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Karl-Theodor zu Guttenberg Baron ohne Bremse

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Beim Treffen der Senioren-Union war alles auf das große Duell ausgerichtet. So wie es jetzt immer ist, wenn zuerst Guttenberg spricht und danach jemand, den er beerben soll. An diesem Montag war die Kanzlerin dafür vorgesehen. Das Duell fiel aber aus, weil Angela Merkels Bundeswehrmaschine, ausgerechnet, eine Panne hatte. Umso ungebremster huldigten die Alten dem Jungen.

Als Guttenberg die Ruhrfestspielhalle betritt, erscheint vorn auf der Großleinwand ein zweiter KT. Einer mit Sonnenbrille, im olivfarbenen Draußen-zu-Hause-Look der Bundeswehr; er plaudert lässig mit Soldaten.

Das Licht wird gedimmt, Schmachtklänge setzen ein. Der wahre Guttenberg schreitet durch die Reihen, verteilt feste Händedrücke und sein strahlendes Lächeln; der Leinwand-Gutti liest Kindern vor, tätschelt Babywangen, posiert in Abendgarderobe mit seiner sehr blonden, sehr präsenten, sehr rot gekleideten Ehefrau für die Kamera. Die Musik klingt nun verdächtig nach Vangelis, Chariots of Fire, Die Stunde des Siegers .

Guttenberg ist auf dem Podium unter der Leinwand angekommen, der Minister bei seinem Image, und wird offiziell beim 13. Delegiertentreffen der Senioren-Union begrüßt. Beglückte Gesichter, wohin man schaut. 75-Jährige jubeln dem jungen Heroen wie Teenager zu. Es wäre sicherlich nicht schlecht für Guttenberg, wenn nun einer hinter ihm stünde, einen Lorbeerkranz über seinen Kopf hielte und ihm unentwegt "Memento mori" ins Ohr flüsterte, "Bedenke, dass du sterblich bist". Aber da steht niemand.

"Ich bin anders"

Zu Beginn seiner Rede möchte er, ruft Guttenberg mit fester Stimme, gleich mal eines sagen: "Die Menschen erwarten von uns, dass wir unserer Arbeit nachgehen und uns nicht in völlig verqueren, idiotischen Personaldebatten verlieren." Es folgen weitere Sätze, die sich anhören, als wolle da einer die Erwartungen dämpfen, den Hype herunterfahren: "Als junger Politiker hat man ein Höchstmaß an Bescheidenheit zu zeigen", "Wir müssen unsere Kraft auf Inhalte verlegen, anstatt an Karriereleitern zu basteln", "Politik ist zuallererst Dienstleistung".

Je kleiner sich Guttenberg freilich macht, desto größer erscheint er in den Augen seiner Betrachter. Und je mehr man von diesen Sätzen hört, umso stärker klingen sie nach einer Klage. Nach der Klage über die politischen Zustände in Berlin und den Leiden des jungen G. daran. "Ich bin anders", ruft es aus dieser Klage, und wie sehr sich der Klagende in seinem Anderssein gefällt, wird deutlich, wenn er in seine Rede mal wieder ein "Sie werden sagen: Was hat sich dieser junge Schnösel da wieder einfallen lassen?" einstreut. Oder ein "Ja, was will denn dieser Jungspund?" Ja, was will er? Vielleicht will er bremsen. Aber er kann es nicht.

Das Geschöpf hat seinen Schöpfer hinter sich gelassen. Es hat sein Schicksal nun selbst in der Hand. Den Hype, den Guttenberg ausgelöst hat, ließe sich kontrollieren, wenn er aufhörte, sich als "der andere" zu präsentieren. Seine Eitelkeit lässt das bislang nicht zu. Bekommt er sie in den Griff, könnte er Kanzler werden. Wenn nicht, wird er Seehofer.

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