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Kapitalismuskrise Der Bankrott der Marktwirtschaft

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In seinen Stücken parodierte Quelle: dapd

Die Linken haben die emanzipative Sprengkraft dieses Gedankens nie verstanden; für sie steht Kants "Eigenverantwortung“ unter dem Generalverdacht, bloße Maskerade zu sein für den Willen zum Sozialstaatsabbau. Die sogenannten bürgerlichen Parteien aber haben, schlimmer noch, das Gut der „Eigenverantwortung“ ausgehöhlt: Niedriglöhnern und Hartz-IV-Empfängern wurde sie gesetzlich aufgezwungen, Wohlhabende und Reiche indes wurden von ihr entbunden. Ihr Kapital ist flüchtig – und ihr Eigentum verpflichtet sie zu nichts mehr. Einigen ist das mittlerweile so peinlich geworden, dass sie den Staat auffordern, sie stärker in die steuerliche Pflicht zu nehmen.

Primat der Ethik nicht der Politik

Wie konnte es dazu kommen? Zu den Grundsätzen des konservativ-liberalen Lagers in Deutschland gehörte lange Zeit die Gewissheit, dass, was gut für die Wirtschaft auch gut für das Land sei. Die Bundesrepublik verstand sich als wirtschaftsfreundliches Land, das keinen Grund hatte, mit dem Kapitalismus zu hadern, die Westdeutschen hatten ihn in Gestalt der Sozialen Marktwirtschaft als guten Partner kennen gelernt. Arbeitern und Angestellten bot er Wohlstand und soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Es entstand das, was der Soziologe Helmut Schelsky die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ nannte, also eine Gesellschaft, für die der Trend zur Angleichung der Lebensverhältnisse kennzeichnend war und der Loriot das Gesicht gegeben hat: den Mann mit Knollennase, ein freundlicher, ordnungsliebender Kleinbürger, über dessen Mittelstandsbäuchlein sich der Stresemann spannt.

Das Bürgerliche war gewissermaßen volkseigen geworden. Was aber heißt bürgerlich? Kaum jemand hat diese Frage so treffsicher beantwortet wie der Philosoph Georg Lukács: „Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben; dass das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan werden muss ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft der Ordnung über die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität, die von Sensationen gespeist wird.“

An den Finanzmärkten haben selbst ernannte Masters of the Universe Lukács’ Bürgerlichkeit pervertiert: Sie haben Stimmungen gehandelt, Momente gefeiert und auf Sensationen gewartet. Die Rückkehr zu Ordnung, Dauer und ruhiger Arbeit ist allerdings nicht von einer sozialistischen Internationalen zu erwarten, die ihre Ressentiments auslebt (Finanzmarktsteuer) und uns uralte Hüte verkauft („Primat der Politik“). Sie ist nicht zu erwarten von Feuilletonisten, die sich am kalten Kaffee eines Gespensterkapitals erwärmen, das von irren Spekulanten, die Meinungen über Meinungen handeln, in Form von bloßen Zeichen und Ziffern rund um den Globus geschickt wird.

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