Klaus-Peter Willsch "Mein Eindruck ist, dass Angela Merkel ihre Position überdenkt"

Die Revolte gegen Angela Merkel hat begonnen. Im Interview erklärt CDU-Mann Klaus-Peter Willsch, was die Unions-Abgeordneten von der Kanzlerin wollen und warum sie ihre Politik der offenen Grenze ändern könnte.

Der CDU-Abgeordnete Klaus-Peter Willsch im Interview mit WIrtschaftsWoche. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Willsch, gestern gab es in der Unionsfraktion eine lebhafte Debatte über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Rebelliert die eigene Partei gegen Angela Merkel?

Klaus-Peter Willsch: Wir Bundestagsabgeordnete waren vergangene Woche in unseren Wahlkreisen unterwegs und haben den Unmut vieler Bürger unmittelbar zu spüren bekommen. Insofern hat sich gestern Nachmittag viel Lebenswirklichkeit im Bundestag versammelt. Und diese Lebenswirklichkeit haben wir Abgeordnete beschrieben.

"Wir können das schaffen und wir schaffen es"
"Glauben Sie denn, dass wirklich 100.000 Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt?"...fragte Merkel am Mittwoch Anne Will, als das obige Foto eingeblendet wurde. Das Bild zeigt Merkel bei einem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin-Spandau am 10. September 2015. Quelle: dpa
"Sie können die Grenzen nicht schließen. (...) Wenn wir die Grenzen schließen würden - Deutschland hat 3000 Kilometer Landgrenze - dann müssten wir um diese 3000 Kilometer einen Zaun bauen."Das antwortete Angela Merkel auf Anne Wills Frage, ob Deutschland einen Aufnahmestopp brauche. 3,45 Millionen Zuschauer verfolgten am Mittwochabend das Interview. Quelle: dpa
" Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land. Ich sage das wieder und wieder: Wir können das schaffen und wir schaffen es."Diese Worte richtete Angela Merkel an die Gegner ihrer Asylpolitik bei einem Treffen mit ihrem österreichischen Amtskollegen Werner Faymann. Das Bild zeigt beide Politiker während der Pressekonferenz am 15. September im Bundeskanzleramt. Quelle: dpa
"Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen."Im Dezember 2012 scherzt Angela Merkel auf dem Bundesparteitag der CDU über die Liberalen, die damals in Umfragen weit zurück lagen. Den Delegierten gefiel das FDP-Bashing - sie klatschten begeistert. Danach stimmt Merkel die Liberalen aber wieder versöhnlich: Keine andere Koalition könne eine bessere Arbeit machen als die schwarz-gelbe, so die Bundeskanzlerin. Quelle: dpa
"Ein nüchterner Blick auf die Fakten zeigt: Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung."Ein selbstbewusstes Fazit der vergangenen drei Regierungsjahre zog Merkel am 21. November 2012 bei der Generaldebatte im Bundestag. Ihre Begründung: Die Arbeitslosigkeit sei auf einem Rekordtief, Wehrpflicht und Praxisgebühr seien abgeschafft und die Ausgaben für Forschung und Bildung so hoch wie lange nicht mehr. Quelle: dpa
"Keine Euro-Bonds, solange ich lebe."Das versprach Angela Merkel im Juni 2012 in einer Rede vor der FDP-Fraktion. Teilnehmer der Runde berichteten dies mehreren Nachrichtenagenturen. Einige der FDP-Abgeordneten sollen der Bundeskanzlerin zugerufen haben: "Wir wünschen Ihnen ein langes Leben!" Quelle: dpa
"Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert."2010 wollte Angela Merkel noch die Laufwerkszeiten von Atomkraftwerken verlängern. Am 9. Juni 2011 bewegte sie die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum Umdenken. Quelle: dpa
"Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."Diesen bekannten und oft benutzten Satz sagte Angela Merkel unter anderem in ihrer Regierungserklärung am 19. Mai 2010. Gleichzeitig bezeichnete sie damals die Kredite an Griechenland als "alternativlos." Quelle: AP
"Immerhin haben wir es geschafft, dass das Gesicht der Kanzlerin ostdeutsch ist. Das ist ja schon mal was."Angeblich waren ostdeutsche CDU-Abgeordnete nach den Wahlen 2009 unzufrieden mit Merkels Ministerwahl. Das neue Kabinett sei zu westlastig. Merkel verteidigte daraufhin ihre Wahl in einer Pressekonferenz. Das Bild zeigt das neue Kabinett im Oktober 2009 im Bundeskanzleramt. Quelle: dpa
"Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial - und das macht die CDU aus."...sagte die Bundeskanzlerin im März 2009 bei Anne Will. Laut Politikwissenschaftler Gerd Langguth beschreibt Merkel "die drei historischen Wurzeln" der CDU und damit das "Erfolgsgeheimnis der Noch-Volkspartei." Kritiker werfen gerne ein, dass das "C" in CDU nur noch im Namen der Partei zu finden sei. Quelle: dapd
"Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein."Am 5. Oktober 2008 verkündeten Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück vor laufenden Kameras, die in Schieflage geratene Hypo Real Estate retten zu wollen. Die klaren Worte sollten Sparer beruhigen und eine Anlegerflucht verhindern. Quelle: AP
"Die multikulturelle Gesellschaft ist grandios gescheitert."Dieser überraschende Satz stammt aus dem November 2003 und fiel auf einem CSU-Parteitag. Die FAZ nannte den Satz damals " eine Einsicht, die die CDU-Vorsitzende der Öffentlichkeit bislang vorenthalten hatte." Quelle: AP

Das Wort „Abwahl“ soll gefallen sein. Stimmt das?

Ich weiß es nicht. In einem Saal mit 350 Leuten hört man nicht jedes Wort. Ich habe es jedenfalls nicht vernommen. Es ging nicht um Rebellion gegen irgendwen. Wir haben nur sehr offen diskutiert.

Haben Sie den Eindruck, dass die Kanzlerin und Fraktionsspitze die Sorgen ernst nehmen?

Ja, den Eindruck habe ich. Es war eine harte und teilweise hitzige Debatte. Aber die Führung scheint ernsthaft an der Meinung der Abgeordneten interessiert. Es setzt sich langsam aber sicher die Erkenntnis durch, dass wir Transitzonen und eine stärke Grenzsicherung brauchen.

Das stünde im krassen Widerspruch zur aktuellen Politik der Kanzlerin.

Sie hat sich schon früher korrigiert, denken Sie beispielsweise an die Energiewende. Im Moment kommt jeden Tag eine Kleinstadt neu zu uns ins Land. So kann es nicht weitergehen. Wir müssen handeln und zwar schnell. Und mein Eindruck ist, dass die gestrige Sitzung ihren Teil dazu beigetragen hat, dass Angela Merkel ihre Position überdenkt.

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Sie klingen optimistisch.

So eine gute Diskussion hatten wir schon lange nicht mehr in der Unions-Fraktion. Ich bin froh, dass wir so offen miteinander gesprochen haben. Von mir aus können wir das ab jetzt immer so machen.

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