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Kernkraft Generation Atom

Bei der Jugend schwinden die Vorbehalte gegen Kernkraft. Die Branche nutzt die positive Stimmung und verpackt die Kernbotschaft in flotte Sprüche.

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Die Arbeit der Atomlobby Quelle: dpa

"Willst Du wirklich mit mir Schluss machen?“ Wütend hat der Verlassene die Frage auf rote Postkarten gekritzelt und Hunderttausende davon bundesweit in Kneipen ausgelegt. Diese Aktion soll alle potenziellen Herzensbrecher aufrütteln. Der Schmerz ist groß, der Liebeskummer öffentlich – schließlich fürchtet eine ganze Branche das tragische Beziehungsende: die vom Ausstieg bedrohte Atomindustrie. „Wir hatten doch so eine gute Zeit...“, schmeichelt auf der Rückseite das Deutsche Atomforum, Initiator der Kampagne, und erinnert an 50 Jahre CO2-freien Strom. Einfach mal gemeinsam „darüber reden“ wollen die Interessenvertreter und locken zielgruppengerecht per City Card auf ihre Homepage zum digitalen Chat.

Die Atomlobby umgarnt die Jugend – denn die ist ideologisch unbelastet. Keine Meinung zur Kernkraft? Undenkbar für Alt-Achtundsechziger, die immer noch vom Widerstand im Wendland schwärmen. Von den Parolen und Protesten der Anti-AKW-Bewegten will der Nachwuchs offenbar nichts wissen. Das zeigen Diskussionen im Online-Portal „StudiVZ“. Dort bekennen sich mehr als 8000 Mitglieder der Gruppe „Atomkraft!? Ja, bitte – Get it back“ zur Kernenergie, weil sie eine sichere, saubere und bezahlbare Energiezukunft wünschen. Diese pragmatisch-positive Stimmung will das Deutsche Atomforum für sich nutzen.

Klare Trendwende pro Atom

Hohe Energiepreise, Klimaschutzziele und zuletzt der russische Gasstreit haben dazu geführt, dass Umfragen von Infratest dimap zufolge nur eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Bundesbürger den Ausstieg für richtig hält – sieben Prozent weniger als im Dezember 2007. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ließ kurzerhand eine Umfrage von der Homepage seines Hauses streichen. Ergebnis: 57 Prozent der Nutzer klickten „pro Laufzeitverlängerung“.

Eine klare Trendwende sieht Kommunikationsexperte Carsten Reinemann bei Jugendlichen, die nach 1986 zur Welt kamen, dem Jahr der Kernschmelze im russischen Reaktor Tschernobyl. Umfragen von tns emnid bestätigen seine Analyse: Bei den 14- bis 29-Jährigen ist die Mehrheit (54 Prozent) für eine weitere Nutzung der Kernenergie in Deutschland – wenn die Endlager-Frage gelöst ist. 47 Prozent plädieren für eine Verlängerung der Laufzeiten.

„Vorurteilsfrei und unkonventionell“

Die Generation Atom geht das Reizthema eher nüchtern an. Das zeigte auch das erste Treffen des Jungen Forums, einer neuen Plattform für junge Leute, zu dem die Atomlobby gerade in den Berliner Szene-Club „40 Seconds“ einlud. 120 Gäste tummelten sich vor der nächtlichen Skyline des Potsdamer Platzes an der Bar, darunter Nachwuchstalente aus Union und FDP, aber auch Vertreter der Umweltverbände. Auf der Einladungskarte prangte die Vision des Gastgebers: ein Kernkraftwerk neben dem Brandenburger Tor. „Deutschland – deine Zukunft“ lautete das plakativ-offene Motto des Abends.

„Vorurteilsfrei und unkonventionell“ sollte der Diskurs sein, deshalb wohl hatte der Veranstalter Tischtennis-Europameister Timo Boll auf das Podium gesetzt. Der 28-jährige Spitzensportler, nach eigenen Worten „kein Energieexperte“, sprach über wachsenden Strombedarf, günstige Atomenergie und gab an, er habe gegen Kernbotschaften auf seinem Sporttrikot nichts einzuwenden.

Brav tauschten Attac-Gründer und Neu-Grüner Sven Giegold, 39, und Johannes Pöttering, 31, Vize-Vorsitzender der Jungen Union, bekannte Argumente aus. Der Enkel des Physik-Nobelpreisträgers, Emanuel Heisenberg, 31, selbst Hersteller von Biogas-Turbinen, fand, man dürfe erneuerbare Energien nicht überfordern und auf die Kernkraft als „Brückentechnologie“ nicht verzichten. Die schwedische Journalistin Therese Larsson lobte den Pragmatismus ihrer Landsleute, die erst kürzlich ihren Atomausstieg revidiert hatten. Kernkraft sei schließlich sauberer als der Klimakiller Kohle, so die 34-Jährige.

Dieter Marx, Geschäftsführer des Atomforums, war entzückt. Für ihn kommt die Kampagne zur rechten Zeit. Was auf der nächsten Karte steht, die bald überall ausliegt? Ein Hinweis auf die durchschnittlichen Laufzeiten deutscher Reaktoren. Den Versorgern sind sie viel zu kurz: „32 Jahre – das ist doch kein Alter!“

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