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Klaus Hurrelmann „Einen so heftigen Protest haben wir seit 50 Jahren nicht erlebt“

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„Generation Z findet mit Blick auf berufliche Zukunft keine Sicherheit“

Trotzdem wird doch auch die „Generation Z“ mit Digitalisierung und beruflicher Ungewissheit zu kämpfen haben.
Die junge Generation findet mit Blick auf ihre berufliche Zukunft zwar keine Sicherheit vor, aber sie erlebt keine existentielle Unsicherheit, sondern hat eine verhältnismäßig gute Ausgangslage. Die seit 2000 Geborenen wachsen in einer Wohlfahrts- und Konsumgesellschaft auf mit unendlichen Freizeitangeboten, die nicht nur finanziell erschließbar sind, sondern auch über digitale Plattformen – für sie ist alles mit einem Klick erreichbar. Zudem unterstützen ihre Eltern sie intensiv und die Schulen bilden sie gut aus. Die meisten von ihnen führen ein relativ bequemes und komfortables Leben. Natürlich gibt es da auch Brüche. In unseren Jugendstudien sehen wir regelmäßig 20 Prozent sozial relativ abgehängte junge Menschen, die in prekären Verhältnissen aufwachsen. Insgesamt ist die wirtschaftliche Ausgangslage dieser Generation aber gut.

So rituell wie die Schüler jeden Freitag demonstrieren, granteln Konservative Woche für Woche, dass da vom Wohlstand verwahrloste Kinder auf die Straße gingen und wohlfeil für mehr Umweltschutz demonstrieren, während sie sonst bei McDonald’s essen, sich von ihren Eltern überall mit dem Auto hinfahren lassen und tonnenweise Plastik verbrauchen. Hat dieser Vorwurf seine Berechtigung?
Das komfortable Leben hat seine Spuren im Konsumverhalten der jungen Generation hinterlassen, insofern mutet ihr Protest auf den ersten Blick widersprüchlich an. Diese jungen Menschen schwänzen die Schule, um für mehr Umweltschutz zu protestieren, aber sind teils mit einem Auto dorthin gefahren. Das kann man so sehen, allerdings macht man es sich mit dieser Betrachtungsweise sehr einfach. Jede Generation findet eine Welt vor und wächst darin auf. Die jungen Menschen können nicht ohne Weiteres ihren Lebensstil grundlegend ändern, denn ihr Lebensstil ist nicht nur von ihrem eigenen Willen abhängig, sondern auf ihn wirken auch auf sehr starke Weise wirtschaftliche, konsumtechnische und atmosphärische Einflüsse. Dieser Zusammenhänge sind sich die Jugendlichen durchaus bewusst. Sie wissen, dass sie abhängig sind von der Zuckerindustrie und von Fastfoodketten. Sie wissen, dass die Produktionsbedingungen viele ihrer Konsumgüter ethisch nicht einwandfrei sind und dass ihr Konsum die Erde vermüllt. Sie wissen von Vermarktungsstrategien, denen sie bei ihrem Medienkonsum oder im Supermarkt ausgesetzt sind und die sie in einen Sog aus umweltschädlichen Angeboten hineinziehen. Unter diesen Bedingungen ist es kaum möglich für diese jungen Menschen, von heute auf morgen umweltfreundlich zu leben. Wer ihnen das zum Vorwurf macht, versteht ihr Anliegen nicht.

Was betrachten Sie als das Anliegen der Jugendlichen?
Sie fordern die Politik auf, ihnen selbst und anderen zu ermöglichen, sich umweltfreundlicher zu verhalten, ja sie sogar zu zwingen. Sie sagen laut und deutlich: Wenn wir alle so weiter machen wie bisher und die politisch Mächtigen es versäumen, die Weichen zu stellen, dann fahren wir diese Welt vor die Wand und gefährden ihre Existenz. Und das trifft die jungen Menschen mehr als uns ältere.

Der auch noch nicht so alte CDU-Politiker Philipp Amthor sagte vergangene Woche: „Bei der Wahl zwischen Unterricht und Klimademos in der Schulzeit entscheiden sich viele für Klimademos. Bei der Wahl zwischen Playstationen und Klimademos am Nachmittag sieht es dann bei manchen aber schon anders aus.“ Warum regen sich so viele Politiker über das Schulschwänzen auf?
Wenn Politiker missliebige Inhalte übergehen wollen, weichen sie ihnen aus, indem sie auf die Form der Demonstrationen abzielen. Zudem gehen die Jugendlichen sehr geschickt vor und setzen die verantwortlichen Politiker mehr und mehr unter Druck, indem sie ernsthaft ihre Themen vortragen und dabei freundlich lächeln. Das stellt viele Politiker vor große Schwierigkeiten – das ist ein Markenzeichen dieser Generation, die man bald „Generation Greta“ nennen kann. Die Jugendlichen operieren nicht mit Grenzüberschreitungen, das würde sie angreifbar machen. Sie gehen kalkuliert und bedacht bis an die Grenze dessen, was möglich ist – und keinen Schritt weiter. Sie bleiben diszipliniert, rasten nicht aus, halten sich an die Spielregeln. Die einzige Provokation, die sie sich herausnehmen, ist das Schulschwänzen, womit sie ihren Protest als Streik inszenieren. Das ist ein wichtiger organisatorischer und atmosphärischer Bestandteil.

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