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Knauß kontert

Erdogans Türkei will die Evolution abschaffen

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Wissenschaftsfeindlichkeit als Investitionshemmnis

Der Islamologe Bassam Tibi hat in seiner Theorie der „halben Moderne“  das Dilemma der islamischen Gesellschaften dargelegt: Ihren – unerfüllbaren - Traum von der nur teilweisen Modernisierung durch Übernahme der technologischen Instrumente bei gleichzeitiger Ablehnung der kulturellen Moderne, das heißt der Werte und Weltsicht der wissenschaftlich geprägten westlichen Zivilisation, die diese Instrumente hervorgebracht hat.

Die türkische Republik, die Kemal Atatürk und Ismet Inönü schufen, war der Versuch einer „ganzen“ Moderne in einem islamisch geprägten Land. Dass das ohne autoritären Zwang gegen die vormodernen Kräfte nicht zu schaffen war, war das Dilemma aller Kemalisten bis hin zu Bülent Ecevit, dem letzten Ministerpräsidenten vor Erdogan. Das Böckenförde-Diktum - „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ – zeigte sich in der kemalistischen Türkei besonders tragisch.

Der einst im Westen als Demokrat und Gegner der autoritären Militärs gefeierte Erdogan hat Kemals Werk nun mit zunächst demokratisch erscheinenden Methoden zerstört – und damit auch die Vorbildfunktion der Türkei für alle westlich orientierten Modernisierer in anderen islamischen Ländern. Erdogan und die Reislamisierung der Türkei sind eine Katastrophe, deren Bedeutung weit über das Land hinausreicht.  

Die Opfer dieser fatalen Fehlentwicklung sind vor allem die türkischen Kinder. Indem Erdogans Regierung eine der Grundlagen der modernen Wissenschaftskultur mit einem Federstrich beseitigt, versündigt sie sich an allen Kindern, die künftig türkische Schulen besuchen. Es wird eine Generation wissenschaftlicher Ignoranten heranwachsen. Wie sollen junge Türken, die Evolution für eine Irrlehre und Atheismus für eine Krankheit halten, zu mündigen Bürgern einer freiheitlichen Gesellschaft und wettbewerbsfähigen Fachkräften in einer hochtechnisierten Weltwirtschaft werden?

Da eine freie Wissenschaftskultur und wissenschaftlich ausgebildete junge Menschen die wichtigste Voraussetzung für eine Innovationskultur sind, auf der die Wettbewerbsfähigkeit jeder höher entwickelten, modernen Volkswirtschaft beruht, können weitblickende Investoren nur einen Schluss ziehen: Die Türkei der Islamisten kann kein aussichtsreiches Feld für technologische Investitionen sein. Erdogan und die AKP-Islamisten führen ihr Land in einen finsteren Abgrund – auch ökonomisch.

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