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Knauß kontert

Erdogans Türkei will die Evolution abschaffen

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Bruch mit den kulturellen Grundlagen des Westens

Keineswegs! Hier wird nicht, wie der Radiosender WDR5 in einem der wenigen Berichte zu der Angelegenheit in aller Naivität meldet, Lehrstoff „entschlackt“. Hier wird die westlich orientierte, moderne Türkei abgewickelt.

Ideologische Bewegungen wie Erdogans AKP wollen im Gegensatz zu traditionellen Parteien westlicher Art, ein Land nicht nur regieren und gestalten, sondern die gesamte Gesellschaft nach ihren Vorstellungen grundlegend und möglichst unumkehrbar verändern. Das entscheidende Politikfeld ist für sie daher nicht Wirtschaft. Sondern eines, das von deutschen Nachkriegspolitikern und Politikjournalisten gleichermaßen traditionell mit betontem Desinteresse behandelt wird: Bildung.

Michel Houellebecq hat das in seinem Roman „Unterwerfung“, in dem er das Szenario eines islamisierten Frankreich entwirft, gezeigt: Die Islamisten sichern sich da zuerst das Bildungsministerium. Es liegt auf der Hand warum. Wer die Macht über die Schulen und Universitäten hat, hat die Macht über das Wissen und Nichtwissen der kommenden Generation.

Das Entfernen der Evolutionsbiologie aus den türkischen Lehrplänen markiert den grundsätzlichen Bruch des Erdogan-Regimes mit den kulturellen Grundlagen des Westens. Und damit letztlich auch den Grundlagen für technischen und ökonomischen Fortschritt.

Denn die Evolutionstheorie ist nicht irgendeine philosophische Lehre von Charles Darwin. Evolutionsbiologie ist eine der wichtigsten Theorien des modernen Weltbildes. Dieses beruht auf der Erkenntnis, dass das Leben sich nach den evolutionären Gesetzen der natürlichen Auslese entwickelt hat. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler bezweifelt noch den berühmten Satz von Theodosius Dobzhansky: „Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution“ – „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“ Jeder Schüler außerhalb der islamischen Welt lernt das heute im Biologieunterricht. Auch die christlichen Kirchen (Dobzhansky war gläubiger Christ) haben sich – von Randfiguren abgesehen – längst mit der Evolution arrangiert. Wer daran zweifelt, macht sich nicht nur in akademischen Kreisen lächerlich. 

Die Akzeptanz der Evolution ist so etwas wie der Lackmustest für eine moderne wissenschaftsbasierte Gesellschaft. Ohne Evolutionsbiologie keine freie Naturwissenschaft. Ohne freie Naturwissenschaft auch keine angewandte Forschung, keine Innovation, kein technologischer Fortschritt und keine ökonomische Entwicklung. Das ist eine Binse. Aber eine, die in der internationalen Entwicklungspolitik leider sträflich vernachlässigt wird. Fehlende Offenheit für die Wissenschaftskultur ist ein kaum zu umgehendes Entwicklungshindernis.

Die Türkei ist - bislang - das bei weitem wissenschaftlich leistungsfähigste Land der islamischen Welt. Dazu gehört allerdings auch nicht sehr viel. Denn islamisch geprägte Staaten, vor allem die arabischen, sind weit abgeschlagen, wenn es um wissenschaftliche Veröffentlichungen und technologische Innovationen geht. Bezeichnenderweise gibt es allerdings kaum aktuelle Untersuchungen zu diesem Thema (vgl. auch:  Arab Human Development Report 2003: Building a Knowledge Society ).

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