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Kapitalismuskrise Der Bankrott der Marktwirtschaft

Die bürgerliche Weltsicht ist durch die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die galoppierende Staatsverschuldung aus den Fugen geraten. Dabei werden die Werte der Marktwirtschaft dringender denn je gebraucht.

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Familienurlaub am See in den Sechziger Jahren Quelle: dpa

Wenn es in diesen grundstürzend revolutionären Wochen und Monaten etwas gibt, das die Menschen in Kairo, Tunis, Damaskus und Tripolis mit den Menschen in New York, London, Berlin und Athen verbindet, dann ist das wohl ihre Sehnsucht nach Form und Gewissheit, nach Alltag und Trivialität. Munter, höflich, wohlwollend und rechtschaffen sein, ein wackerer und brauchbarer Mensch; ein ruhiges, angenehmes und aufgeräumtes Leben führen als Arzt, Anwalt, Händler oder Kaufmann, unbedrängt von Gewalt, Korruption und angemaßter Herrschaft – offenbar ist die große bürgerliche Utopie des europäischen 19. Jahrhunderts, „in der Freyheit heil’gem Schutz“ (Friedrich Schiller) ein Leben in Anstand und Wohlstand zu führen, Anfang des 21. Jahrhunderts endgültig zu einem universellen Anliegen geworden.

Legende aus längst versunkener Zeit

Der entscheidende Unterschied zwischen dem geldwirtschaftlich gelähmten Westen und dem revolutionär bewegten Nahen Osten besteht darin, dass die "heil’ge Ordnung“ einer bürgerlichen Ökonomie, in der "tausend fleißige Hände“ sich regen und jeder "seiner Stelle“ sich freut, den Bewohnern der finanzmarktkapitalistischen Kampfzonen wie eine Legende aus längst versunkener Zeit vorkommt, während sie der arabischen Welt vorläufig nicht mehr als eine vage Verheißung ist. Anders gesagt: Der säkularisierte Westen hat sich an einer affektgeladenen Geldkonfession, Shareholder-Value-Religion und Finanzmarktfrömmigkeit berauscht und dabei den Kompass bürgerlicher Vernunft verloren, der religionsnahe Osten hingegen bedarf dringend der rationalen Orientierung. Ironie der Geschichte! Ausgerechnet in dem Moment, da die Menschheit die letzten Bastionen wider die Marktwirtschaft, Zivilität und Selbstbestimmung schleift, erschöpft sich die monetäre Kraft des kapitalistischen Westens zur Erschließung neuer Mittelschichten. Und damit geht auch die stille Autorität des zivilisatorischen Fortschritts zur Neige, mit der die USA und Europa bisher so erfolgreich den Export ihrer bürgerlichen Konsumkultur betrieben haben.

Sprach- und Hilflosigkeit

Mitten hinein in den mühsam verschleppten Bankrott eines verausgabten Kreditkapitalismus trompetet nun die Linke den 28. Aufguss ihrer Systemkritik. Offenbar ist sie angesichts der Fülle europäischer Rettungsschirme und amerikanischer Geldexpansionen der Meinung, immer schon irgendwie recht gehabt zu haben mit ihrer sozialistischen Dreieinfältigkeit (Arbeiterausbeutung, Unternehmerverachtung, Reichtumsverdammung). Stattdessen preist sie als Alternative zum Kapitalismus beispielsweise ein "kampferfülltes Leben“ in Kuba und speziell Fidel Castros angeblich erfolgreiche Gesundheitspolitik. Das Schlimme an dieser Groteske ist: Sie wirkt gar nicht mehr grotesk in einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen drei Jahren offenbar stillschweigend darüber verständigt hat, dass Spekulanten böse sind, der Kapitalismus die Reichen bereichert und „die da oben“ sowieso machen, was sie wollen.

Die Regierung reagiert aktuell Quelle: dpa

Die grobe Geringschätzung des Kapitalismus und seiner eminenten Vorzüge – man höre sich nur einmal in China um – gehört in Deutschland mittlerweile so sehr zum guten Ton, dass man sich seiner selbst im CDU-geführten Kanzleramt befleißigt, um wahlweise Banken, Ratingagenturen oder Rohstoffhändler an den Pranger zu stellen. Der allgemeine Geldmangel der Politik im Auge der Staatsschuldenkrise wird nur noch von der Hilf- und Sprachlosigkeit einer „bürgerlichen“ Regierung übertroffen, die sich stets als Anwalt der Wirtschaft verstanden hat – und ihr eigenes Weltbild nicht mehr versteht.

Die Entgeisterung, mit der Kanzlerin Angela Merkel, FinanzministerWolfgang Schäuble (beide CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) den Finanzmarktnachrichten hinterherregieren, ist der stille Ausdruck einer liberalkonservativen Identitätskrise. Union und FDP haben sie allerdings nicht der dunklen Macht eines „entfesselten Kapitalismus“, sondern allein sich selbst zuzuschreiben. Beide Parteien haben in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten beinah alles, was ihnen hoch und heilig war, leichtfertig über Bord geworfen. Sie haben die mit der (sozialen) Marktwirtschaft verbundenen Werte (Sparsamkeit, Machtdiffusion, Verantwortung) einem „Geldismus“ geopfert, der Aktionäre zulasten der Mitarbeiter privilegierte, Ordnung als Bürokratisierung denunzierte und (kurzfristigen) Managementerfolg statt Arbeit und Leistung belohnte.

Zügel der Freiheit

Der Bankier, einst ein Leitbild von Seriosität, mutierte in der Gestalt des Investmentbankers zum Zocker – und der Kapitalismus nahm Züge des Abenteurertums an. Statt Sicherheit und langfristige Risikoabschätzung wurden Wette und Spiel zur Geschäftsgrundlage. Der Soziologe Sighard Neckel erkennt darin einen "Kapitalismus ohne Bürgerlichkeit“. Hohe Einkommen rechtfertigten sich nicht mehr durch Fleiß, Ausdauer und Talent, sondern durch schnellen Erfolg im Wettbewerb. Sie seien kein Leistungsentgelt mehr, sondern verdankten sich der günstigen Gelegenheit, dem ökonomischen Draufgängertum: "Die historische Verbindung von Kapitalismus und Bürgerlichkeit gelangt im 21. Jahrhundert an ein Ende“, sagt Neckel. "Längst hat sich im Wirtschaftsleben ein Neofeudalismus der Begüterten ausgebreitet, der in seinem Hang zur Verschwendung ganz und gar unbürgerlich ist.“

CDU und FDP haben diese systematische Entbürgerlichung der Wirtschaft hinter allerlei rhetorischem Gewölk (Effizienz! Kreativität! Initiative!) versteckt und die "Globalisierung“ zu einem tragischen Akteur stilisiert, der das flüchtige Kapital von Steueroasenbewohnern begünstigt, von den Schwächsten aber dauernd Opfer verlangt. Seither klingen Ludwig Erhards "Wohlstand für alle“ und Wilhelm Röpkes "Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch“ täglich hohler – und Guido Westerwelles „Leistung muss sich wieder lohnen“ wie eine Verhöhnung des neu entstandenen Dientleistungsproletariats.

Vielleicht die wichtigste Selbstverständigungsvokabel, die dem „bürgerlichen Lager“ dabei abhanden gekommen ist, ist die der Pflicht. Für Immanuel Kant, den Königsberger Vordenker eines "weltbürgerlichen Zustandes“, war sie eine Art "innere Idee“ von Moralität, die den Menschen dazu bringt, sich selbst und seinen Bedürfnissen Grenzen zu setzen. Kants Pflicht war in Form des Gewissens ein Zügel der Freiheit – und in Form der Vernunft eine Kandare gegen die Verlockungen eiligen Glücks. Entsprechend bedeutete Bürgerlichkeit nicht nur, sich durch vorbildhaftes Verhalten auszuzeichnen, also durch ein Handeln, für das Ende des 18. Jahrhunderts noch die Begriffe "Tugend“ und "Sittenhaftigkeit“ zur Verfügung standen; Bürgerlichkeit bedeutete vor allem, dass der Mensch den Maßstab für sein Handeln in sich selbst findet, statt der adligen Obrigkeit brav Folge zu leisten.

In seinen Stücken parodierte Quelle: dapd

Die Linken haben die emanzipative Sprengkraft dieses Gedankens nie verstanden; für sie steht Kants "Eigenverantwortung“ unter dem Generalverdacht, bloße Maskerade zu sein für den Willen zum Sozialstaatsabbau. Die sogenannten bürgerlichen Parteien aber haben, schlimmer noch, das Gut der „Eigenverantwortung“ ausgehöhlt: Niedriglöhnern und Hartz-IV-Empfängern wurde sie gesetzlich aufgezwungen, Wohlhabende und Reiche indes wurden von ihr entbunden. Ihr Kapital ist flüchtig – und ihr Eigentum verpflichtet sie zu nichts mehr. Einigen ist das mittlerweile so peinlich geworden, dass sie den Staat auffordern, sie stärker in die steuerliche Pflicht zu nehmen.

Primat der Ethik nicht der Politik

Wie konnte es dazu kommen? Zu den Grundsätzen des konservativ-liberalen Lagers in Deutschland gehörte lange Zeit die Gewissheit, dass, was gut für die Wirtschaft auch gut für das Land sei. Die Bundesrepublik verstand sich als wirtschaftsfreundliches Land, das keinen Grund hatte, mit dem Kapitalismus zu hadern, die Westdeutschen hatten ihn in Gestalt der Sozialen Marktwirtschaft als guten Partner kennen gelernt. Arbeitern und Angestellten bot er Wohlstand und soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Es entstand das, was der Soziologe Helmut Schelsky die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ nannte, also eine Gesellschaft, für die der Trend zur Angleichung der Lebensverhältnisse kennzeichnend war und der Loriot das Gesicht gegeben hat: den Mann mit Knollennase, ein freundlicher, ordnungsliebender Kleinbürger, über dessen Mittelstandsbäuchlein sich der Stresemann spannt.

Das Bürgerliche war gewissermaßen volkseigen geworden. Was aber heißt bürgerlich? Kaum jemand hat diese Frage so treffsicher beantwortet wie der Philosoph Georg Lukács: „Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben; dass das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan werden muss ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft der Ordnung über die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität, die von Sensationen gespeist wird.“

An den Finanzmärkten haben selbst ernannte Masters of the Universe Lukács’ Bürgerlichkeit pervertiert: Sie haben Stimmungen gehandelt, Momente gefeiert und auf Sensationen gewartet. Die Rückkehr zu Ordnung, Dauer und ruhiger Arbeit ist allerdings nicht von einer sozialistischen Internationalen zu erwarten, die ihre Ressentiments auslebt (Finanzmarktsteuer) und uns uralte Hüte verkauft („Primat der Politik“). Sie ist nicht zu erwarten von Feuilletonisten, die sich am kalten Kaffee eines Gespensterkapitals erwärmen, das von irren Spekulanten, die Meinungen über Meinungen handeln, in Form von bloßen Zeichen und Ziffern rund um den Globus geschickt wird.

Alt-Bundeskanzler Ludwig Quelle: dpa

Die Lösung liegt vielmehr in der Durchsetzung einer (internationalen) Ordnungspolitik, die Aktionäre, Mitarbeiter und Verbraucher gleichermaßen ins Zentrum des Wirtschaftsgeschehens rückt – und in der Rehabilitation der so gründlich verhunzten Zentralbegriffe der (sozialen) Marktwirtschaft. Nur durch die Rückbesinnung einer auf „Maß und Mitte“ (Wilhelm Röpke) zielenden Wirtschaftspolitik, die auf Vermögen, Eigentum und Sparkapital statt Kreditmissbrauch aufbaut und mehr Kreislauf im Sinn hat als Expansion, kann das „bürgerliche Lager“ seine akute Sprachlosigkeit überwinden.

Maß und Mitte

Dazu allerdings müssten Union und FDP endlich begreifen, dass sie selbst es waren, die ganz entscheidend an der Entwertung, ja: Aufhebung der Marktwirtschaft durch den Finanzmarktkapitalismus mitgewirkt haben. Tatsächlich ist der Gegensatz von Marktwirtschaft und Staatswirtschaft in der gegenwärtigen Geldwirtschaft aufgehoben. In Wahrheit haben wir es seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems (1973) mit einem finanzmarktliberalen Staatsschuldenkapitalismus zu tun, der auf dem säkularreligiösen Glauben an unendlich vermehrbares Kreditgeld beruht – und an eine unendlich verlängerbare Frist, die uns die „Realisierung“ der Schulden erspart.

Was aber folgt daraus? Ganz einfach: Wir brauchen eine neue Ordnung, die von der Freiheit, die sie zulässt, nicht zugrunde gerichtet wird. Und einen Staat, der sich nicht als Schuldner von den Finanzmärkten abhängig macht, sondern sich stattdessen bescheidet. So weit allerdings war Ludwig Erhard auch schon.

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