeht.

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