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Karl-Theodor zu Guttenberg Baron ohne Bremse

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Mit der Erfindung Guttenbergs begann das Eigenleben des Erfundenen.

Nachdem der Wirtschaftsminister Guttenberg erfahren hatte, dass er mit klarer Haltung und ebensolchen Worten ("geordnete Insolvenz") beim Wähler punkten kann, hielt er diesen Kurs. Selbst als es nicht mehr um die Existenz von Opel in Rüsselsheim ging, sondern um Quelle in Fürth. Als Seehofer um Arbeitsplätze in Guttenbergs Franken kämpfte, gab dieser lieber den Ordnungs- als den Landespolitiker. Seehofer empfand das als undankbar, wenn nicht als Vertrauensbruch.

Eine Chance, den Undankbaren in die Schranken zu weisen, schien gekommen, als sich Guttenberg, nun Verteidigungsminister, an die Reform der Bundeswehr wagte. Guttenberg warf ehedem feste Überzeugungen flugs über Bord und stritt fortan dafür, die Wehrpflicht auszusetzen. Seehofer sprach sich vehement dagegen aus, wähnte starke Unionstruppen hinter sich – und sah sie dann geschlossen zu Guttenberg überlaufen. Seitdem weiß Seehofer, dass er Guttenberg nicht stoppen kann. Und dass seine Uhr tickt.

Es ist eine Pointe in dieser Geschichte von entmachtetem Schöpfer und mächtigem Geschöpf, dass Guttenberg einstweilen Seehofers bester Schutz ist.

Denn Guttenberg will nicht nach Bayern. Und, nach allem, was man hört, will seine Frau schon gar nicht. Guttenberg schwebt längst in Höhen, von denen aus Bayern provinziell aussehen muss. Zudem hat sich kein anderer CSU-Mann je derart selbst entbayert wie Guttenberg.

Er kennt keine Mundart, keine Folklore, keine Weißwurst-und-Weißbier-Seligkeit. Guttenberg ist Außen- und Sicherheitsexperte, Transatlantiker, mit besten politischen Kontakten in aller Welt. Lieber Washington als Walpertskirchen. Politiker, die nach ganz oben wollen, wechseln gewöhnlich aus den Ländern in die Hauptstadt. Das Besondere, das nachgerade Perfide im Fall Guttenberg ist: Ausgerechnet er, der Atlantiker und Afghanistan-Befehlshaber, wird wohl nur über Bayern ans Ziel gelangen – ins Kanzleramt.

Als Landesvater hat sich Seehofer verloren

Dass Guttenberg ohne Umweg Kanzler wird, ist nur in einer Variante denkbar: dass die CDU die Landtagswahl in Baden-Württemberg im nächsten März krachend verliert und sich bis zum Herbst 2012 nicht mehr erholt. Guttenbergs Nominierung als Kanzlerkandidat 2013 wäre nur als Verzweiflungstat der CDU möglich.

Wahrscheinlicher bleibt der Umweg. Guttenbergs Popularität hat der Union bis dato nichts genutzt; die Umfragen sind miserabel. Soll die größere CDU den Strahlemann ihrer kleinen Schwester ins höchste Amt hieven, muss Guttenberg beweisen, dass er Beliebtheit in Stimmen übertragen kann. Wer Umfragen gewinnt, gewinnt nichts. Wer aber für die CSU die absolute Mehrheit zurückgewinnt, gewinnt auch die Kanzlerkandidatur – 2017. Guttenberg hat Bayern keineswegs längst hinter sich gelassen. Er hat es noch vor sich.

Eine hübsche Ironie liegt darin, dass auch Seehofer, wie Guttenberg, nie nach München wollte. Politisch sind beide Bundesgewächse. Und ähnlich wie jetzt Guttenberg wurde einst auch Seehofer, wenngleich auf niedrigerer Flughöhe, allein von seiner Beliebtheit getragen. Sie war stets seine politische Lebensversicherung. Guttenberg sollte das zu denken geben.

Als Landesvater hat sich Seehofer verloren. Sprunghaft, erratisch, linien-, ja prinzipienlos.Beliebtheit, das zeigt sich an seinem Beispiel, ist in der Politik eine weiche Währung, mit heftigen Kursausschlägen nach unten. Seehofer stagniert nun auf Allzeittief.

Guttenbergs Schwäche, der wunde Punkt des so leuchtenden Achilles, ist seine Eitelkeit. Sie kommt – und das macht sie für ihn besonders gefährlich – im Gewand der Demut daher. Wie zu Wochenanfang in Recklinghausen.

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