Klimawandel Die Gefahr durch Hochwasser ist nicht gebannt

Die Hochwasserlage an Rhein und Mosel hat sich entspannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Klimawandel in den nächsten Jahren Flüsse stärker als bisher über die Ufer treten lässt. Das Hochwasserrisiko steigt.

Das Risiko von Überschwemmungen an Flüssen wird vielerorts steigen, sagt eine Studie. Quelle: dpa

BerlinTagelange Regenfälle ließen erst kleinere Flüsse anschwellen, am Ende kam es in Mitteleuropa im Frühsommer 2013 zu schweren Überflutungen. In Deutschland brach ein Deich, Breitenhagen in Sachsen-Anhalt wurde bundesweit bekannt: Das Städtchen an Saale und Elbe südlich von Magdeburg war vor bald fünf Jahren einer der am schlimmsten getroffenen Orte der Überschwemmungen. Nach dem Deichbruch stand das Wasser mehr als zwei Wochen über einen Meter hoch in der Stadt.

Das erste Hochwasser dieses Jahres an Rhein und Mosel verlief glimpflicher, die Pegelstände sinken wieder. Das Risiko von Überschwemmungen ist aber nicht gebannt. Veränderte Regenfälle als Folge der globalen Erwärmung werden das Risiko von Überschwemmungen an Flüssen vielerorts stark erhöhen – auch in Deutschland. Davon gehen Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer am Abend vorgelegten Studie aus. Die Zahl der Menschen, die von den stärksten zehn Prozent der Hochwasserereignisse betroffen sind, könnte sich ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen wie Deichausbau, verbessertes Flussmanagement, Veränderung von Baustandards oder die Verlagerung von Siedlungen in den nächsten Jahren nach Meinung des PIK deutlich erhöhen: in Nordamerika von etwa 100.000 Menschen auf eine Million, in Deutschland von 100.000 auf mindestens 700.000 Betroffene.

Es sind also keineswegs nur Entwicklungs- oder Schwellenländer, die vom Klimawandel zunehmend betroffen sind. „Mehr als die Hälfte der USA müssen ihr Schutzniveau innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte mindestens verdoppeln, wenn sie einen dramatischen Anstieg der Hochwasserrisiken vermeiden wollen“, sagt Leit-Autor Sven Willner vom PIK. Das gilt auch für Deutschland. Vor allem in Baden-Württemberg, Brandenburg und Niedersachsen steigt das Risiko, künftig von einer Flut betroffen zu sein, enorm.

Die Untersuchung basiert auf Computersimulationen, bei denen vorhandene Daten zu Flüssen aus einer Vielzahl von Quellen verwendet wurden. „Diese Daten liegen zwar nicht für jeden Fluss in den entlegensten Winkeln unseres Planeten in höchster Präzision vor, aber sie sind hinreichend gut für all jene Orte, an denen viele Menschen leben, wo viele finanzielle Werte gebunden sind, und wo das Hochwasserrisiko erheblich ist“, sagt Willner.

„Wir waren überrascht, dass selbst in hoch entwickelten Ländern mit guter Infrastruktur der Anpassungsbedarf so groß ist“, sagt Co-Autor Anders Levermann, Leiter der globalen Anpassungsforschung am PIK. In der Studie, erzählt Levermann, werde angenommen, dass die Menschen das Schutzniveau von heute behalten wollten. „Folglich muss in Ländern mit einem recht guten Schutzniveau viel getan werden, um den Standard aufrecht zu erhalten und zu verhindern, dass Menschen aufgrund von Überschwemmungen tatsächlich ihre Häuser verlassen müssen.“

Nicht zuletzt aufgrund der verheerenden Hochwasser in Deutschland hat die Bundesregierung das Thema stärker im Fokus als zuvor. Das Nationale Hochwasserschutzprogramms, das nach dem Hochwasser 2013 von Bund und Ländern erarbeitet wurde, umfasst Projekte zur Deichrückverlegung, Flutpolder und Renaturierung von Auen. Das Gesamtvolumen liegt bisher bei 5,5 Milliarden Euro – die Umsetzung ist geplant bis 2027.

„Es hat eine Reihe fataler Hochwasser gebraucht, bis Deutschland verstanden hat, dass wir Flüsse nicht ohne Folgen begradigen und betonieren können“, sagte Greenpeace-Klimaexpertin Anike Peters dem Handelsblatt. Inzwischen gebe es wieder mehr renaturierte Flusslandschaften mit Auen und rückverlegten Deichen, die einem Hochwasser Raum geben würden. Doch diese Maßnahmen reichten längst nicht aus, um gegen die Folgen künftiger Hochwasser gefeit zu sein. „Der Klimawandel beschleunigt die Frequenz von Extremwettern wie Starkregen auch in Deutschland“, mahnt Peters. Kritik übt auch der Naturschutzverband WWF. „Der Fokus von Bund und Ländern richtet sich zu sehr auf technische Lösungen“, kritisiert Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland. Es gehe aber vielmehr darum, den Flüssen mehr Raum zur Ausbreitung zu geben, sagte sie dem Handelsblatt. „Das erfordert politischen Mut.“

Die Zunahme der Hochwasserrisiken in den nächsten Jahrzehnten wird durch die Menge an Treibhausgasen verursacht, die bereits in die Atmosphäre gebracht wurde. Diese Entwicklung, darauf weist das PIK ausdrücklich hin, hängt also nicht davon ab, ob die globale Erwärmung eingedämmt wird. „Wenn wir allerdings die vom Menschen verursachte Erwärmung nicht auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzen, dann werden bis zum Ende unseres Jahrhunderts die Hochwasserrisiken vielerorts in einem solchen Maße ansteigen, dass Anpassung schwierig wird“, sagt Wissenschaftler Levermann.

Um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, müssten klimabedingte Risiken ernst genommen und sehr schnell Geld für Anpassungen bereit gestellt werden. Zudem forderte er die Abkehr von fossilen Brennstoffen, um Veränderungen zu vermeiden, „die unsere Anpassungsfähigkeiten übersteigen“. Die Ergebnisse sollten eine Warnung für die Entscheidungsträger sein, mahnte Levermann. „Wenn wir das Thema ignorieren, werden die Folgen verheerend sein.“

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