Kirchenaustritte 2023 Immer weniger Mitglieder – Warum Austritte erneut auf Rekordhoch sind

Kirchenaustritte in Deutschland Quelle: dpa

Immer mehr Menschen in Deutschland kehren den Kirchen den Rücken zu. Die Anzahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich, Austritte steigen. Das hat vor allem vier Gründe.

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Die Daten zeigen einen eindeutigen Trend: Den christlichen Kirchen fehlt es zunehmend an Mitgliedern. Mit Reformen möchten sie dem Weggang der Unterstützer und der Bedeutungslosigkeit entgegenwirken. Doch ihnen läuft die Zeit davon: Immer mehr Mitglieder in Deutschland treten aus der Kirche aus. Lesen Sie hier alles zur Kirchenmitgliedschaft und dem Kirchenaustritt: Eine Übersicht von Zahlen, Gründen und Folgen. 

Wie viele Kirchenmitglieder gibt es in Deutschland aktuell?

Jüngsten Zahlen zufolge gehören den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland etwas mehr als 40 Millionen Mitglieder an. Davon entfallen etwa 20,9 Millionen auf die katholische Kirche, rund 19,2 Millionen Mitglieder sind evangelisch. Knapp jeder zweite Deutsche ist somit einer der beiden Kirchen zugehörig. Inzwischen sind jedoch auch mehr als 34 Millionen Bundesbürger konfessionslos.

Ein anhaltender Trend: Waren es 1990 noch etwa 57,9 Millionen Deutsche, die Mitglied einer christlichen Kirche waren, sind es heute fast 17 Millionen Gläubige weniger. Zugleich ist die Bundesbevölkerung weiter angestiegen. So kommt es, dass die Kirchen seither über ein Viertel ihrer Anhänger verloren haben. Im Jahr 2021 ist die Anzahl der Kirchenmitglieder erstmals unter die Marke von 50 Prozent der Gesamtbevölkerung gefallen.

Die liberalen Aufklärer, die katholische Kirche und das deutsche Grundgesetz sehen im Privatbesitz ein Grundrecht und verteidigen es. Heute erschüttert ausgerechnet der Kapitalismus die Fundamente des Eigentumsbegriffs.
von Carsten Lotz

Die markantesten Rückgänge hat die katholische Kirche zu verzeichnen. 360.000 Mitglieder verließen 2021 die Glaubensgemeinschaft, 2022 waren es sogar mehr als 522.000. Die Anzahl der Kirchenaustritte liegt damit erneut auf einem Rekordhoch. In Zukunft dürfte der Anteil der Kirchenanhänger nach Annahmen von Experten noch deutlicher unter 50 Prozent liegen. Die Rede ist von einem Erosionsprozess. 

Längst ist diese Entwicklung von den hohen Glaubensvertretern wahrgenommen worden – Stichwort: Synodaler Weg. Über die passenden Mittel, um dem Mitgliederschwund entgegen zu wirken, herrscht jedoch weiterhin Uneinigkeit. 

Warum verringert sich die Anzahl der Kirchenmitglieder?

Der Rückgang der Kirchenmitglieder lässt sich anhand mehrerer Faktoren erklären. So gibt es weniger junge Menschen, die mit kirchlichem Hintergrund aufwachsen. Die Anzahl konfessionsloser Kinder steigt. Auch später finden nur noch vergleichsweise wenig Menschen den Weg in eine Kirchengemeinschaft. Derweil steht den Eintritten und Wiedereintritten in die Kirche eine weiterhin steigende Anzahl an Kirchenaustritten entgegen.

Die Gründe für den Kirchenaustritt

Als einige der häufigen Gründe für den Austritt gelten unter anderem folgende Punkte:

  • Die unabhängige Gesellschaft: Die moderne Gesellschaft hat kirchliche – zumeist sehr konservative – Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben. Viele empfinden diese als überholt. Zwar sind die Verbindungen trotz der Trennung zwischen Kirche und Staat noch immer vielfältig, breite Teile der Gesellschaft agieren jedoch zunehmend unabhängig vom kirchlichem Leben. Insbesondere junge Menschen haben sich abgewandt. Andere Lebensentwürfe sind dadurch in den Mittelpunkt gerückt. Noch immer gelten die Kirchen als Wegweiser moralischer und ethischer Entscheidungen. Kontroverse Aussagen ranghoher Glaubensvertreter sorgen aber auch regelmäßig für Empörung. Die Einmischung der Kirchen in gesellschaftliche und private Räume sehen daher viele kritisch.
  • Der Reformstau der Kirchen: Vor dem Hintergrund der Abwanderung vieler Menschen stehen die christlichen Kirchen in Deutschland vor der Aufgabe, die Institution an eine moderne Gesellschaft anzupassen. Darunter sind viele ungeklärte Fragen: Der Umgang mit Homosexuellen, die Rolle der Frau, Themen wie Abtreibung oder der Zölibat in der katholischen Kirche. In vielen dieser Fragen bedarf es mehr Debatte und Veränderung. Die Kirchen selbst sind im Streit um Veränderung und Erneuerung.
  • Die Versäumnisse der Kirchen: Mit dem Bekanntwerden der Missbrauchsskandale ab Anfang der 2000er Jahre sind die Kirchen in eine Vertrauenskrise geraten. Die Kirchenmitglieder an der Basis haben die Skandale um die jahrzehntelangen Vertuschungen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger tief getroffen. Die Kirchen selbst ringen bis heute um den richtigen Umgang und die Aufarbeitung der Skandale. Besonders schwer betroffen ist davon die katholische Kirche. Sie ist durch die Vorkommnisse in eine schwere Vertrauenskrise geraten. In allen deutschen Bistümern sind inzwischen Missbrauchsfälle dokumentiert worden, es gibt zehntausende Opfer. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Kritiker werfen den Amtsträgern der katholischen Kirche vor, die Täter weiterhin zu decken, die Aufarbeitung zu behindern und Opfer nicht angemessen zu entschädigen.
  • Die Kirchensteuer: Und schließlich geht es noch ums Geld – die Kirchensteuer. So erheben die christlichen Kirchen für die Mitgliedschaft immerhin einen Satz von acht oder neun Prozent der Einkommensteuer. Je nach Einkommen kann die Kirchensteuer auf das Jahr gerechnet dann einige hundert Euro betragen. Wenn das Geld in Zeiten hoher Inflation sowieso knapp ist und zugleich die Identifikation mit der Kirche schwindet, geraten die Kosten für eine Kirchenmitgliedschaft in den Blick. Noch sprudeln die Einnahmen der Kirchen. Nicht zuletzt aufgrund des allgemein hohen Steueraufkommens. In den vergangenen fünf Jahren verbuchten sie so über zehn Milliarden Euro im Jahr.

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Welche Folgen hat der Austritt aus der Kirche?

Der Kirche und den kirchlichen Verbänden entgehen durch die austretenden Mitglieder vor allem Einnahmen. Durch die fehlenden Steuereinnahmen kann die Finanzierung kirchlicher Projekte unter Druck geraten. Zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen, etwa die Caritas und die Diakonie, sind den Kirchen angeschlossen. Die Kirchen sind außerdem einer der größten Arbeitgeber des Landes.

Mehr als eine Million Angestellte beschäftigen die Kirchen als Träger der jeweiligen Unternehmen und Einrichtungen aktuell in Deutschland. Auch Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder auch Hochschulen sind mitunter in kirchlicher Trägerschaft. Hinzu kommen kirchliche Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen – Kliniken sind ein Teil davon. Zumindest teilweise werden die Kosten hierfür aus Mitteln der Kirchensteuer finanziert. Die Kirchen in Deutschland verfügen zudem über Tausende Baudenkmäler in Deutschland, nicht zuletzt historische Kirchen und Klöster, deren Instandhaltung die Kirchen mithilfe der Kirchensteuer ermöglichen.

In vielen Fällen sind es aber pragmatische Gründe, die zum Verbleib der Mitglieder in der Kirche führen. So dürfen beispielsweise nur Paare kirchlich heiraten, wenn zumindest eine der beiden Personen Mitglied der jeweiligen Kirchen ist. Sind beide Personen aus der Kirche ausgetreten oder konfessionslos, so bleibt diesen der Wunsch der kirchlichen Hochzeit verwehrt. Nichtmitglieder sind als Folge des Austritts von den kirchlichen Sakramenten dann weitgehend ausgeschlossen. Damit verbunden ist die Enthaltung aus dem aktiven Gemeindeleben.

Seit längerem sind zudem arbeitsrechtliche Fragen ein Streitthema. Denn bis heute wird den Kirchen ein eigenes Arbeitsrecht zugestanden, nach welchem Arbeitnehmer kirchlicher Unternehmen sich richten sollen. Ist eine Person bei einem Unternehmen in kirchlicher Trägerschaft angestellt und tritt dann aus der Kirche aus, ist sie gewissermaßen auf die Duldung des Arbeitsverhältnisses durch die Kirchen angewiesen. Das galt auch für Neueinstellungen. Zwar bröckelt das kircheneigene Arbeitsrecht und steht zunehmend in Frage, aufgehoben ist die arbeitsrechtliche Sonderstellung der Kirchen jedoch nicht.

Was tun die Kirchen gegen die steigende Zahl der Austritte?

Die Kritik an den Kirchen gestaltet sich in Teilen unterschiedlich. Entsprechend unterscheiden sich auch die Lösungsansätze, die die Kirchen im Kampf gegen den Mitgliederschwund wählen.

  • Der synodale Weg: Mitglieder und Vertreter der katholischen Kirche versuchen sich an einem ganzen Reformpaket. Das unter dem Titel „Synodaler Weg“ laufende Projekt ist seit 2019 der Gesprächskanal der Reformwilligen. Das Leben der Priester, Ämter für Katholikinnen, der Zölibat, die Machtkonzentration – in all diesen Bereichen soll es Veränderungen geben. Dadurch, so der Gedanke, soll wieder eine engere Bindung von Kirche und Kirchenmitgliedern entstehen. Der Weg ist jedoch umstritten. Regelmäßig äußern ranghohe Geistliche Bedenken, so etwa Papst Franziskus im Juni 2022.
  • Einsparungen: Auch, wenn sie jährlich von einem allgemein hohen Steueraufkommen profitieren und auf diese Weise die Mitgliederverluste finanziell kompensieren können, greifen die christlichen Kirchen inzwischen und je nach Bistum verstärkt zum Rotstift. Einsparungen stehen auf der Tagesordnung. Aufgrund der Energieknappheit im Winter 2022/2023, aber nicht zuletzt auch wegen der hohen Energiepreise, erlegte unter anderem das Erzbistum Köln seinen katholischen Gemeinhäusern auf, nicht mehr zu heizen. Die schwindendende Zahl der Kirchenmitglieder, aber auch die Knappheit an hauptamtlichem Kirchen-Personal (unter anderem fehlt es an neuen Priestern), führt unlängst dazu, dass die Bistümer mancherorts auf eine Art Basisversorgung umstellen. Dazu gehört die Zusammenlegung von Gemeinden, aber auch die Schließung von Kirchen. Für die katholische Kirche stehen die Kosten der Instandhaltung dann nicht mehr im Einklang mit der verbleibenden Anzahl an Personal und Gemeindemitgliedern. Das trifft auch größere Kirchen. Zum Juli 2023 wurde beispielweise in der rheinischen Großstadt Krefeld die größte Kirche St. Johann Baptist entweiht. Zur Verärgerung der übrigen Gemeindemitglieder.
  • Erneuerung und Rückbesinnung: Unterdessen arbeitet auch die evangelische Kirche an neuen Beteiligungsformaten. Im April 2022 gab die Evangelische Kirche in Deutschland bekannt, künftig Betroffene an der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen aktiv beteiligen zu wollen. So wolle man das öffentliche Vertrauen in die Institution stärken. An dem Vorhaben macht sich jedoch viel Kritik breit. Betroffene kritisierten unter anderem, dass die Kirche nach wie vor eine interne Aufarbeitung der Fälle anstrebe, externe Untersuchungen jedoch nicht geplant seien. Ohnehin macht sich auch in der evangelischen Kirche eine Vertrauenskrise breit. Während liberale Mitglieder weitere Erneuerungen der bereits reformierten Kirche fordern, streben andere eine Rückbesinnung auf traditionelle Ideale des evangelischen Glaubens an. Kritisch gesehen wird dabei eine zunehmende Loslösung von den biblischen Schriften, als unchristlich empfundene Lebensführungen, ein vermeintlich leichtfertiger Umgang mit dem Thema Ehe und Scheidung, die Rolle der Ökumene. In dem Glauben den jeweils größeren Teil der Gläubigen auf seiner Seite zu haben, entzweit die evangelische Kirche ein Stück weit.
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