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Karneval Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

Karneval ist keine „fünfte Jahreszeit“ mehr, Karneval ist immer. Liebe, Triebe, Heiterkeit – die Deutschen festivalisieren ihre Freizeit und genießen sich selbst im Kollektivrausch.

Hier hört der Spaß auf
Frauen im Erdbeerkostüm Quelle: dpa
Frau mit Plastikschere Quelle: dpa
Wulff schmeißt Kamelle Quelle: dpa
Leere Bierflaschen Quelle: dpa
Musiker Quelle: dpa
Blechbläser im Karneval Quelle: dpa
Eine Kappe wird genäht Quelle: dpa

Merkwürdige Dinge, die sich da alljährlich abspielen in den Tagen vor Aschermittwoch, auf den Straßen und Plätzen, in den Kneipen und Festzelten der rheinischen Metropolen. Menschen, die es sonst unerträglich finden, wenn sich in leeren Warteräumen ein Artgenosse neben sie setzt, die selbstverständlich Abstand halten, wenn sie unter Leute gehen, sind plötzlich wie verwandelt: Sie suchen den Kontakt, die Nähe, die Umarmung, die Berührung und das Berührtwerden durch Unbekannte. Überall dort, wo sie im Alltag ein Höchstmaß an Distanz und Diskretion wahren, wo sie sich in Zucht nehmen und peinlich jeden Körperkontakt meiden, drängen und pressen sie sich förmlich aneinander, haken sich unter, wiegen und schieben sich, schwingen Arme und Beine, überlassen sich bereitwillig dem Takt der Menge, dem Rhythmus der Lieder, der Woge der Gemeinschaft: Sie singen, schunkeln, tanzen und schwitzen, sie flirten miteinander, bützen und küssen sich, sie geben freche Trinksprüche aus, lassen Flaschen kreisen und rufen sich fröhlich „Helau“ und „Alaaf“ zu.

Ausflippen erwünscht

Es sind die Schlachtrufe des Karnevals, die Fanfaren der Fastnacht, die seit dem Spätmittelalter den kulturellen Ausnahmezustand versprechen, die Lizenz zum kollektiven Ausflippen. Einmal im Jahr, für eine festgelegte Frist, darf das Volk sich eine „fünfte Jahreszeit“ gönnen, in der es drunter und drüber geht, in der die Autoritäten verlacht werden und die gutbürgerlichen Benimmregeln außer Kraft gesetzt sind, in der die herrschenden Fremd- und Selbstzwänge einer archaisch-dionysischen Triebungebundenheit weichen.

Der Karneval feiert die Erinnerung an unsere tribalistische Herkunft und den urwüchsigen Freilauf der Passionen, er preist die körperlich-kreatürliche Verschwendung in einer rationalen Welt der Geld- und Geschäftsbeziehungen – freilich nicht, um diese Welt zu beseitigen, sondern im Gegenteil: um sie jedes Jahr aufs Neue zu kräftigen. Der Karneval stabilisiert so die Ordnung, die er vorübergehend suspendiert. Er legitimiert den Alltag, indem er ihn für eine begrenzte Zeit aufhebt. Er zeigt uns die Grenzen des Erlaubten auf, indem wir sie ausnahmsweise übertreten.

Festivalisierung des Alltags

Die größten deutschen Brauereien
Der Getränkemarkt in Deutschland ist hart umkämpft. Besonders bei den Biermarken ist die Auswahl groß. Ein Überblick. (Krombacher-, Veltins- und Radeberger-Zahlen von 2012, sonst 2011) Quelle: dpa
Platz 10: Frankfurter BrauhausDas Frankfurter Brauhaus verkaufte im vergangenen Jahr rund 2,25 Millionen Hektoliter Bier, wovon knapp 100.000 Hektoliter ins Ausland exportiert wurden Damit liegt das Unternehmen auf dem zehnten Platz. Das Frankfurter Brauhaus braut seit mehr als 600 Jahren. 1396 entwickelten Kartäusermönchen in Frankfurt das Bier und verfeinerten es im Laufe der Jahrhunderte. Heute produziert das Unternehmen vor allem Frankfurter Pilsener, Frankfurter Export, Pilsator, Hefeweizen, Radler und Maltonade. Von 1991 bis 2003 gehörte das Unternehmen zum Dortmunder Getränkekonzern Brau und Brunnen. Vor acht Jahren wurde schließlich die Frankfurter Brauhaus GmbH gegründet und von der TCB-Beteiligungsgesellschaft übernommen.
Platz 9: VeltinsAuf dem neunten Platz liegt die Brauerei Veltins aus Meschede. Die Brauerei verkaufte im vergangenen Jahr rund 2,6 Millionen Hektoliter Bier, knapp 2,4 Millionen davon in Deutschland. Im Vergleich zum Vorjahr konnte Veltins den Absatz um 4,2 Prozent steigern. 1824 begann das Unternehmen, Bier nach dem deutschem Reinheitsgebot zu brauen. Mehr als 180 Jahre und fünf Generationen später ist die Brauerei noch immer in Familienbesitz. Vor zehn Jahren startete das Veltins mit der Produktrange des Biermix „V+“. Ansonsten produziert die Brauerrei die Sorten Pilsener, Leicht, Alkoholfrei, Malz und Radler. Quelle: obs
Platz 8: CarlsbergEinen großes Minus musste Carlsberg Deutschland im vergangenen Jahr verkraften: Um 26,2 Prozent ging der Absatz zurück, die Brauerei aus Hamburg verkaufte nur noch rund 3,4 Millionen Hektoliter Bier.  Carlsberg wurde 1847 in Kopenhagen gegründet. Die Brauerei verkauft Astra, Lübzer, Lüneburger, Holsten, Duckstein und das gleichnamige Bier Carlsberg. Zur Carlsberg Deutschland Gruppe gehören auch die Holsten-Brauerei in Hamburg und die Mecklenburgische Brauerei in Lübz. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 7: WarsteinerAuf dem siebten Platz liegt die Unternehmensgruppe Warsteiner Deutschland. Im Jahr 2010 setzte die Gruppe etwa 5,4 Millionen Hektoliter ab. Schon seit 1753 ist die Warsteiner Brauerei im Besitz der Familie Cramer. Mittlerweile gehören zahlreiche Unternehmen zu der Brauerei: Neben der Herforder Brauerei, der Paderborner Brauerei, der Brauerei Frankenheim und der Schlossbrauerei Kaltenberg etwa auch die Welcome Hotelgruppe.  Die Unternehmensgruppe Warsteiner produziert verschiedene Biersorten: Herforder, Weissenburg, Paderborner Gold, Isenbeck, Frankenheim, König Ludwig und Warsteiner Premium in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Quelle: dpa
Platz 6: Brau Holding Im vergangenen Jahr hat die Brauereigruppe rund 5,3 Millionen Hektoliter Bier produziert, also knapp 1,6 Prozent weniger als im Jahr davor. Die Brau Holding International ist ein Verbund regionaler Brauereien. Zu ihr gehören insgesamt drei Brauereigruppen mit zwölf Brauereien und einem Mineralbrunnen: die Paulaner Brauerei Gruppe, die Kulmbacher Gruppe (zu 63 Prozent) und die Südwest Gruppe. Die Holding ist ein Joint Venture der Schörghuber Unternehmensgruppe (50,1 Prozent) mit dem niederländischen Brauereiunternehmen Heineken (49,9 Prozent). Dementsprechend groß ist auch das Sortiment, das die Brauereien der Holding vekaufen: Heineken, Fürstenberg, Hoepfner, Schmucker-Bier, Dad Brambacher, Braustolz, Scherdelbier, Würzburger-Hofbräu, Sternquell, Kulmbacher, Hopf Weiße, AuerBräu, Thurn und Taxis Bier, Hacker Pschorr, Paulaner. Quelle: dpa
Platz 5: Krombacher Im Jahr 2012 hat die Krombacher Brauerei ihren Gesamtausstoß nochmal im Vergleich zum Rekordjahr 2011 steigern können: Insgesamt stieg der Getränkeausstoß um 1,4 Prozent auf über 6,5 Millionen Hektoliter (2011: 6,4 Millionen). Allerdings hat nicht das traditionelle Pils dazu beigetragen - die Hektoliterzahl ging um 0,8 Prozent auf 4,38 Millionen zurück - sondern die nichtalkoholischen Getränke wie Schweppes, Orangina und Dr Pepper, die auch zur Krombacher-Gruppe gehören. Der Gesamtumsatz des Familienunternehmens stieg um 1,2 Prozent auf knapp 658 Millionen Euro. Quelle: dpa

Was aber, wenn der Karneval zur Dauerübung wird, die „fünfte Jahreszeit“ zur Regel, die Auszeit zum Alltag? Den Deutschen – ausgerechnet! – scheint heute jeder Anlass recht, um ihn als karnevaleskes Gemeinschaftsereignis zu zelebrieren. Ganz gleich, ob Fasching, Public Viewing oder Loveparade, ob Weltjugendtag, Lena-Meyer-Landrut-Party oder iPad-Erstverkaufstag, ob Oktoberfest, Flashmob oder Opernnacht – wir sind nicht nur die Zuchtmeister Europas, sondern auch die größten Feierbiester der Welt. Offenbar geht beides glänzend zusammen: die Strenge, der Fleiß, das Sekundärtugendhafte – und der Überschwang, das Pathos, die Ausgelassenheit. Offenbar korrespondiert beides ganz vorzüglich: die Deflation unserer Leidenschaft im zweckrationalen Büroalltag und die Inflation unser freizeitlichen Ekstasen und Gefühlsstürme. Ja, offenbar kann das eine gar nicht ohne das andere gedeihen: individuelle Affektkontrolle und gemeinschaftliche Entrückung. Was also steckt hinter der Festivalisierung unseres Alltags? Sind Sensationslust, Rauschbedürfnis und Transzendenzwunsch die expressive Nachtseite unserer vernünftelnden Genügsamkeit?

Niedergang der Festkultur

Einfach mal abheben - Der Karneval als Ausflug in die Leichtigkeit Quelle: dpa

Die Eventisierung des Alltags geht einher mit dem Niedergang der offiziellen Festkultur. Der Sozialwissenschaftler Winfried Gebhardt spricht von der „Ent-Institutionalisierung des Festlichen“: In dem Maß, wie die Staats- und Kirchenfeste von der Bevölkerung kaum noch wahrgenommen oder, wie am Tag der Deutschen Einheit und an Christi Himmelfahrt, zu Spaß-und-Action-Tagen umfunktioniert werden, wachsen die Spielräume für spontane, synthetische, willkürlich geschaffene Festformen. Überkommene Feste müssen, um beim Publikum Punkte zu machen, im Sinne einer „Neuerfindung des Traditionellen“ mindestens mit populären Eventelementen angereichert werden.

Vom Glaubensfest zum Pop-Spektakel

Diese Lektion hat niemand so gut verstanden wie die katholische Kirche, die als Eventagentur der speziellen Art Erfahrung hat in der Mobilisierung von Massen. Wenn zum Beispiel das Bistum Trier ab 13. April in Erinnerung an die Tunika Jesu Christi zur „Heilig-Rock-Wallfahrt“ lädt, wird es neben Gottesdiensten und Andachten unter der Devise „Second Rock und Hemd“ auch einen Gebrauchtkleidermarkt und einen Auftritt der Rockband Frida Gold geben, deren Leadsängerin Jury-Mitglied bei der Casting-Show „Unser Star für Baku“ ist. Das vom Bistum unverblümt als Event beworbene Glaubensfest sei „keine klassische Wallfahrt“ mehr, so Gebhardt, sondern ein generalstabsplanmäßig organisiertes, mit Pop-Zutaten aufgeladenes Religionsspektakel.

Der 20. Weltjugendtag 2005 in Köln hat es anschaulich gezeigt: Es geht in der Religion nicht mehr um theologische Unterweisung, sondern um eine gefühlte Gläubigkeit, die vom Gemeinschaftserlebnis getragen wird. Die Jugendlichen mochten mit kirchlicher Dogmatik und Sexualmoral nichts am Hut haben, sie strömten, angezogen vom Nimbus der religiösen Mega-Party, trotzdem massenhaft zusammen und statteten den Event eigenmächtig mit Sinn aus – ohne Rücksicht auf die theologischen Vorgaben des Veranstalters. Kurz: Sie machten aus dem Weltjugendtag „ihr Ding“. Sie spielten mit ihren Handys, wenn ihnen die Katechese des Bischofs zu langweilig war, holten ihre Gitarren heraus, wenn ihnen der offizielle Sakral-Pop auf die Nerven ging. Wer die Jungpilger mit ihren Fahnen in Scharen Richtung Müngersdorf ins Rhein-Energie-Stadion zur Messe ziehen sah, mit der inoffiziellen Jugendtag-Hymne „Viva Colonia“ auf den Lippen, konnte meinen, Schlachtenbummlern Jesu zu begegnen: „Da simmer dabei...“

Wulff geht K.o., Merkel im Tanga
Merkel im Tanga, Wulff angeschlagen im Boxring, Rösler als Pinscher - die Karnevalisten nehmen am Rosenmontag wieder die Berliner Politik auf die Schippe. Unter dem Motto „Michels selbstgewählte Domina“ wird Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Rosenmontagszug in Köln als „Lady Angie“ dargestellt. Quelle: dpa
In Köln und Mainz wurden am Dienstag schon mal die Wagen vorgestellt. In Mainz hängt Wulff angeschlagen im Boxring. Quelle: dpa
In Köln steht Wulff kurz davor, geschlachtet zu werden - als Kaninchen. Quelle: dpa
Kanzlerin Angela Merkel macht in Mainz mit grimmigem Blick und rutschender Hose Kopfstand. Unter ihr liegen ihre abgerissenen Blazerknöpfe mit den Aufschriften „Atomausstieg“, „Hauptschule“ und „Mindestlöhne“, oben prangt das Wort „Kehrtwende“. Quelle: dpa
In Köln geht sie mit Hund „Rösler“ Gassi, das Tierchen ist allerdings selbst für einen Zwergpinscher arg winzig ausgefallen. Der Wagen trägt die Aufschrift „Time to say Goodbye“. Quelle: dpa
Unterdessen spaltet der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seiner Atombombe die Uno. Barack Obama als „Captain America“ ist bereits unterwegs. Auch vor anderen brisanten Themen wie Neonazis, Zwangsverheiratung oder Moscheebau schrecken die Narren nicht zurück. Quelle: dpa
Aber auch Triviales findet seinen Weg in den Rosenmontagszug: König Fußball und Prinz Poldi. Hier bittet FC-Köln-Maskottchen Hennes um den Verbleib Lukas Podolskis. Quelle: dpa

Hauptsache, es ist was los

Die Soziologin Yvonne Niekrenz versucht das rheinisch-närrische Tohuwabohu als „rauschhafte Vergemeinschaftung“ auf den akademischen Begriff zu bringen: Das Ich entledigt sich seines Über-Ichs und lässt für ein paar Tage die Sau raus – ohne sich hernach dafür schämen zu müssen. Im kollektiven Sich-treiben- und -gehen-lassen formieren sich die Feiernden zu einer folgenlosen Festgemeinschaft, in der subjektives Erlebnis und eruptiv gesteigertes Wir-Gefühl eins sind und die Fesseln der individuellen Alltags-Identität gesprengt werden: „Ich bin ein anderer.“ Der Straßenkarneval ist daher nur ein Beispiel für ein Fest, das an die Entgrenzungswünsche des Publikums appelliert, an die Sehnsucht der Festteilnehmer, über sich hinauszuwachsen – und als rauschhaft erlebtes Ich unterzutauchen im Strudel der Menge. Die schiere, durch die Beobachtung der Medien zusätzlich monumentalisierte Massenhaftigkeit der Veranstaltungen erzeugt einen Sog, dessen Kraft sich nicht dem Was, sondern dem Wie verdankt: Hauptsache, es ist etwas los, dann „simmer dabei! dat es prima!“, heißt es bei der Kölner Kultband „De Höhner“.

Die Zugehörigkeit zur Gemeinde

Dabei sein ist alles - Beim Massenphänomen Fußball kann bei Fangesängen, der Prozession ins Stadium und dem gemeinsamen Feiern der Sport auch mal zur Nebensache werden Quelle: dapd

Kein Wunder, das Fanwesen trägt durch und durch kultische Züge. Die unverbrüchliche Treue zum Club hat einen quasi-religiösen Kern. Sie gilt keinem Spieler oder Meistertrainer, sondern der Zugehörigkeit zur Gemeinde: in der Prozession zum Stadion, in den Kampfgesängen, in der Zurschaustellung der Vereinsembleme, im Reliquienkult um die Meisterschaftstrikots – und nicht zuletzt in der heiligen Ordnung des Siegens und Verlierens.

Fußball mag allen möglichen Zwecken dienen, dem Ruhm, der Anerkennung, der Selbstdarstellung oder dem Kommerz. Im Kern ist er Selbstzweck, eine „komplette Parallelwelt“, ein „self-enclosed event“, wie der Medientheoretiker Norbert Bolz sagt, ein 90 Minuten dauerndes geschlossenes Geschehen, künstlich eingefasst von einer Arena – ein Spiel nach Regeln und Ritualen, die nur hier gelten und damit erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass wir das Spektakel genießen und unseren Leidenschaften freien Lauf lassen können.

Dabei sein ist alles

Was das Schönste am Fußball ist: Man muss ihn, so wenig wie den Karneval oder die Messliturgie, nicht wirklich verstehen, um mitgerissen zu werden. Es genügt, einfach dabei zu sein. Die „Freude am Fest“, so Bolz, sei das „bestimmende Element“– was man schon daran sehe, dass bei den Partys und Autokorsos nach Meisterschaftsspielen „unendlich viele Menschen teilnehmen, die von Fußball gar keine Ahnung haben“. Sie suchen den Selbstgenuss im Massenerlebnis, kommen nicht als Experten, sondern als Fans, die ihre Mannschaft und vor allem sich selbst feiern.

Der Bedarf nach solchen Parallelwelten festlicher, freudig begangener Events, bei denen die Menschen in Echtzeit, Körper an Körper, einander begegnen, nimmt offenkundig stetig zu. Weil ihr Alltag, zumal die hochreglementierte Arbeitswelt, ihnen die Kultivierung großer, kollektiv geteilter Gefühle verbietet? Weil die Verheißung, große Momente mit vielen anderen zu erleben, nur noch in den Nischen der Mega-Events eingelöst werden kann?

Wenn Feiern beim Steuern Sparen hilft
Kosten für runden Geburtstag eines Unternehmers auch in Zusammenhang mit Betriebsjubiläum nicht steuerlich absetzbarDer Geschäftsführer eines Unternehmens hatte seine 50. Geburtstagsfeier mit dem fünfjährigen Bestehen der Firma zusammen gefeiert und dazu Geschäftspartner und Angestellte eingeladen. Die Ausgaben für die Feier wollte der Unternehmer als Betriebskosten steuerlich geltend machen. Das Finanzgericht Berlin-Brandenburg hat dem allerdings widersprochen: In seinem Urteil (Az. 12 K 12087/07) begründete das Gericht: Eine Geburtstagsfeier habe stets privaten Charakter, selbst wenn dazu, wie der Kläger vorgetragen hatte, Freunde nicht eingeladen waren. Damit lagen so genannte gemischt veranlasste Aufwendungen vor, die teils - die Geburtstagsfeier betreffend - privat und teils - das Unternehmensjubiläum betreffend - betrieblich veranlasst waren. Da solche eng miteinander verbundenen und nicht trennbaren Aufwendungen nach dem sog. Aufteilungs- und Abzugsverbot insgesamt steuerlich nicht geltend gemacht werden dürfen, kam ein Betriebsausgabenabzug nicht, und zwar auch nicht teilweise, in Betracht. Quelle: dpa
Entlastungsbetrag für Alleinerziehende auch im Jahre der EheschließungAlleinerziehende mit Kind haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag. Mit dem sollen die höheren Kosten, die der Haushalt eines Alleinerziehenden gegenüber einem Haushalt von in Partnerschaft lebenden Personen mit sich bringt, ausgeglichen werden. Heiratet ein Steuerpflichtiger im Laufe eines Kalenderjahres, so hat er grundsätzlich für das ganze Kalenderjahr Anspruch auf die Anwendung des Ehegatten-Splittings. Diesen Vorteil muss er aber nicht in Anspruch nehmen; insbesondere im Jahre der Eheschließung können Ehegatten sich steuerlich so behandeln lassen, als sei die Ehe nicht geschlossen worden. Ihr Einkommen wird dann nach den für Unverheiratete geltenden Regelungen ermittelt. Machen Ehegatten von diesem Wahlrecht Gebrauch, so steht demjenigen, der bis zur Eheschließung als allein stehend anzusehen war, anteilig bis zum Monat der Eheschließung der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende zu, wie das Finanzgericht Berlin-Brandenburg jetzt mit Urteil vom 20. Juli 2011 (Aktenzeichen 1 K 2232/06) entschieden hat. Quelle: Reuters
Wann man für eine neue Photovoltaikanlage einen Vorsteuerabzug geltend machen kannWer eine Photovoltaikanlage privat betreibt und den erzeugten Strom in das Stromnetz einspeist, gilt er umsatzsteuerrechtlich als Unternehmer. Der Bundesfinanzhof hat in mehreren Fällen entschieden, dass er die gezahlte Umsatzsteuer von den Aufwendungen abziehen kann, die er für die Installation der Photovoltaikanlage aufgebracht hat. So konnten in drei aktuellen Entscheidungen die Betreiber von privaten PV-Anlagen auf einem Schuppen, einem Carport und einer alten Scheune alle entweder anteilig oder komplett einen Vorsteuerabzug beanspruchen. Quelle: dpa
Auch für Stadtrundfahrten wird nur der ermäßigte Steuersatz fälligDie Beförderung von Personen im Linienverkehr wird auch dann mit dem ermäßigten Satz besteuert, wenn die Beförderung - wie bei Stadtrundfahrten - dem Freizeit- oder Tourismusverkehr dient, entschied der Bundesfinanzhof in seinem Urteil V R 44/10 vom 30.06.2011. Umfasst der Ticketpreis für eine Stadtrundfahrt auch Entgelte für die Teilnahme an Führungen zu Sehenswürdigkeiten, handelt es sich um zwei selbständige Leistungen, von denen nur die Beförderung dem ermäßigten Steuersatz unterliegt. Der auf die Führungen mit dem Regelsteuersatz zu besteuernde Anteil ist gegebenenfalls im Schätzungswege zu ermitteln. Quelle: ZB
Deutsche Vorschriften zur Besteuerung von Dividenden verstoßen gegen EU-RechtDie EU-Kommission hatte Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt, weil sie der Ansicht war, dass die deutschen Regelungen zur Dividendenbesteuerung inländische Gesellschaften gegenüber Gesellschaften mit Sitz in einem anderen EU-Mitgliedstaat oder EWR-Staat steuerlich begünstigen. Im Urteil C-284/09 vom 20.10.2011 gab das Gericht der Kommission nun Recht: Deutsche Vorschriften zur Besteuerung von Dividenden verstoßen gegen EU-Recht. Deutschland muss seine Steuervorschriften jetzt anpassen. Quelle: dpa
Entsorgung von Speiseabfällen ist keine LandwirtschaftBeim Finanzgericht Münster hat ein Schweinezüchter geklagt, der neben seiner Haupttätigkeit auch Speisereste entsorgt und zu Schweinefutter verarbeitet hat. Streitpunkt dabei war, welcher Umsatzsteuersatz für die beiden Tätigkeiten berechnet werden darf. Der fünfte Senat entschied in seinem Urteil vom 19. Oktober 2011 (Az. 5 K 4749/09 U), dass die Verarbeitung der Speiseabfälle keine landwirtschaftlichen Dienstleistungen erbringt. Daher sei auf die Entsorgungsleistungen die Durchschnittssatzbesteuerung nicht anzuwenden Fazit: Wer in seinem Betrieb ganz Unterschiedliche Leistungen betreibt, sollte mit dem Finanzamt die unterschiedliche Besteuerung genau abklären. Quelle: dpa
Zweite Miete bei berufsbedingtem Umzug steuerlich absetzbarWer aus beruflichen Gründen umzieht und einige Zeit an zwei Orten Miete zahlt, kann diese zweite Miete als Werbungskosten absetzen, entschied der Bundesfinanzhof (BFH) (VI R 2/11 vom 13.07.2011). Nach Ansicht der Richter sei das im Zeitraum zwischen der Kündigung der bisherigen Familienwohnung und dem Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist möglich. Bis zum tatsächlichen Umzug seien die Miete der neuen und danach die der bisherigen Familienwohnung als Werbungskosten abziehbar. In Fall eines berufsbedingten Umzugs gilt daher nicht die Regelung der doppelten Haushaltsführung, bei der die absetzbare Wohnfläche auf 60 Quadratmeter beschränkt ist. Quelle: ap

Im Netzwerk von Gleichgesinnten

Der Mainstream der Sozialpsychologie deutet den Trend zur Eventisierung als Kompensation eines Verlusts an traditionellen Verbindlichkeiten: Hochindividualisierte Gesellschaften suchen ihr Glück in punktuellen, „situativ“ arrangierten Gemeinschaftserlebnissen, die sich beliebig vermehren lassen. Ob Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert oder Poetry-Slam, ob Valentins-Tag oder Halloween, ob Christopher Street Day oder Landesgartenschau – für jede Glaubensgemeinschaft bieten sich immer wieder neue Anlässe, um Wir-Gefühle zu zelebrieren, die nicht weiter verpflichtend sind. Selbst die „Protestkultur“ hat sich nicht umsonst diesen Namen verdient. Die sachlichen Anliegen des Bürgerengagements werden immer auch getragen von der Selbstbestätigung der Teilnehmer im Netzwerk von Gleichgesinnten.

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze sieht darin einen Gewinn. Strömten die Menschen einst zu obrigkeitlich angeordneten Krönungsfesten oder Hinrichtungen, so kommen sie heute spontan zusammen, machen die Stadt zur Bühne, sind Darsteller und Publikum zugleich. Schulze spricht von der „Demokratisierung des Fests“, wie sie am deutlichsten im Flashmob zutage trete, dem per Internet organisierten Menschenauflauf, der einander Fremde auf öffentlichen Plätzen zusammenführt zu politisch oder künstlerisch motivierten Minimal-Aktionen.

Gründe der Faszination

Heiliger Bimbam - Der Weltjugendtag wandelt sich mehr und mehr vom Glaubensfest zur religiösen Mega-Party Quelle: dpa/dpaweb

Das „Selbst-Erfundene“, die „selbst geschaffene Euphorisierung“, so Schulze, sei das Faszinierende am Live-Event. Wenn das Instant-Erlebnis etwas kompensiert, dann die Vorherrschaft der digitalen Welt. Der virtuelle Aufenthaltsraum, so angenehm wir ihn uns herrichten, kranke am „Stigma der Weg-Klickbarkeit“, an der „Nicht-Erreichbarkeit der Nah-Sinne“. Der Live-Event hingegen verbindet die Zeit mit dem Ort, das „Jetzt“ mit dem „physischen Hier“, das digital gar nicht herstellbar ist – er lässt die Menschen den „Eros der körperlichen Präsenz in der analogen Welt“ wiederentdecken, das „gemeinsame Drama vor Ort“.

Die 15 größten Volksfeste Deutschlands

Festivalisierung als Überbietungswettbewerb

Städte, ja ganze Regionen wollen daher heute „bespielt“ werden. Wenn sich drei Millionen Menschen zur Feier der Kultur-Hauptstadt Ruhr 2010 zum Stelldichein auf die A 40 begeben, erzeugen sie eine Erlebniserwartung, die schon durch die Massenhaftigkeit des Events bestätigt wird. Seine Einmaligkeit erzeugt eine Aura, stiftet im Idealfall einen Mythos, der auf die ganze Metropol-Region ausstrahlt, die sich dadurch wiederum Standortvorteile verspricht: Großereignisse sollen die Stadtentwicklung voranbringen, Investoren anlocken und die Identität von Stadt und Region stärken. Die Festivalisierung gilt heute als Königsweg im Überbietungswettbewerb um Aufmerksamkeit.

Sehen und Gesehenwerden

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Ganz neu indes ist das Konzept nicht. Wenn der Frankfurter Römerberg heute als Bühne für Konzerte, Festempfänge und Weihnachtsmärkte dient, dann wird damit die Tradition der mittelalterlichen Feste, Passionsspiele und Turniere variiert: „Wir spielen alle Theater“, steht von jeher unsichtbar über den Stadttoren geschrieben. Die Ur-Idee der Kultur, sagt Gerhard Schulze, bestehe im Sehen und Gesehenwerden, „im Hin und Her von Zeigegesten, bei dem jeder sowohl Darsteller ist als auch Publikum“. Im Karneval ist diese Idee beispielhaft aufbewahrt. Er eröffnet eine Arena, in der das Ich seinen großen Auftritt hat und im Wir zu sich selbst kommt.

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