Knauß kontert

Die größte Gefahr droht der Wissenschaft von innen

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Knauss kontert

Indem Wissenschaftsorganisationen den "March for Science" unterstützen, befördern sie den bedenklichen Trend der Politisierung. Der Freiheit der Wissenschaft dient das nicht.

March for Science: Die größte Gefahr droht der Wissenschaft von innen Quelle: AP

Natürlich war das eigentlich eine gute Sache, dieser „March for Science“. Denn natürlich ist es höchst kritikwürdig, dass US-Präsident Donald Trump die staatliche Finanzierung von Klima- und Umweltforschung durch die „Environmental Protection Agency“ austrocknen will. Und natürlich ist es ebenso kritikwürdig, wenn die ungarische Regierung die vom Milliardär George Soros finanzierte Central European University mit einem höchst fragwürdigen neuen Hochschulgesetz schließen lassen will.

Gar nicht zu reden von den viel, viel verheerenderen Maßnahmen des Erdogan-Regimes in der Türkei, wo Tausende Wissenschaftler auf Geheiß aus Ankara entlassen wurden, und wo die Evolutionsbiologie mittlerweile aus den Schullehrplänen gestrichen wurde.

Das Geschmäckle, das von der gestrigen Großveranstaltung zurückbleibt, verursacht aber der Unterstützerkreis des „March for Science“. Denn da stehen nicht nur viele bekannte Professoren aus allen möglichen Ländern, sondern auch zahlreiche deutsche Organisationen: Universitäten, Institute, Fachgesellschaften, Stiftungen. Die Liste reicht von der Abteilung für Neurologie der Sporthochschule Köln bis zur Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.

Und nicht zuletzt steht da die „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“, die Dachorganisation der Wissenschaft in Deutschland, zu der unter anderem die Hochschulrektorenkonferenz, die Max-Planck-Gesellschaft und der Deutsche Akademische Austauschdienst gehören.

In ihrer Pressemitteilung heißt es:
„Der Demonstrationszug ist ein wichtiges und deutliches Zeichen für die Freiheit der Wissenschaften. Er richtet sich gegen die Angriffe, denen diese Freiheit derzeit in einer ganzen Reihe von Gesellschaften und Staaten auch mitten in der Europäischen Union ausgesetzt ist. Antidemokratische und wissenschaftsfeindliche Handlungen und Strömungen, verantwortet von politischen Entscheidungsträgern oder populistischen Bewegungen, bedrohen die Arbeit und die Werte der Wissenschaften und aller in ihr Tätigen. Sie beeinträchtigen die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Wissenschaften und rühren zugleich an die Grundprinzipien liberaler Verfassungsordnungen und offener Gesellschafts- und Lebensformen. Beidem müssen die Wissenschaft und ihre Organisationen nicht nur um ihrer selbst willen entschieden entgegentreten.“

Die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen, ist natürlich nicht nur das Recht, sondern die Pflicht dieser Organisationen und Verbände. Und doch ist dieses Bekenntnis problematisch. Denn die Demonstration, zu der sich die deutsche Wissenschaft in einer wohl beispiellosen institutionellen Geschlossenheit bekennt, ist nicht wirklich politisch neutral. Zumindest dürfte sie nicht so wahrgenommen werden.

Sie richtet sich – das wurde schon in zahlreichen Pressevorberichten so interpretiert und ließ sich auch aus vielen Parolen und Plakaten der Demonstranten so folgern - unmittelbar gegen die Regierung Trump. Der Passus in der Pressemitteilung: „auch mitten in der Europäischen Union“ ist außerdem ein ziemlich unmissverständlicher Hinweis auf die Regierung Orbán in Ungarn. Die deutschen Wissenschaftsorganisationen beziehen also eindeutig eine politische Position. Und zwar eine, die ihre eigenen Interessen, die sich auf Deutschland beschränken, überhaupt nicht tangiert.

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