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Karneval Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

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Die Zugehörigkeit zur Gemeinde

Dabei sein ist alles - Beim Massenphänomen Fußball kann bei Fangesängen, der Prozession ins Stadium und dem gemeinsamen Feiern der Sport auch mal zur Nebensache werden Quelle: dapd

Kein Wunder, das Fanwesen trägt durch und durch kultische Züge. Die unverbrüchliche Treue zum Club hat einen quasi-religiösen Kern. Sie gilt keinem Spieler oder Meistertrainer, sondern der Zugehörigkeit zur Gemeinde: in der Prozession zum Stadion, in den Kampfgesängen, in der Zurschaustellung der Vereinsembleme, im Reliquienkult um die Meisterschaftstrikots – und nicht zuletzt in der heiligen Ordnung des Siegens und Verlierens.

Fußball mag allen möglichen Zwecken dienen, dem Ruhm, der Anerkennung, der Selbstdarstellung oder dem Kommerz. Im Kern ist er Selbstzweck, eine „komplette Parallelwelt“, ein „self-enclosed event“, wie der Medientheoretiker Norbert Bolz sagt, ein 90 Minuten dauerndes geschlossenes Geschehen, künstlich eingefasst von einer Arena – ein Spiel nach Regeln und Ritualen, die nur hier gelten und damit erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass wir das Spektakel genießen und unseren Leidenschaften freien Lauf lassen können.

Dabei sein ist alles

Was das Schönste am Fußball ist: Man muss ihn, so wenig wie den Karneval oder die Messliturgie, nicht wirklich verstehen, um mitgerissen zu werden. Es genügt, einfach dabei zu sein. Die „Freude am Fest“, so Bolz, sei das „bestimmende Element“– was man schon daran sehe, dass bei den Partys und Autokorsos nach Meisterschaftsspielen „unendlich viele Menschen teilnehmen, die von Fußball gar keine Ahnung haben“. Sie suchen den Selbstgenuss im Massenerlebnis, kommen nicht als Experten, sondern als Fans, die ihre Mannschaft und vor allem sich selbst feiern.

Der Bedarf nach solchen Parallelwelten festlicher, freudig begangener Events, bei denen die Menschen in Echtzeit, Körper an Körper, einander begegnen, nimmt offenkundig stetig zu. Weil ihr Alltag, zumal die hochreglementierte Arbeitswelt, ihnen die Kultivierung großer, kollektiv geteilter Gefühle verbietet? Weil die Verheißung, große Momente mit vielen anderen zu erleben, nur noch in den Nischen der Mega-Events eingelöst werden kann?

Wenn Feiern beim Steuern Sparen hilft
Kosten für runden Geburtstag eines Unternehmers auch in Zusammenhang mit Betriebsjubiläum nicht steuerlich absetzbarDer Geschäftsführer eines Unternehmens hatte seine 50. Geburtstagsfeier mit dem fünfjährigen Bestehen der Firma zusammen gefeiert und dazu Geschäftspartner und Angestellte eingeladen. Die Ausgaben für die Feier wollte der Unternehmer als Betriebskosten steuerlich geltend machen. Das Finanzgericht Berlin-Brandenburg hat dem allerdings widersprochen: In seinem Urteil (Az. 12 K 12087/07) begründete das Gericht: Eine Geburtstagsfeier habe stets privaten Charakter, selbst wenn dazu, wie der Kläger vorgetragen hatte, Freunde nicht eingeladen waren. Damit lagen so genannte gemischt veranlasste Aufwendungen vor, die teils - die Geburtstagsfeier betreffend - privat und teils - das Unternehmensjubiläum betreffend - betrieblich veranlasst waren. Da solche eng miteinander verbundenen und nicht trennbaren Aufwendungen nach dem sog. Aufteilungs- und Abzugsverbot insgesamt steuerlich nicht geltend gemacht werden dürfen, kam ein Betriebsausgabenabzug nicht, und zwar auch nicht teilweise, in Betracht. Quelle: dpa
Entlastungsbetrag für Alleinerziehende auch im Jahre der EheschließungAlleinerziehende mit Kind haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag. Mit dem sollen die höheren Kosten, die der Haushalt eines Alleinerziehenden gegenüber einem Haushalt von in Partnerschaft lebenden Personen mit sich bringt, ausgeglichen werden. Heiratet ein Steuerpflichtiger im Laufe eines Kalenderjahres, so hat er grundsätzlich für das ganze Kalenderjahr Anspruch auf die Anwendung des Ehegatten-Splittings. Diesen Vorteil muss er aber nicht in Anspruch nehmen; insbesondere im Jahre der Eheschließung können Ehegatten sich steuerlich so behandeln lassen, als sei die Ehe nicht geschlossen worden. Ihr Einkommen wird dann nach den für Unverheiratete geltenden Regelungen ermittelt. Machen Ehegatten von diesem Wahlrecht Gebrauch, so steht demjenigen, der bis zur Eheschließung als allein stehend anzusehen war, anteilig bis zum Monat der Eheschließung der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende zu, wie das Finanzgericht Berlin-Brandenburg jetzt mit Urteil vom 20. Juli 2011 (Aktenzeichen 1 K 2232/06) entschieden hat. Quelle: Reuters
Wann man für eine neue Photovoltaikanlage einen Vorsteuerabzug geltend machen kannWer eine Photovoltaikanlage privat betreibt und den erzeugten Strom in das Stromnetz einspeist, gilt er umsatzsteuerrechtlich als Unternehmer. Der Bundesfinanzhof hat in mehreren Fällen entschieden, dass er die gezahlte Umsatzsteuer von den Aufwendungen abziehen kann, die er für die Installation der Photovoltaikanlage aufgebracht hat. So konnten in drei aktuellen Entscheidungen die Betreiber von privaten PV-Anlagen auf einem Schuppen, einem Carport und einer alten Scheune alle entweder anteilig oder komplett einen Vorsteuerabzug beanspruchen. Quelle: dpa
Auch für Stadtrundfahrten wird nur der ermäßigte Steuersatz fälligDie Beförderung von Personen im Linienverkehr wird auch dann mit dem ermäßigten Satz besteuert, wenn die Beförderung - wie bei Stadtrundfahrten - dem Freizeit- oder Tourismusverkehr dient, entschied der Bundesfinanzhof in seinem Urteil V R 44/10 vom 30.06.2011. Umfasst der Ticketpreis für eine Stadtrundfahrt auch Entgelte für die Teilnahme an Führungen zu Sehenswürdigkeiten, handelt es sich um zwei selbständige Leistungen, von denen nur die Beförderung dem ermäßigten Steuersatz unterliegt. Der auf die Führungen mit dem Regelsteuersatz zu besteuernde Anteil ist gegebenenfalls im Schätzungswege zu ermitteln. Quelle: ZB
Deutsche Vorschriften zur Besteuerung von Dividenden verstoßen gegen EU-RechtDie EU-Kommission hatte Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt, weil sie der Ansicht war, dass die deutschen Regelungen zur Dividendenbesteuerung inländische Gesellschaften gegenüber Gesellschaften mit Sitz in einem anderen EU-Mitgliedstaat oder EWR-Staat steuerlich begünstigen. Im Urteil C-284/09 vom 20.10.2011 gab das Gericht der Kommission nun Recht: Deutsche Vorschriften zur Besteuerung von Dividenden verstoßen gegen EU-Recht. Deutschland muss seine Steuervorschriften jetzt anpassen. Quelle: dpa
Entsorgung von Speiseabfällen ist keine LandwirtschaftBeim Finanzgericht Münster hat ein Schweinezüchter geklagt, der neben seiner Haupttätigkeit auch Speisereste entsorgt und zu Schweinefutter verarbeitet hat. Streitpunkt dabei war, welcher Umsatzsteuersatz für die beiden Tätigkeiten berechnet werden darf. Der fünfte Senat entschied in seinem Urteil vom 19. Oktober 2011 (Az. 5 K 4749/09 U), dass die Verarbeitung der Speiseabfälle keine landwirtschaftlichen Dienstleistungen erbringt. Daher sei auf die Entsorgungsleistungen die Durchschnittssatzbesteuerung nicht anzuwenden Fazit: Wer in seinem Betrieb ganz Unterschiedliche Leistungen betreibt, sollte mit dem Finanzamt die unterschiedliche Besteuerung genau abklären. Quelle: dpa
Zweite Miete bei berufsbedingtem Umzug steuerlich absetzbarWer aus beruflichen Gründen umzieht und einige Zeit an zwei Orten Miete zahlt, kann diese zweite Miete als Werbungskosten absetzen, entschied der Bundesfinanzhof (BFH) (VI R 2/11 vom 13.07.2011). Nach Ansicht der Richter sei das im Zeitraum zwischen der Kündigung der bisherigen Familienwohnung und dem Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist möglich. Bis zum tatsächlichen Umzug seien die Miete der neuen und danach die der bisherigen Familienwohnung als Werbungskosten abziehbar. In Fall eines berufsbedingten Umzugs gilt daher nicht die Regelung der doppelten Haushaltsführung, bei der die absetzbare Wohnfläche auf 60 Quadratmeter beschränkt ist. Quelle: ap

Im Netzwerk von Gleichgesinnten

Der Mainstream der Sozialpsychologie deutet den Trend zur Eventisierung als Kompensation eines Verlusts an traditionellen Verbindlichkeiten: Hochindividualisierte Gesellschaften suchen ihr Glück in punktuellen, „situativ“ arrangierten Gemeinschaftserlebnissen, die sich beliebig vermehren lassen. Ob Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert oder Poetry-Slam, ob Valentins-Tag oder Halloween, ob Christopher Street Day oder Landesgartenschau – für jede Glaubensgemeinschaft bieten sich immer wieder neue Anlässe, um Wir-Gefühle zu zelebrieren, die nicht weiter verpflichtend sind. Selbst die „Protestkultur“ hat sich nicht umsonst diesen Namen verdient. Die sachlichen Anliegen des Bürgerengagements werden immer auch getragen von der Selbstbestätigung der Teilnehmer im Netzwerk von Gleichgesinnten.

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze sieht darin einen Gewinn. Strömten die Menschen einst zu obrigkeitlich angeordneten Krönungsfesten oder Hinrichtungen, so kommen sie heute spontan zusammen, machen die Stadt zur Bühne, sind Darsteller und Publikum zugleich. Schulze spricht von der „Demokratisierung des Fests“, wie sie am deutlichsten im Flashmob zutage trete, dem per Internet organisierten Menschenauflauf, der einander Fremde auf öffentlichen Plätzen zusammenführt zu politisch oder künstlerisch motivierten Minimal-Aktionen.

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