Knauß kontert

Die große Verwirrung

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Knauss kontert

Viele Menschen verstehen ihre Mitmenschen und die Welt nicht mehr. Kein Wunder angesichts einer Politik, die durch Größenwahn und Grenzenlosigkeit Verwirrung stiftet.

Wovor die Deutschen große Angst haben
TerrorismusDie Attentate der Terror-Miliz IS in Europa schüren die Angst vor terroristischen Anschlägen massiv. Rangierten Befürchtungen vor neuen Anschlägen in Europa im Sommer 2015 noch auf Platz drei, sind sie nun sprunghaft angewachsen - um ein gutes Fünftel auf 73 Prozent. Verwunderlich ist das für Psychologen nicht. Denn die Anzahl der Attentate in Europa ist real gestiegen. War das Meinungsbild im Sommer 2015 noch vom Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ geprägt, kamen im November die Attentatsserie von Paris und im März 2016 die Bomben von Brüssel dazu. Bei Anschlägen in der Türkei wurden 2016 auch deutsche Touristen getötet. Quelle: obs
Politischer ExtremismusExtrem angewachsen im Vergleich zum Vorjahr sind auch die Ängste vor politischem Extremismus (68 Prozent, plus 19 Prozentpunkte). Diese Angst hat zumindest indirekt auch mit der dritten Angst zu tun. Quelle: dpa
EinwanderungDie Aussicht auf weiteren Zuzug von Ausländern macht den Deutschen angesichts der Flüchtlingskrise wachsende Angst. Kurz vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 befürchtete jeder zweite Befragte (49 Prozent), dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern durch einen weiteren Zuzug von Flüchtlingen beeinträchtigt wird. Nun teilen bereits zwei Drittel der Befragten (67 Prozent, plus 18 Prozentpunkte) diese Sorge. Quelle: dpa
Überforderung der Deutschen und staatlicher Behörden durch FlüchtlingeZwei Drittel der Interviewten (66 Prozent) sind inzwischen der Meinung, dass die Deutschen generell und besonders die Behörden durch Flüchtlinge überfordert sind - das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu könnten die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten und häufige Meldungen über gewaltsame Konflikte in Flüchtlingsheimen beitragen. Quelle: dpa
Kosten für Steuerzahler durch Schuldenkrise von EU-StaatenAuch die Befürchtung, dass die Kosten der Schuldenkrise der EU an ihnen hängen bleiben werden, macht 65 Prozent der Deutschen Angst. Diese Sorge war allerdings auch schon im Vorjahr ähnlich hoch (plus 1 Prozentpunkt). Quelle: dpa
Überforderung der PolitikerZu diesen konkreten Ursachen kommt als neue Kategorie bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen noch der Eindruck, dass die Politiker generell mit ihren Aufgaben überfordert sind (65 Prozent, plus 17 Prozentpunkte). Für die politische Klasse dürfte dieses Ergebnis ein Alarmsignal sein. Quelle: AP
Persönliche SorgenAngesichts der politischen Sorgen treten die persönlichen deutlich in den Hintergrund, obwohl auch die gestiegen sind: 57 Prozent der Deutschen haben Angst davor, im Alter ein Pflegefall zu werden (plus 8 Prozentpunkte) und 55 Prozent fürchten sich vor einer schweren Erkrankung (plus 8 Prozent). Quelle: AP

Wie soll man das nennen, was die Europäische Kommission der Öffentlichkeit zumutet? Sie behauptet, der Flüchtlingsdeal mit der Türkei sei ein Erfolg. Man will das gerne glauben, doch dann schaut man auf die aktuellen Zahlen: Demnach, so berichtet die dpa, wurden im Zuge der Vereinbarung bis zum 27. September 578 Menschen wieder in die Türkei zurückgebracht. Aber, so dieselbe Meldung, täglich kommen im Schnitt 85 Einwanderungswillige von der Türkei nach Griechenland. Zur Erinnerung: Der Deal gilt seit dem 20. März, also 193 Tage. Das heißt: Nur jeder 28. Ankömmling wird zurückgebracht. Damit ist das Abkommen mit der Türkei also ähnlich ineffizient wie die deutsche Abschiebepraxis. Und dennoch hält man es in Brüssel und Berlin für einen Erfolg - oder behauptet das zumindest.

Zu erklären wäre die Schere zwischen Realität und Botschaft nur dadurch, dass man in der Europäischen Kommission offenbar davon ausgeht, dass die Empfänger dieser Botschaft, Journalisten inklusive, nicht rechnen können – oder wahrscheinlicher: dass sie so „postfaktisch“ verwirrt sind, dass diese Diskrepanz gar nicht als der Skandal erfasst wird, der er sein könnte. Die Annahme scheint zuzutreffen. Jedenfalls gab es keinen großen medialen Aufschrei.

Verwirrung ist ein dominantes Merkmal der Gegenwart. Sie ist zum dauernden Begleiter geworden. Alltäglich wird man mit Ereignissen und Lagen konfrontiert, die selbst der vernünftigste Mensch (vielleicht gerade der) nicht verstehen, geschweige denn vernünftig darauf reagieren kann.

Definitionen und Zusammenhänge

An ein und demselben Tag kann man lesen, dass in Aleppo nur noch 35 Ärzte 250.000 Menschen versorgen müssen, während gleichzeitig im Deutschlandfunk eine Sendung zu hören ist, in der sich ein aus Aleppo stammender Chirurg namens Alnouri darüber empört, dass man ihm in Neumünster keine Approbation gewährt. Aber ist es nicht der Sinn und Zweck unserer Flüchtlingspolitik, an Leib und Leben bedrohten Menschen zu helfen? 19 Milliarden Euro fürs nächste Jahr allein plant der deutsche Finanzminister für die Versorgung von „Flüchtlingen“ in Deutschland ein. Ein Vielfaches von dem, was er für die Versorgung derjenigen Syrer aufwendet, die sich die Reise aus dem Libanon oder der Türkei nach Deutschland nicht leisten können.

Wenn man dann einmal mit den hier Angekommenen im Flüchtlingsheim spricht, lernt man einen jungen Iraner aus dem friedlichen Isfahan kennen, der nach Deutschland kam, weil es eben möglich war. Man hört von einer christlichen Familie, die für einen jungen Pakistaner ihr Gästezimmer freiräumt und ihm mit allerlei Tricks hilft, die Rückführung nach Italien zu verhindern. Ist ein EU-Land, in dem die Deutschen gerne Urlaub machen, eine inakzeptable Zumutung für einen Flüchtling? Die christliche Familie, so höre ich, versucht nicht, ihren pakistanischen Gast zu missionieren. Dessen Freunde aber empören sich über ihn, weil er bei „Schweinefleischfressern“ am Tisch sitzt.

Was soll man da anderes denken als: It’s a mad world!   

Welche Nazi-Wörter uns im Alltag begleiten
SonderbehandlungEine Sonderbehandlung zu erfahren, hat einen positiven Klang, jemandem wird etwas „besonderes“ zuteil, man ist damit selbst etwas „Besonderes“. Mit zahlreichen „Sonder"-Begriffen wollte auch die SS ihren Taten einen verharmlosenden, beschönigenden Schleier geben: Wer bei der SS eine „Sonderbehandlung“ erfuhr, wurde umgebracht. Das Bild zeigt den Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Quelle: AP
Mädel„Mädels!“ Dieser saloppe Ausruf erlebt eine Renaissance: Ob unter jungen Frauencliquen, die feiern gehen, oder den Kandidatinnen von Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“. Der eigentlich antiquierte Begriff Mädel ist wieder üblich geworden – und damit die unter Nazis gängige Bezeichnung für jugendliche und junge Frauen. Der „Bund deutscher Mädel“ war 1944 zahlenmäßig die größte weibliche Jugendorganisation der Welt. Das Wort wurde von den Nazis derart überstrapaziert, dass es 1957 in das „Wörterbuch des Unmenschen“  von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Süskind aufgenommen wurde. Quelle: Bundesarchiv, Bild 133-237, CC-BY-SA
AnschlussDer Nationalsozialismus wollte sich modern und fortschrittlich geben. Damals der letzte Schrei: Die sich immer weiter verbreitende Elektrotechnik. Aus diesem Bereich bedienten sich die Nazis gerne mit ihren Bezeichnungen – unter anderem „Anschluss“: Etwa für den Anschluss – oder besser gesagt die Übernahme – Österreichs, des Sudetenlands, sowie des restlichen Tschechiens. Auch bei mit dem Begriff „Gleichschaltung“ bedienten sich die Nationalsozialisten an der Elektrotechnik. Damit meinten sie die komplette Anpassung des Staates an die Strukturen der NSDAP, die ab 1933 fortschreitend das politische und gesellschaftliche Leben infiltrierte. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0922-500, CC-BY-SA
MischeheWenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Nationen oder Bevölkerungsgruppen heiraten, spricht man noch heute von einer „Mischehe“ – ein Begriff, den die Nationalsozialisten geprägt haben. Quelle: Jens Liebenau, gemeinfrei
EndlösungIn scheinbar endlosen Diskussionen, wünscht sich manch einer endlich zur Endlösung zu kommen. In der Weimarer Republik war „Endlösung“ einer gängiger Begriff – auch unter Nationalsozialisten. Schon 1881 forderte der Antisemit Eugen Dühring die „endgültige Lösung der Judenfrage“. Die Endlösung wurde schließlich zu dem Begriff, den die Nationalsozialisten immer wieder für ihren Völkermord an den Juden beschönigend runterbeteten. Quelle: ap
Gestapo-MethodenWenn von Spionage die Rede ist, von  brutalem Vorgehen und vor allem von willkürlichem Vorgehen seitens der Staatsgewalt, dann spricht man auch heutzutage von Gestapo-Methoden. Damit bezieht man sich auf die Geheime Staatspolizei der Nazis, die sie nur kurz „Gestapo“ genannt haben. Das Bild zeigt das ehemalige Hauptquartier des Geheimdienstes. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-16180, CC-BY-SA
AusmerzenImmer wieder bedienten sich Nationalsozialisten an negativ behafteten Begriffen aus der Biologie. Dabei ging es ihnen vor allem um jene, die sich um „Parasiten“ und „Schädlinge“ drehten, die es „auszumerzen“ und „auszurotten“ galt. Quelle: AP

Nicht nur Ereignisse verwirren. Auch Meinungen und Überzeugungen anderer Menschen, die den eigenen so fremd und entgegengesetzt sind, dass man sie gar nicht verstehen will. Weil die Welt- und Menschenbilder, auf denen diese Meinungen beruhen völlig unverständlich sind. „Volksverräter“ – „Hetzer“. Was soll man auf solche Vorwürfe entgegnen? Die meisten derart Titulierten suchen nicht bei jenen, die sie angreifen Verständnis, sondern bei denen, die ohnehin derselben Ansicht sind.

Ein mediales Schauspiel des wachsenden Unverständnisses in unserer Gesellschaft war auch das wohl größte Kulturereignis der vergangenen Woche, beziehungsweise die medialen Reaktionen darauf: Michel Houellebecqs Dankesrede zur Verleihung des Schirrmacher-Preises, in der er den „Selbstmord“ Europas im Angesicht eines expandierenden Islams diagnostiziert. Daraufhin wurde er - meist ohne auf seine Argumente (die Demographie nämlich) einzugehen - wüst beschimpft.

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