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Kapitalismuskritiker Jean Ziegler "Wir leben in einer kannibalischen Welt"

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"Das Bewusstsein der Menschen ist entfremdet"

Sieben Milliarden Menschen auf der Welt könnten in Freiheit und (bescheidenem) Wohlstand leben, wenn wir uns anders aufstellen würden?

Karl Marx ist 1883 gestorben. Bis zum letzten Atemzug hat er geglaubt, dass der objektive Mangel an Gütern die Gesellschaft beherrschen werde. Menschen – so seine Prognose – würden stets um die wenigen, in absoluten Zahlen: ungenügenden, Güter streiten. Das war die Grundlage seiner Klassenkampftheorie. Aber: Seit dem Tod von Marx hat die Welt eine phänomenale und bewundernswerte Entwicklung genommen und im Zuge der industriellen Revolution die Produktionskräfte unglaublich gesteigert. Der objektive Mangel ist heute verschwunden. Die Welt-Landwirtschaft könnte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren. Heute sterben die Menschen nicht mehr, weil die Nahrungsproduktion ungenügend ist, sondern weil ihnen der Zugang zu den Gütern verwehrt ist.

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Ist die Entwicklungspolitik - die Hilfe zur Selbsthilfe - gescheitert?

Es ist der richtige Schritt, den Menschen vor Ort zu ermöglichen, für ihre eigenen Bedürfnisse sorgen zu können. Aber das passiert nicht. Ich würde mir wünschen, dass die nächste Generalversammlung des Internationalen Währungsfonds nur ein einziges Mal nicht für die Gläubigerbanken stimmt, sondern für die Menschen. Das hieße: für eine Entschuldung der 50 ärmsten Länder des Planeten. Dann könnten diese endlich Investitionen in der Landwirtschaft tätigen, leichte Maschinen anschaffen, Saatgut und Düngemittel. So könnten Tausende Menschenleben unmittelbar gerettet werden. Das müssten die Bürger in der Schweiz, in den USA und in Deutschland nur wollen.

Zweifeln Sie diesen Wunsch etwa an?

Ich spüre jedenfalls nicht, dass ein großer Druck auf die Elite ausgeübt wird, an den Missständen irgendetwas zu ändern.

Die wichtigsten Begriffe in der Kapitalismus-Debatte

Wie erklären Sie sich die Gleichgültigkeit?

Das Bewusstsein der Menschen ist entfremdet. Das Solidaritätsbewusstsein, das Prinzip der Gegenseitigkeit, ich bin der andere, der andere bin ich, wie der Philosoph Ludwig Feuerbach so schön gesagt hat, zeichnet den Menschen aus. Eigentlich. Ich fürchte, dass diese Grundstruktur – die den Menschen von all den anderen Lebenswesen unterscheidet – durch die neoliberale Ideologie verschüttet ist. Das führt dazu, dass die Mehrheit der Menschen freiwillig gegen Solidarität für Schwächere stimmt. Und zum Teile – siehe die Schweiz – auch gegen ihre eigenen Interessen.

Die Schweiz hat in Volksabstimmungen eine Erhöhung des Mindestlohns und eine Begrenzung der Managergehälter abgelehnt sowie gegen eine Begrenzung der Zuwanderung gestimmt.

Darauf zielte meine Aussage ab, ja. Das Schweizer Volk stimmt frei, nicht manipuliert, geheim in der Urne, immer gegen ihre eigenen, materiellen Interessen ab. Das ist die totale Entfremdung.

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