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Karneval Deutschland ergötzt sich an der Feierkultur

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Niedergang der Festkultur

Einfach mal abheben - Der Karneval als Ausflug in die Leichtigkeit Quelle: dpa

Die Eventisierung des Alltags geht einher mit dem Niedergang der offiziellen Festkultur. Der Sozialwissenschaftler Winfried Gebhardt spricht von der „Ent-Institutionalisierung des Festlichen“: In dem Maß, wie die Staats- und Kirchenfeste von der Bevölkerung kaum noch wahrgenommen oder, wie am Tag der Deutschen Einheit und an Christi Himmelfahrt, zu Spaß-und-Action-Tagen umfunktioniert werden, wachsen die Spielräume für spontane, synthetische, willkürlich geschaffene Festformen. Überkommene Feste müssen, um beim Publikum Punkte zu machen, im Sinne einer „Neuerfindung des Traditionellen“ mindestens mit populären Eventelementen angereichert werden.

Vom Glaubensfest zum Pop-Spektakel

Diese Lektion hat niemand so gut verstanden wie die katholische Kirche, die als Eventagentur der speziellen Art Erfahrung hat in der Mobilisierung von Massen. Wenn zum Beispiel das Bistum Trier ab 13. April in Erinnerung an die Tunika Jesu Christi zur „Heilig-Rock-Wallfahrt“ lädt, wird es neben Gottesdiensten und Andachten unter der Devise „Second Rock und Hemd“ auch einen Gebrauchtkleidermarkt und einen Auftritt der Rockband Frida Gold geben, deren Leadsängerin Jury-Mitglied bei der Casting-Show „Unser Star für Baku“ ist. Das vom Bistum unverblümt als Event beworbene Glaubensfest sei „keine klassische Wallfahrt“ mehr, so Gebhardt, sondern ein generalstabsplanmäßig organisiertes, mit Pop-Zutaten aufgeladenes Religionsspektakel.

Der 20. Weltjugendtag 2005 in Köln hat es anschaulich gezeigt: Es geht in der Religion nicht mehr um theologische Unterweisung, sondern um eine gefühlte Gläubigkeit, die vom Gemeinschaftserlebnis getragen wird. Die Jugendlichen mochten mit kirchlicher Dogmatik und Sexualmoral nichts am Hut haben, sie strömten, angezogen vom Nimbus der religiösen Mega-Party, trotzdem massenhaft zusammen und statteten den Event eigenmächtig mit Sinn aus – ohne Rücksicht auf die theologischen Vorgaben des Veranstalters. Kurz: Sie machten aus dem Weltjugendtag „ihr Ding“. Sie spielten mit ihren Handys, wenn ihnen die Katechese des Bischofs zu langweilig war, holten ihre Gitarren heraus, wenn ihnen der offizielle Sakral-Pop auf die Nerven ging. Wer die Jungpilger mit ihren Fahnen in Scharen Richtung Müngersdorf ins Rhein-Energie-Stadion zur Messe ziehen sah, mit der inoffiziellen Jugendtag-Hymne „Viva Colonia“ auf den Lippen, konnte meinen, Schlachtenbummlern Jesu zu begegnen: „Da simmer dabei...“

Wulff geht K.o., Merkel im Tanga
Merkel im Tanga, Wulff angeschlagen im Boxring, Rösler als Pinscher - die Karnevalisten nehmen am Rosenmontag wieder die Berliner Politik auf die Schippe. Unter dem Motto „Michels selbstgewählte Domina“ wird Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Rosenmontagszug in Köln als „Lady Angie“ dargestellt. Quelle: dpa
In Köln und Mainz wurden am Dienstag schon mal die Wagen vorgestellt. In Mainz hängt Wulff angeschlagen im Boxring. Quelle: dpa
In Köln steht Wulff kurz davor, geschlachtet zu werden - als Kaninchen. Quelle: dpa
Kanzlerin Angela Merkel macht in Mainz mit grimmigem Blick und rutschender Hose Kopfstand. Unter ihr liegen ihre abgerissenen Blazerknöpfe mit den Aufschriften „Atomausstieg“, „Hauptschule“ und „Mindestlöhne“, oben prangt das Wort „Kehrtwende“. Quelle: dpa
In Köln geht sie mit Hund „Rösler“ Gassi, das Tierchen ist allerdings selbst für einen Zwergpinscher arg winzig ausgefallen. Der Wagen trägt die Aufschrift „Time to say Goodbye“. Quelle: dpa
Unterdessen spaltet der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seiner Atombombe die Uno. Barack Obama als „Captain America“ ist bereits unterwegs. Auch vor anderen brisanten Themen wie Neonazis, Zwangsverheiratung oder Moscheebau schrecken die Narren nicht zurück. Quelle: dpa
Aber auch Triviales findet seinen Weg in den Rosenmontagszug: König Fußball und Prinz Poldi. Hier bittet FC-Köln-Maskottchen Hennes um den Verbleib Lukas Podolskis. Quelle: dpa

Hauptsache, es ist was los

Die Soziologin Yvonne Niekrenz versucht das rheinisch-närrische Tohuwabohu als „rauschhafte Vergemeinschaftung“ auf den akademischen Begriff zu bringen: Das Ich entledigt sich seines Über-Ichs und lässt für ein paar Tage die Sau raus – ohne sich hernach dafür schämen zu müssen. Im kollektiven Sich-treiben- und -gehen-lassen formieren sich die Feiernden zu einer folgenlosen Festgemeinschaft, in der subjektives Erlebnis und eruptiv gesteigertes Wir-Gefühl eins sind und die Fesseln der individuellen Alltags-Identität gesprengt werden: „Ich bin ein anderer.“ Der Straßenkarneval ist daher nur ein Beispiel für ein Fest, das an die Entgrenzungswünsche des Publikums appelliert, an die Sehnsucht der Festteilnehmer, über sich hinauszuwachsen – und als rauschhaft erlebtes Ich unterzutauchen im Strudel der Menge. Die schiere, durch die Beobachtung der Medien zusätzlich monumentalisierte Massenhaftigkeit der Veranstaltungen erzeugt einen Sog, dessen Kraft sich nicht dem Was, sondern dem Wie verdankt: Hauptsache, es ist etwas los, dann „simmer dabei! dat es prima!“, heißt es bei der Kölner Kultband „De Höhner“.

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