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Kapitalismuskrise Der Bankrott der Marktwirtschaft

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Die Regierung reagiert aktuell Quelle: dpa

Die grobe Geringschätzung des Kapitalismus und seiner eminenten Vorzüge – man höre sich nur einmal in China um – gehört in Deutschland mittlerweile so sehr zum guten Ton, dass man sich seiner selbst im CDU-geführten Kanzleramt befleißigt, um wahlweise Banken, Ratingagenturen oder Rohstoffhändler an den Pranger zu stellen. Der allgemeine Geldmangel der Politik im Auge der Staatsschuldenkrise wird nur noch von der Hilf- und Sprachlosigkeit einer „bürgerlichen“ Regierung übertroffen, die sich stets als Anwalt der Wirtschaft verstanden hat – und ihr eigenes Weltbild nicht mehr versteht.

Die Entgeisterung, mit der Kanzlerin Angela Merkel, FinanzministerWolfgang Schäuble (beide CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) den Finanzmarktnachrichten hinterherregieren, ist der stille Ausdruck einer liberalkonservativen Identitätskrise. Union und FDP haben sie allerdings nicht der dunklen Macht eines „entfesselten Kapitalismus“, sondern allein sich selbst zuzuschreiben. Beide Parteien haben in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten beinah alles, was ihnen hoch und heilig war, leichtfertig über Bord geworfen. Sie haben die mit der (sozialen) Marktwirtschaft verbundenen Werte (Sparsamkeit, Machtdiffusion, Verantwortung) einem „Geldismus“ geopfert, der Aktionäre zulasten der Mitarbeiter privilegierte, Ordnung als Bürokratisierung denunzierte und (kurzfristigen) Managementerfolg statt Arbeit und Leistung belohnte.

Zügel der Freiheit

Der Bankier, einst ein Leitbild von Seriosität, mutierte in der Gestalt des Investmentbankers zum Zocker – und der Kapitalismus nahm Züge des Abenteurertums an. Statt Sicherheit und langfristige Risikoabschätzung wurden Wette und Spiel zur Geschäftsgrundlage. Der Soziologe Sighard Neckel erkennt darin einen "Kapitalismus ohne Bürgerlichkeit“. Hohe Einkommen rechtfertigten sich nicht mehr durch Fleiß, Ausdauer und Talent, sondern durch schnellen Erfolg im Wettbewerb. Sie seien kein Leistungsentgelt mehr, sondern verdankten sich der günstigen Gelegenheit, dem ökonomischen Draufgängertum: "Die historische Verbindung von Kapitalismus und Bürgerlichkeit gelangt im 21. Jahrhundert an ein Ende“, sagt Neckel. "Längst hat sich im Wirtschaftsleben ein Neofeudalismus der Begüterten ausgebreitet, der in seinem Hang zur Verschwendung ganz und gar unbürgerlich ist.“

CDU und FDP haben diese systematische Entbürgerlichung der Wirtschaft hinter allerlei rhetorischem Gewölk (Effizienz! Kreativität! Initiative!) versteckt und die "Globalisierung“ zu einem tragischen Akteur stilisiert, der das flüchtige Kapital von Steueroasenbewohnern begünstigt, von den Schwächsten aber dauernd Opfer verlangt. Seither klingen Ludwig Erhards "Wohlstand für alle“ und Wilhelm Röpkes "Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch“ täglich hohler – und Guido Westerwelles „Leistung muss sich wieder lohnen“ wie eine Verhöhnung des neu entstandenen Dientleistungsproletariats.

Vielleicht die wichtigste Selbstverständigungsvokabel, die dem „bürgerlichen Lager“ dabei abhanden gekommen ist, ist die der Pflicht. Für Immanuel Kant, den Königsberger Vordenker eines "weltbürgerlichen Zustandes“, war sie eine Art "innere Idee“ von Moralität, die den Menschen dazu bringt, sich selbst und seinen Bedürfnissen Grenzen zu setzen. Kants Pflicht war in Form des Gewissens ein Zügel der Freiheit – und in Form der Vernunft eine Kandare gegen die Verlockungen eiligen Glücks. Entsprechend bedeutete Bürgerlichkeit nicht nur, sich durch vorbildhaftes Verhalten auszuzeichnen, also durch ein Handeln, für das Ende des 18. Jahrhunderts noch die Begriffe "Tugend“ und "Sittenhaftigkeit“ zur Verfügung standen; Bürgerlichkeit bedeutete vor allem, dass der Mensch den Maßstab für sein Handeln in sich selbst findet, statt der adligen Obrigkeit brav Folge zu leisten.

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