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Klimaforscher Ottmar Edenhofer „Das wird ein Strukturwandel, der seinesgleichen sucht“

Protest für den Wandel. Kohle ist aktuell die wichtigste Energiequelle, die Bundesregierung will aber 2038 aus der Kohle ausgestiegen sein. Quelle: dpa

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral wirtschaften, das schreibt das Gesetz vor. Der oberste Klimaschutz-Berater der Bundesregierung, der Ökonom Ottmar Edenhofer, beschreibt, was es zum Abschied von der fossilen Ära braucht, wer gewinnt oder verliert.

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WirtschaftsWoche: Herr Edenhofer, das neue Klimaschutzgesetz gibt klare Ziele gegen Treibhausgase vor. Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral wirtschaften, in der Summe keine klimaschädlichen Gase mehr ausstoßen, es fehlen aber klare Schritte. Ist das realistisch?
Ottmar Edenhofer: Vielen in der Politik ist wohl noch nicht klar, was das für eine Kraftanstrengung bedeutet. Energie, Industrie, der Verkehr, die Landwirtschaft und das Heizen: Über alle Sektoren hinweg müssen die Emissionen runter, schwer vermeidbare Emissionen etwa durch CO2-Speicher ausgeglichen werden. Das wird ein Strukturwandel, der in der Geschichte seinesgleichen sucht.

Fangen wir bei der Energie an. Da ist die Kohle aktuell die wichtigste Energiequelle, die Bundesregierung will aber 2038 aus der Kohle ausgestiegen sein…
… zurzeit kostet im EU-Emissionshandel jede Tonne CO2 aus der Energiewirtschaft etwa 63 Euro. Schon bei dem Preis rentiert sich Kohlestrom auf Dauer nicht mehr. Bald kommt noch der Green Deal der EU dazu, der Klimavorgaben weiter verschärfen wird. Kohle wird sich dann schon um das Jahr 2030 nicht mehr lohnen. Diesen frühen Ausstieg brauchen wir auch für die Klimaziele.

Was muss die nächste Regierung schnell angehen? Wo sind schnelle Erfolge zu erzielen?
Es ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, aber Klimaneutralität ist machbar. Zunächst brauchen wir deutlich mehr erneuerbare Energie als die Bundesregierung derzeit anstrebt. Die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie muss bis 2030 etwa 50 Prozent größer sein groß sein als durch die Bundesregierung anvisiert. Wir werden viel mehr erneuerbaren Strom brauchen, weil vieles künftig mit Strom angetrieben wird. Wenn der Strom da ist, können wir ihn direkt nutzen oder umwandeln in Wasserstoff oder künstliche Kraftstoffe.

Strom wird wichtig für die Industrie, die Mobilität und fürs Heizen. Was muss der Staat dafür tun?
Die Stromnetze müssen massiv ausgebaut werden und wir brauchen Speichermöglichkeiten. Überschüssiger Strom, der vorhanden ist, wenn der Wind weht und die Sonne scheint, kann in Wärme umgewandelt werden oder in synthetische Kraftstoffe. Damit dafür aber neue Geschäftsmodelle entwickelt werden können, brauchen wir als Anreiz einen fluktuierenden Strompreis, der niedriger ist, wenn viel Strom da ist und höher, wenn wenig im Netz ist. Wir brauchen auch die Konkurrenz der Anbieter, damit sich Investitionen in Stromspeicher lohnen.

Muss dafür die EEG-Umlage, also die Finanzierung erneuerbarer Energie über den Strompreis, abgeschafft werden? Woher sollen die Milliarden kommen?
Die EEG-Umlage sollte nicht mehr über den Strompreis finanziert werden, sie könnte aus den Einnahmen des CO2-Preises oder aus dem Staatshaushalt finanziert werden.

Zurzeit importieren wir viel Energie, vor allem Öl und Gas. Soll das künftig alles hier zu Lande produziert werden?
Import ist nicht schlecht, wenn Solarenergie anderswo billiger produziert werden kann und dort vielleicht auch der grüne Wasserstoff unter besseren Bedingungen gewonnen werden kann. Aus Spanien kann man das zu uns transportieren.

Erneuerbare Energie ist billiger zu schaffen als der Abschied vom Verbrennerauto. Die Ziele im Klimaschutzgesetz für den Verkehr werden wohl gerissen. Warum?
Wir müssen zunächst den Sektoren mehr abverlangen, die leichter vorankommen können. Beim Verkehr dauert es lange, bis die Fahrzeugflotte umgestellt ist. Ein Auto fährt im Schnitt länger als elf Jahre. Auch ein Verbot von neuen Verbrennermotoren würde Emissionen erst senken, wenn es durch einen CO2-Preis ergänzt wird. Der sorgt dafür, dass alte Fahrzeuge schneller durch E-Autos ersetzt werden, die mit grünem Strom betrieben werden. Deshalb ist ein CO2-Preis so wichtig, der verlässlich steigt und über die gesamte Wirtschaft immer einheitlicher wird. Der regt den Wandel zuerst da an, wo er am kostengünstigsten stattfindet. Das gibt schwierigeren Sektoren wie dem Verkehr mehr Zeit.

Ottmar Edenhofer ist Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Quelle: Imago

So lange in der EU oder international der Ausstoß von CO2 unterschiedlich viel kostet, werden Unternehmen womöglich auch abwandern in billigere Länder…
Investoren brauchen das klare Signal, dass der CO2-Preis stetig steigt, sich über die verschiedenen Sektoren angleicht und in ganz Europa gelten wird. In Deutschland werden wir in den nächsten Jahren im Verkehr, beim Heizen und in der Landwirtschaft einen höheren nationalen CO2-Preis sehen als in der Industrie und der Energiewirtschaft, die schon im europäischen Emissionshandel sind. Das wird nur eine gewisse Zeit durchzuhalten sein. Dann müsste absehbar ein gemeinsamer CO2-Preis für alle Sektoren und die ganze EU folgen.

Wo sehen Sie den CO2-Preis in Deutschland im Jahr 2030, um die Klimaziele einzuhalten?
Da werden wir beim Verkehr und bei der Wärme wohl mindestens bei 150 bis 200 Euro je Tonne CO2 liegen. Das wären etwa 50 Cent mehr für den Liter Benzin oder etwa 60 Cent mehr je Liter Heizöl als ohne den CO2-Preis. Auch wenn die Energiebranche und die Industrie etwas günstiger aus fossilen Brennstoffen aussteigen können, werden die sich wehren, wenn sie den Verdacht haben, dass andere Sektoren nicht so viel tun müssen. Auch deshalb können kurzfristig unterschiedliche CO2 Preise Sinn ergeben, langfristig brauchen wir einen einheitlichen CO2-Preis für alle.

Damit Wind- und Solarkraft ausgebaut werden, braucht es nach Ihren Prognosen drei Prozent der Fläche für Windräder statt zwei Prozent. Schon dieses Ziel ist hart umkämpft…
Landverbrauch ist ein wichtiges Thema. Wenn wir den ineffizienten Strom aus Biomasse nicht mehr fördern wie bislang, brauchen wir viel weniger Anbaufläche für diesen Energiemais. Windräder erzeugen auf weniger Fläche mehr Strom als wir Maisfläche für Bioreaktoren haben, und diese Flächen können gleichzeitig zum Beispiel landwirtschaftlich genutzt werden.

In der Industrie müssen sich Stahl, Chemie und Grundstoffindustrie neu erfinden und verlangen dafür Subventionen. Wie kann das sinnvoll geschehen?
Es kann nur eine Anschub-Förderung für den Umbau geben. Wenn der CO2-Preis steigt und Verfahren etwa für Stahl mit grünem Wasserstoff im großen Maßstab günstiger werden, dann rechnet sich das. Dahin müssen wir kommen. Synthetische Kraftstoffe kosten zurzeit mehrere hundert Euro je eingesparter Tonne CO2. Das ist noch enorm. Mit Subventionen muss man klug und sparsam umgehen. Zugleich muss der CO2-Preis steigen. Allen muss klar werden: Die fossile Zeit ist zu Ende.

Industrieprozesse etwa bei Zement werden immer Treibhausgas emittieren, auch die methanfreie Kuh ist nicht erfunden. Diese Gase müssten künftig im Boden verpresst werden, was in Deutschland sehr umstritten ist. Wie soll das gehen?
Wir brauchen negative Emissionen – wir müssen CO2 aus der Luft holen und im Untergrund lagern. Aber wir müssen das nicht unbedingt im dichtbesiedelten Deutschland tun. Norwegen zum Beispiel arbeitet bereits an solchen Geschäftsmodellen. Ohne CCS, ohne diese CO2-Abscheidung und Speicherung der nicht vermeidbaren Emissionen, wird Klimaneutralität nicht gelingen.

Beim Umstieg im Verkehr und beim Heizen könnten viele durch hohe Kosten überfordert sein. Wie kann dieses soziale Problem gelöst werden?
Einkommensschwache haben einen eher kleinen CO2-Fußabdruck, geben jedoch einen verhältnismäßig großen Anteil ihres Einkommens für Mobilität und Wohnen aus. Deshalb gehört zu steigenden CO2-Preisen auch eine sozial gerechte direkte Entlastung für die Menschen. Bei einem CO2-Preis von zum Beispiel 50 Euro könnten die 20 Prozent der ärmsten Einkommensbezieher unterm Strich durch eine Pro-Kopf-Prämie gut 100 Euro mehr auf ihrem Konto haben am Ende des Jahres.



Müssen wir uns auch teilweise vom Auto verabschieden, vom Individualverkehr? Müssen wir uns beim Wohnraum einschränken? Sind solche Beschränkungen zu rechtfertigen?
Der Umbau sollte jedem so viel Freiheit wie möglich lassen. Ein CO2-Preis, der Menschen durch Rückerstattung entlastet, ist richtig. Der ungebremste Klimawandel ist eine Bedrohung der Freiheit vor allem für die künftigen Generationen. Aber auch schon heute vernichtet der Klimawandel Vermögen und Besitz, wie man im Ahrtal sehen konnte. Und wenn wir Flächen effizienter nutzen, Baulücken schließen, Staus in Städten verhindern, Luftverschmutzung vermeiden, kann die Wohnqualität sogar steigen. Kluge Klimapolitik sichert den Wohlstand, auch wenn wir nicht einfach weiter machen können wie bisher.

Mehr zum Thema: Mehr Kohlestrom als Ökostrom – die Zahlen des ersten Halbjahres alarmieren die Klimaexperten. Der Energiekonzern EnBW fordert nun wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke.

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