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Karneval Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

Karneval ist keine „fünfte Jahreszeit“ mehr, Karneval ist immer. Liebe, Triebe, Heiterkeit – die Deutschen festivalisieren ihre Freizeit und genießen sich selbst im Kollektivrausch.

Hier hört der Spaß auf
Frauen im Erdbeerkostüm Quelle: dpa
Frau mit Plastikschere Quelle: dpa
Wulff schmeißt Kamelle Quelle: dpa
Leere Bierflaschen Quelle: dpa
Musiker Quelle: dpa
Blechbläser im Karneval Quelle: dpa
Eine Kappe wird genäht Quelle: dpa

Merkwürdige Dinge, die sich da alljährlich abspielen in den Tagen vor Aschermittwoch, auf den Straßen und Plätzen, in den Kneipen und Festzelten der rheinischen Metropolen. Menschen, die es sonst unerträglich finden, wenn sich in leeren Warteräumen ein Artgenosse neben sie setzt, die selbstverständlich Abstand halten, wenn sie unter Leute gehen, sind plötzlich wie verwandelt: Sie suchen den Kontakt, die Nähe, die Umarmung, die Berührung und das Berührtwerden durch Unbekannte. Überall dort, wo sie im Alltag ein Höchstmaß an Distanz und Diskretion wahren, wo sie sich in Zucht nehmen und peinlich jeden Körperkontakt meiden, drängen und pressen sie sich förmlich aneinander, haken sich unter, wiegen und schieben sich, schwingen Arme und Beine, überlassen sich bereitwillig dem Takt der Menge, dem Rhythmus der Lieder, der Woge der Gemeinschaft: Sie singen, schunkeln, tanzen und schwitzen, sie flirten miteinander, bützen und küssen sich, sie geben freche Trinksprüche aus, lassen Flaschen kreisen und rufen sich fröhlich „Helau“ und „Alaaf“ zu.

Ausflippen erwünscht

Es sind die Schlachtrufe des Karnevals, die Fanfaren der Fastnacht, die seit dem Spätmittelalter den kulturellen Ausnahmezustand versprechen, die Lizenz zum kollektiven Ausflippen. Einmal im Jahr, für eine festgelegte Frist, darf das Volk sich eine „fünfte Jahreszeit“ gönnen, in der es drunter und drüber geht, in der die Autoritäten verlacht werden und die gutbürgerlichen Benimmregeln außer Kraft gesetzt sind, in der die herrschenden Fremd- und Selbstzwänge einer archaisch-dionysischen Triebungebundenheit weichen.

Der Karneval feiert die Erinnerung an unsere tribalistische Herkunft und den urwüchsigen Freilauf der Passionen, er preist die körperlich-kreatürliche Verschwendung in einer rationalen Welt der Geld- und Geschäftsbeziehungen – freilich nicht, um diese Welt zu beseitigen, sondern im Gegenteil: um sie jedes Jahr aufs Neue zu kräftigen. Der Karneval stabilisiert so die Ordnung, die er vorübergehend suspendiert. Er legitimiert den Alltag, indem er ihn für eine begrenzte Zeit aufhebt. Er zeigt uns die Grenzen des Erlaubten auf, indem wir sie ausnahmsweise übertreten.

Festivalisierung des Alltags

Die größten deutschen Brauereien
Der Getränkemarkt in Deutschland ist hart umkämpft. Besonders bei den Biermarken ist die Auswahl groß. Ein Überblick. (Krombacher-, Veltins- und Radeberger-Zahlen von 2012, sonst 2011) Quelle: dpa
Platz 10: Frankfurter BrauhausDas Frankfurter Brauhaus verkaufte im vergangenen Jahr rund 2,25 Millionen Hektoliter Bier, wovon knapp 100.000 Hektoliter ins Ausland exportiert wurden Damit liegt das Unternehmen auf dem zehnten Platz. Das Frankfurter Brauhaus braut seit mehr als 600 Jahren. 1396 entwickelten Kartäusermönchen in Frankfurt das Bier und verfeinerten es im Laufe der Jahrhunderte. Heute produziert das Unternehmen vor allem Frankfurter Pilsener, Frankfurter Export, Pilsator, Hefeweizen, Radler und Maltonade. Von 1991 bis 2003 gehörte das Unternehmen zum Dortmunder Getränkekonzern Brau und Brunnen. Vor acht Jahren wurde schließlich die Frankfurter Brauhaus GmbH gegründet und von der TCB-Beteiligungsgesellschaft übernommen.
Platz 9: VeltinsAuf dem neunten Platz liegt die Brauerei Veltins aus Meschede. Die Brauerei verkaufte im vergangenen Jahr rund 2,6 Millionen Hektoliter Bier, knapp 2,4 Millionen davon in Deutschland. Im Vergleich zum Vorjahr konnte Veltins den Absatz um 4,2 Prozent steigern. 1824 begann das Unternehmen, Bier nach dem deutschem Reinheitsgebot zu brauen. Mehr als 180 Jahre und fünf Generationen später ist die Brauerei noch immer in Familienbesitz. Vor zehn Jahren startete das Veltins mit der Produktrange des Biermix „V+“. Ansonsten produziert die Brauerrei die Sorten Pilsener, Leicht, Alkoholfrei, Malz und Radler. Quelle: obs
Platz 8: CarlsbergEinen großes Minus musste Carlsberg Deutschland im vergangenen Jahr verkraften: Um 26,2 Prozent ging der Absatz zurück, die Brauerei aus Hamburg verkaufte nur noch rund 3,4 Millionen Hektoliter Bier.  Carlsberg wurde 1847 in Kopenhagen gegründet. Die Brauerei verkauft Astra, Lübzer, Lüneburger, Holsten, Duckstein und das gleichnamige Bier Carlsberg. Zur Carlsberg Deutschland Gruppe gehören auch die Holsten-Brauerei in Hamburg und die Mecklenburgische Brauerei in Lübz. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 7: WarsteinerAuf dem siebten Platz liegt die Unternehmensgruppe Warsteiner Deutschland. Im Jahr 2010 setzte die Gruppe etwa 5,4 Millionen Hektoliter ab. Schon seit 1753 ist die Warsteiner Brauerei im Besitz der Familie Cramer. Mittlerweile gehören zahlreiche Unternehmen zu der Brauerei: Neben der Herforder Brauerei, der Paderborner Brauerei, der Brauerei Frankenheim und der Schlossbrauerei Kaltenberg etwa auch die Welcome Hotelgruppe.  Die Unternehmensgruppe Warsteiner produziert verschiedene Biersorten: Herforder, Weissenburg, Paderborner Gold, Isenbeck, Frankenheim, König Ludwig und Warsteiner Premium in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Quelle: dpa
Platz 6: Brau Holding Im vergangenen Jahr hat die Brauereigruppe rund 5,3 Millionen Hektoliter Bier produziert, also knapp 1,6 Prozent weniger als im Jahr davor. Die Brau Holding International ist ein Verbund regionaler Brauereien. Zu ihr gehören insgesamt drei Brauereigruppen mit zwölf Brauereien und einem Mineralbrunnen: die Paulaner Brauerei Gruppe, die Kulmbacher Gruppe (zu 63 Prozent) und die Südwest Gruppe. Die Holding ist ein Joint Venture der Schörghuber Unternehmensgruppe (50,1 Prozent) mit dem niederländischen Brauereiunternehmen Heineken (49,9 Prozent). Dementsprechend groß ist auch das Sortiment, das die Brauereien der Holding vekaufen: Heineken, Fürstenberg, Hoepfner, Schmucker-Bier, Dad Brambacher, Braustolz, Scherdelbier, Würzburger-Hofbräu, Sternquell, Kulmbacher, Hopf Weiße, AuerBräu, Thurn und Taxis Bier, Hacker Pschorr, Paulaner. Quelle: dpa
Platz 5: Krombacher Im Jahr 2012 hat die Krombacher Brauerei ihren Gesamtausstoß nochmal im Vergleich zum Rekordjahr 2011 steigern können: Insgesamt stieg der Getränkeausstoß um 1,4 Prozent auf über 6,5 Millionen Hektoliter (2011: 6,4 Millionen). Allerdings hat nicht das traditionelle Pils dazu beigetragen - die Hektoliterzahl ging um 0,8 Prozent auf 4,38 Millionen zurück - sondern die nichtalkoholischen Getränke wie Schweppes, Orangina und Dr Pepper, die auch zur Krombacher-Gruppe gehören. Der Gesamtumsatz des Familienunternehmens stieg um 1,2 Prozent auf knapp 658 Millionen Euro. Quelle: dpa

Was aber, wenn der Karneval zur Dauerübung wird, die „fünfte Jahreszeit“ zur Regel, die Auszeit zum Alltag? Den Deutschen – ausgerechnet! – scheint heute jeder Anlass recht, um ihn als karnevaleskes Gemeinschaftsereignis zu zelebrieren. Ganz gleich, ob Fasching, Public Viewing oder Loveparade, ob Weltjugendtag, Lena-Meyer-Landrut-Party oder iPad-Erstverkaufstag, ob Oktoberfest, Flashmob oder Opernnacht – wir sind nicht nur die Zuchtmeister Europas, sondern auch die größten Feierbiester der Welt. Offenbar geht beides glänzend zusammen: die Strenge, der Fleiß, das Sekundärtugendhafte – und der Überschwang, das Pathos, die Ausgelassenheit. Offenbar korrespondiert beides ganz vorzüglich: die Deflation unserer Leidenschaft im zweckrationalen Büroalltag und die Inflation unser freizeitlichen Ekstasen und Gefühlsstürme. Ja, offenbar kann das eine gar nicht ohne das andere gedeihen: individuelle Affektkontrolle und gemeinschaftliche Entrückung. Was also steckt hinter der Festivalisierung unseres Alltags? Sind Sensationslust, Rauschbedürfnis und Transzendenzwunsch die expressive Nachtseite unserer vernünftelnden Genügsamkeit?

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