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Karl-Theodor zu Guttenberg Baron ohne Bremse

Karl-Theodor zu Guttenberg will nicht nach Bayern. Aber er muss Horst Seehofer beerben, um Kanzler zu werden.

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Guttenberg Quelle: dapd

Die Gebirgsschützen werden langsam nervös.

Den Defiliermarsch sollen sie für den Ministerpräsidenten spielen, nur für ihn, es ist seine Erkennungsmelodie, sobald er auftaucht, hier, beim Oktoberfest der bayerischen Landesvertretung auf dem Berliner Alexanderplatz. Doch Horst Seehofer lässt auf sich warten. Plötzlich klicken Kameras, Menschen drängen durch den schmalen Zelteingang, Gewimmel und Gewusel; die Bugwelle der Macht schiebt ihre Höflinge vor sich her.

Die Gebirgsjäger legen los, und zu den Tönen des Defiliermarsches erscheint – Karl-Theodor zu Guttenberg, das Objekt aller Heilserwartung. Breit lächelnd und frisch gegelt. Das Volk tobt. Der Erlöser und sein Element.

Seehofer wird später, als er dann doch noch kommt, eine lustlose Rede halten, bei der es auch um Lebkuchenherzen geht.

Es ist nur eine kleine Szene am Rande des politischen Betriebs, aber sie hat Symbolkraft.

Der Hype um Guttenberg, den schmucken Baron, um den vermeintlich so ganz anderen, scheint kaum mehr steuerbar – und sein Aufstieg nicht mehr zu stoppen. Egal, ob sie in München darüber nachdenken, wie sie das zähe Siechtum der CSU beenden können, oder ob sie in Berlin über einen Kanzlerwechsel nach einer möglichen Niederlage bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg spekulieren: die Lösung auch der größten Unionsprobleme heißt stets – Karl-Theodor zu Guttenberg.

Politiker im Alter von 38 Jahren müssen sich gewöhnlich gewaltig abstrampeln, um nach oben zu kommen. Guttenberg muss gerade heftig bremsen, um nicht durch die Decke zu schießen. Aber kann er das überhaupt, bremsen? Und will er es?

Seehofer weiß, dass er Guttenberg nicht stoppen kann

Erst vor wenigen Wochen, beim Deutschlandtag der Jungen Union in Potsdam, hat Seehofer ein Patent auf den Guttenbergschen Glanz angemeldet, als er behauptete, er selbst habe Guttenberg erfunden. An diesem Wochenende nun treten Seehofer und seine Erfindung gemeinsam beim CSU-Parteitag in München auf. Seehofer ergeht es mit Guttenberg mittlerweile ein wenig so, wie es Frankenstein mit seinem Monster ergangen ist: Das Geschöpf wendet sich gegen seinen Schöpfer.

Das Monströse an Guttenberg ist seine ungeheure Popularität. Binnen zweier Jahre hat sich Guttenberg vom Nachwuchstalent in ein politisches Heilsversprechen verwandelt, in eine Verheißung auf ein besseres Morgen, dem heute bereits immense Macht zuwächst. Und Seehofer in einen Politiker, der nicht mehr funktioniert. Ein Wink, eine vage Absichtserklärung von Guttenberg – und Seehofer wäre Geschichte. CSU-Chef und Ministerpräsident kann er nur bleiben, wenn Guttenberg ihn lässt. Ein Schöpfer, abhängig von der Gnade seines Geschöpfes. 

Die Erfindung Guttenbergs erfolgte in drei Schritten. In einem ersten vollzog Seehofer, frisch Landesvater geworden, im November 2008 den notwendigen Generationswechsel innerhalb der Partei. Guttenberg, den Bundestagsabgeordneten, ernannte er zum CSU-Generalsekretär, weil ihn sein Auftritt beeindruckte, die blendende Rhetorik, der Stil. In einem zweiten Schritt vermittelte Seehofer seinen Zögling in die Große Koalition nach Berlin.

Am Tag, als Michael Glos Seehofer per Fax mitteilte, dass er als Wirtschaftsminister zurücktrete, machte der damalige britische Außenminister David Miliband in München seine Aufwartung. Guttenberg lud sich zu dem Treffen selbst ein – und danach hielt Seehofer es für eine gute Idee, nach Glos mal einen Weltmann mit perfektem Englisch deutsche Wirtschaftsinteressen wahrnehmen zu lassen. Schließlich, der dritte Schritt, handelte Seehofer in den schwarz-gelben Koalitionsgesprächen Angela Merkel einen dritten Ministerposten ab. Unter der Bedingung allerdings, dass die CSU das Verteidigungsressort übernehme. Guttenberg übernahm.

Mit der Erfindung Guttenbergs begann das Eigenleben des Erfundenen.

Nachdem der Wirtschaftsminister Guttenberg erfahren hatte, dass er mit klarer Haltung und ebensolchen Worten ("geordnete Insolvenz") beim Wähler punkten kann, hielt er diesen Kurs. Selbst als es nicht mehr um die Existenz von Opel in Rüsselsheim ging, sondern um Quelle in Fürth. Als Seehofer um Arbeitsplätze in Guttenbergs Franken kämpfte, gab dieser lieber den Ordnungs- als den Landespolitiker. Seehofer empfand das als undankbar, wenn nicht als Vertrauensbruch.

Eine Chance, den Undankbaren in die Schranken zu weisen, schien gekommen, als sich Guttenberg, nun Verteidigungsminister, an die Reform der Bundeswehr wagte. Guttenberg warf ehedem feste Überzeugungen flugs über Bord und stritt fortan dafür, die Wehrpflicht auszusetzen. Seehofer sprach sich vehement dagegen aus, wähnte starke Unionstruppen hinter sich – und sah sie dann geschlossen zu Guttenberg überlaufen. Seitdem weiß Seehofer, dass er Guttenberg nicht stoppen kann. Und dass seine Uhr tickt.

Es ist eine Pointe in dieser Geschichte von entmachtetem Schöpfer und mächtigem Geschöpf, dass Guttenberg einstweilen Seehofers bester Schutz ist.

Denn Guttenberg will nicht nach Bayern. Und, nach allem, was man hört, will seine Frau schon gar nicht. Guttenberg schwebt längst in Höhen, von denen aus Bayern provinziell aussehen muss. Zudem hat sich kein anderer CSU-Mann je derart selbst entbayert wie Guttenberg.

Er kennt keine Mundart, keine Folklore, keine Weißwurst-und-Weißbier-Seligkeit. Guttenberg ist Außen- und Sicherheitsexperte, Transatlantiker, mit besten politischen Kontakten in aller Welt. Lieber Washington als Walpertskirchen. Politiker, die nach ganz oben wollen, wechseln gewöhnlich aus den Ländern in die Hauptstadt. Das Besondere, das nachgerade Perfide im Fall Guttenberg ist: Ausgerechnet er, der Atlantiker und Afghanistan-Befehlshaber, wird wohl nur über Bayern ans Ziel gelangen – ins Kanzleramt.

Als Landesvater hat sich Seehofer verloren

Dass Guttenberg ohne Umweg Kanzler wird, ist nur in einer Variante denkbar: dass die CDU die Landtagswahl in Baden-Württemberg im nächsten März krachend verliert und sich bis zum Herbst 2012 nicht mehr erholt. Guttenbergs Nominierung als Kanzlerkandidat 2013 wäre nur als Verzweiflungstat der CDU möglich.

Wahrscheinlicher bleibt der Umweg. Guttenbergs Popularität hat der Union bis dato nichts genutzt; die Umfragen sind miserabel. Soll die größere CDU den Strahlemann ihrer kleinen Schwester ins höchste Amt hieven, muss Guttenberg beweisen, dass er Beliebtheit in Stimmen übertragen kann. Wer Umfragen gewinnt, gewinnt nichts. Wer aber für die CSU die absolute Mehrheit zurückgewinnt, gewinnt auch die Kanzlerkandidatur – 2017. Guttenberg hat Bayern keineswegs längst hinter sich gelassen. Er hat es noch vor sich.

Eine hübsche Ironie liegt darin, dass auch Seehofer, wie Guttenberg, nie nach München wollte. Politisch sind beide Bundesgewächse. Und ähnlich wie jetzt Guttenberg wurde einst auch Seehofer, wenngleich auf niedrigerer Flughöhe, allein von seiner Beliebtheit getragen. Sie war stets seine politische Lebensversicherung. Guttenberg sollte das zu denken geben.

Als Landesvater hat sich Seehofer verloren. Sprunghaft, erratisch, linien-, ja prinzipienlos.Beliebtheit, das zeigt sich an seinem Beispiel, ist in der Politik eine weiche Währung, mit heftigen Kursausschlägen nach unten. Seehofer stagniert nun auf Allzeittief.

Guttenbergs Schwäche, der wunde Punkt des so leuchtenden Achilles, ist seine Eitelkeit. Sie kommt – und das macht sie für ihn besonders gefährlich – im Gewand der Demut daher. Wie zu Wochenanfang in Recklinghausen.

Beim Treffen der Senioren-Union war alles auf das große Duell ausgerichtet. So wie es jetzt immer ist, wenn zuerst Guttenberg spricht und danach jemand, den er beerben soll. An diesem Montag war die Kanzlerin dafür vorgesehen. Das Duell fiel aber aus, weil Angela Merkels Bundeswehrmaschine, ausgerechnet, eine Panne hatte. Umso ungebremster huldigten die Alten dem Jungen.

Als Guttenberg die Ruhrfestspielhalle betritt, erscheint vorn auf der Großleinwand ein zweiter KT. Einer mit Sonnenbrille, im olivfarbenen Draußen-zu-Hause-Look der Bundeswehr; er plaudert lässig mit Soldaten.

Das Licht wird gedimmt, Schmachtklänge setzen ein. Der wahre Guttenberg schreitet durch die Reihen, verteilt feste Händedrücke und sein strahlendes Lächeln; der Leinwand-Gutti liest Kindern vor, tätschelt Babywangen, posiert in Abendgarderobe mit seiner sehr blonden, sehr präsenten, sehr rot gekleideten Ehefrau für die Kamera. Die Musik klingt nun verdächtig nach Vangelis, Chariots of Fire, Die Stunde des Siegers .

Guttenberg ist auf dem Podium unter der Leinwand angekommen, der Minister bei seinem Image, und wird offiziell beim 13. Delegiertentreffen der Senioren-Union begrüßt. Beglückte Gesichter, wohin man schaut. 75-Jährige jubeln dem jungen Heroen wie Teenager zu. Es wäre sicherlich nicht schlecht für Guttenberg, wenn nun einer hinter ihm stünde, einen Lorbeerkranz über seinen Kopf hielte und ihm unentwegt "Memento mori" ins Ohr flüsterte, "Bedenke, dass du sterblich bist". Aber da steht niemand.

"Ich bin anders"

Zu Beginn seiner Rede möchte er, ruft Guttenberg mit fester Stimme, gleich mal eines sagen: "Die Menschen erwarten von uns, dass wir unserer Arbeit nachgehen und uns nicht in völlig verqueren, idiotischen Personaldebatten verlieren." Es folgen weitere Sätze, die sich anhören, als wolle da einer die Erwartungen dämpfen, den Hype herunterfahren: "Als junger Politiker hat man ein Höchstmaß an Bescheidenheit zu zeigen", "Wir müssen unsere Kraft auf Inhalte verlegen, anstatt an Karriereleitern zu basteln", "Politik ist zuallererst Dienstleistung".

Je kleiner sich Guttenberg freilich macht, desto größer erscheint er in den Augen seiner Betrachter. Und je mehr man von diesen Sätzen hört, umso stärker klingen sie nach einer Klage. Nach der Klage über die politischen Zustände in Berlin und den Leiden des jungen G. daran. "Ich bin anders", ruft es aus dieser Klage, und wie sehr sich der Klagende in seinem Anderssein gefällt, wird deutlich, wenn er in seine Rede mal wieder ein "Sie werden sagen: Was hat sich dieser junge Schnösel da wieder einfallen lassen?" einstreut. Oder ein "Ja, was will denn dieser Jungspund?" Ja, was will er? Vielleicht will er bremsen. Aber er kann es nicht.

Das Geschöpf hat seinen Schöpfer hinter sich gelassen. Es hat sein Schicksal nun selbst in der Hand. Den Hype, den Guttenberg ausgelöst hat, ließe sich kontrollieren, wenn er aufhörte, sich als "der andere" zu präsentieren. Seine Eitelkeit lässt das bislang nicht zu. Bekommt er sie in den Griff, könnte er Kanzler werden. Wenn nicht, wird er Seehofer.

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