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Koalition Die schweigende Schulden-Generation

Union und SPD wollen viel verteilen in den nächsten vier Jahren. Gerecht ist das nicht. Vor allem Junge schneiden schlecht ab. Die wenigen Vertreter ihres Alters passen sich in den Verhandlungen eher an, als aufzumucken.

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Schwarz-Rote Kompromisse
Gesundheits- und PflegepolitikMit Zustimmung der Parteivorsitzenden vereinbarten die Fachpolitiker, dass der von Krankenkassen erhobene Zusatzbeitrag künftig nicht mehr pauschal, sondern einkommensabhängig erhoben wird. Der allgemeine Beitragssatz soll bei 14,6 Prozent fixiert werden. Heute liegt der Beitragssatz bei 15,5 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei 7,3 Prozent eingefroren. Der Pflegebeitragssatz soll spätestens zum 1. Januar 2015 um 0,3 und später um weitere 0,2 Prozentpunkte erhöht werden. Gefahr: Ein Sozialausgleich aus Steuermitteln ist anders als bei den pauschalen Zusatzbeiträgen nicht mehr vorgesehen. Klamme Krankenkassen könnten mit den Beiträgen nicht auskommen. Folgen: Kassenmitgliedern könnten zusätzliche Lasten aufgebürdet werden. Einzelne Kassen in Finanzsorgen könnten von ihren Mitgliedern einen prozentualen Zusatzbeitrag verlangen. Quelle: dpa
Die Ziffern 8,50, symbolisch fuer die Forderung eines Mindestlohns von 8,50 Euro, stehen in Berlin vor dem Bundeskanzleramt bei einer Aktion des Duetschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Quelle: dapd
Ein Mitarbeiter des Autobauers Mercedes Benz hält am 24.02.2011 in Sindelfingen vor dem Werk ein Plakat mit der Aufschrift «Gleiche Arbeit? Gleiches Geld!» in die Höhe. Quelle: dpa
Zwei Rentner sitzen mit einer jüngeren Dame auf einer Bank am Ammersee. Quelle: dapd
Eine alte Dame sitzt in einem Seniorenheim in Berlin-Kreuzberg und hat Geldscheine in den Händen. Quelle: dpa
Eine Mutter hält beim Kochen ihr Kleinkind auf dem Arm. Quelle: dpa
Stromleitungen und Windkraftanlagen stehen vor dem Kohlekraftwerk in Mehrum (Niedersachsen) Quelle: dpa

Um bei den Jungen zu landen, muss die Geschichte bei den Alten beginnen. Bei Heinz Riesenhuber zum Beispiel. Als Alterspräsident eröffnete der 77-jährige CDU-Senior jüngst die Sitzungszeit des 18. Bundestags. Im Plenum sprach er auch zur Abgeordneten Dorothee Bär, 35, die grade noch zur CSU-Jugendtruppe Junge Union gehört. Bärs Oma, gleicher Jahrgang wie Riesenhuber, kümmert sich an Sitzungstagen öfter um die drei Kinder der Enkelin in Franken.

Die Alten helfen den Jungen. In der Politik sind die Junioren aber auch oft von Senioren umzingelt. „Die Älteren sind halt häufiger politisch aktiv“, sagt Bär. „Jüngere gehen auch seltener zur Wahl.“

Im Bundestag liegt das Durchschnittsalter der Abgeordneten bei etwa 50 Jahren. Bei den Wählern dominieren die Alten: Ein Drittel ist älter als 60, nur gut ein Viertel jünger als 40 Jahre alt. In den Parteien sieht es ähnlich aus: Das durchschnittliche SPD-Mitglied bringt es auf 59 Jahre, bei CDU und CSU sind es 57 und 60 Jahre.

Staatsverschuldung in Deutschland Quelle: Destatis

Das macht die jüngeren Ehrgeizigen wie Bär zwar sichtbar – zumal die CSU-Frau gerne in Pink oder Lila daherkommt. Doch die Älteren haben mehr Gewicht. Die Aufstrebenden legen es zudem nicht auf Konflikte an. Sie nennen es Vorsicht, andere würden es womöglich Feigheit nennen.

Die Unterhändler der Möchtegernkoalition aus Schwarzen und Roten wünschen sich zudem verwertbare Erfolge bis zur Wahl in vier Jahren. Doch Mütterrente oder Rente mit 63, ungedeckte Versprechen bei der Pflege und das Eingeständnis, die bereits angehäuften mehr als zwei Billionen Euro deutscher Staatsschuld doch nicht abzubauen, sprechen für wenig Weitblick. Die Folgelasten fallen erst in zehn Jahren an – oder eine Generation später.

Jüngere wie Bär, der CDU-Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann, 36, oder die SPD-Abgeordnete Sabine Bätzing-Lichtenthäler, 38, müssten „Hier“ und „Stopp“ schreien in den Koalitionsrunden, in denen es viel ums Verteilen und wenig ums Aufsparen geht.

Wer viel verteilt, lässt weniger Geld und Chancen für Jüngere. Doch Generationengerechtigkeit ist kein Thema. Zu bequem scheint die wirtschaftliche Lage, zu angepasst wirken die nicht mehr ganz Jungen, die es schon fast an die Macht geschafft haben. Die Dreißiger aus Union und SPD geben sich pragmatisch und wirken oft beliebig.

Der Tübinger Juniorprofessor Jörg Tremmel hält die Durchschlagskraft der Jüngeren für zu gering. Der Befund des Politologen: „Deutschland ist schon eine Gerontokratie. Die Jüngeren können sich nicht durchsetzen, und die Interessen kommender Generationen werden nicht berücksichtigt.“ Tremmel definiert: „Generationengerecht wäre, Schulden abzubauen und Investitionen festzuschreiben.“ Stattdessen sei der Abbau der Staatsschulden verschoben. In der Sozial- wie in der Umweltpolitik hinterließen die Älteren mehr Lasten als Chancen.

Pragmatisch statt beliebig

Die Berufe der Parlamentarier
Öffentlicher Dienst149 von 630 Bundestagsabgeordneten kommen aus dem öffentlichen Dienst, sind also Lehrer, Polizisten oder Verwaltungsmitarbeiter. Sie stellen mit einem Viertel die größte Gruppe der Abgeordneten. Allerdings repräsentieren sie nur elf Prozent der 41 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland. Eine Erklärung für den hohen Anteil an Mitarbeitern aus dem öffentlichen Dienst im Bundestag kann sein, dass für diese Berufsgruppe eine Beurlaubung leichter möglich ist, wie die Welt in einer Analyse feststellt. Quelle: dpa
LehrerIn der Gruppe der Abgeordneten aus dem öffentlichen Dienst ist die Anzahl der Lehrer besonders hoch. Seit 1961 stieg der Anteil der Pädagogen stetig an und erreichte 1994 mit 77 Personen ihren Höhepunkt. Im neuen Bundestag werden noch 36 Lehrer vertreten sein. Quelle: dpa
Anwälte und Notare80 Vertreter dieser Branche sitzen im neuen Bundestag, während es 1961 nur 33 Personen waren - eine Verdopplung also. In ganz Deutschland, so die Angaben der Anwaltskammer, praktizieren 160.000 Anwälte. Quelle: dpa
Forst-und LandwirtschaftDie Anzahl der Abgeordneten aus Forst- und Landwirtschaft ist deutlich gesunken - von 52 Abgeordnete, auf heute noch 15 Personen. Quelle: dpa
UnternehmerMittlerweile sitzen kaum noch Unternehmer im Bundestagtag: Es sind nur noch 35... Quelle: Fotolia
Handwerker... Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sich das Bundestagsmandat in kleineren (Handwerks-)betrieben nur schwer mit der Arbeit verbinden lässt. Quelle: Fotolia

2002, als Bätzing-Lichtenthäler und Bär mit so vielen anderen Youngstern wie noch nie in den Bundestag einzogen, klang vieles kämpferischer. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nahm Anlauf zur Agenda 2010, die gefühlte Krise schürte Unruhe und begünstigte Veränderungen. Damals sprachen viele von der demografischen Zeitbombe, wenn immer weniger Junge den Lebensstandard auch der Älteren sichern sollen. Davon spricht derzeit in der Politik keiner, obwohl viele Probleme durch jahrelanges Aufschieben umso drängender geworden sind.

Vor zehn Jahren setzte sich Dorothee Bär noch dafür ein, die Forderung nach Generationengerechtigkeit in die Verfassung aufzunehmen. Daraus wurde nichts. „Bei Grundgesetzänderungen bin ich grundsätzlich eher skeptisch“, sagt sie heute nüchtern. „Das ist oft Symbolpolitik.“ Allein wenn es um eigenständige Rechte für Kinder gehe, kämpfe sie dafür weiter.

Zur Person

Aus Nachwuchshoffnung Bär ist nach elf Jahren Bundestag ein abgebrühter Profi geworden. „Zu Beginn war es für mich erschreckend, wie lange Abstimmungsprozesse dauern.“

Auch die Hoffnung auf Posten und Pöstchen besänftigt. So suchen die U40er ihr Heil darin, diplomatische Forderungen einzuschleusen, die Jüngeren zwar helfen sollen, aber Ältere nicht vergrätzen. Bär praktiziert diese Kunst in zwei Verhandlungs-AGs von Schwarz-Rot – eine für Familie und Gleichstellung, die andere mit digitaler Agenda – und in großer Runde mit den Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel.

Zum Beispiel Netzpolitik. Die inoffizielle Twitter-Queen im Bundestag betont, dass ein digital voll erschlossenes Deutschland vor allem Jungen helfe. Also Breitband in jeden fränkischen Winkel und Medienbildung an allen Schulen. Das mache das Arbeiten flexibler und locke Unternehmen, es helfe gar gegen die Verödung ganzer Landstriche. Das digitalisierte Dorf sei die Lösung, ist sie sehr optimistisch: „Wir müssen dafür sorgen, dass das flache Land attraktiv bleibt, dass Junge bleiben oder zurückkehren und eine Familie gründen.“

Ein großes Rad will Bär drehen: „Mein Ziel wäre es, Deutschland in zehn Jahren komplett barrierefrei zu gestalten.“ Keine unüberwindbaren Bordsteine oder Treppen mehr und leicht nutzbare Internet-Seiten für Menschen mit einer Behinderung. „Das hilft Alten und Jungen“, argumentiert sie. Aber so richtig traut sie sich nicht, ihre Forderung durchzuboxen. Vieles müssten die Kommunen bezahlen – also fällt der Erfolg wohl wegen Geldmangels aus.

Herzensthema der CSU-Frau ist aber die Familienpolitik. „Es geht ja darum, wie wir zusammenleben und wie unser Land in 20, 30 Jahren aussieht.“ Für den Bereich war sie vorige Wahlperiode Sprecherin der Fraktion, hier könnte ein Regierungsamt winken.

Familie als Generationenthema, bei dem weder Alte noch Junge vergrätzt werden. Doch im Detail geht es eben doch wieder um Geld – Kindergeld etwa – das ja nach dem Nein zu Steuererhöhungen angeblich nicht da ist. „Kinderarmut steht ganz oben auf der Agenda“, beharrt Bär, während die meisten Koalitionäre über die noch wenig verbreitete Altersarmut sprechen. Auch am Betreuungsgeld will sie eisern festhalten. „Familienpolitik ist eine Investition, unser Rohstoff ist der Geist in Deutschland. Wir dürfen kein Kind zurücklassen und gerne mehr Kinder haben“, argumentiert sie. „Das ist dann auch gut fürs Säckel von Herrn Schäuble.“

Geschickte Sätze – Familienpolitik ist also Finanzpolitik. Gelernt hat Bär auch bei Horst Seehofer, der sie zur Vizegeneralin der eher männerlastigen CSU bestimmte. Geht es um Mentoren, fällt Bär aber ihr Vater ein, einst Bürgermeister im heimischen Ebelsbach. Nützlich waren ihr sicher auch Netzwerke, in denen sich die Getreuen gegenseitig die Steigbügel halten. In der Union gelten die Nachwuchsleute dabei als weniger aufmüpfig als die bei der SPD, dafür aber als recht effektiv beim Aufstieg. Bär gehört zur verschwiegenen Seilschaft „Zugspitzgruppe“ der CSU, bestehend aus Leuten, die 2002 ins Parlament kamen. Karl-Theodor zu Guttenberg stieg am schnellsten auf und stürzte ab, CSU-General Alexander Dobrindt erhofft sich nun ein Ministeramt.

Deutschland kann sich nicht zurücklehnen

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Im gleichen Jahr gestartet wie Bär und ebenso nüchtern geworden ist Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Die SPD-Abgeordnete sprach vor exakt zehn Jahren noch von einer „Schlaraffenland-Mentalität“, die „am Ende“ sei. Sie warnte vor Politik, die immer so täte, als müsse sich nichts ändern, damit alles schön bleiben kann, wie es ist.

Damals war Bätzing-Lichtenthäler mit 28 die Vorzeigejugendliche der SPD und erst ein knappes Jahr im Bundestag. Sie war schon Teil jener Politik, die sie kritisierte, aber es fühlte sich noch so an, als stünde sie draußen.

Zur Person

Drei Legislaturperioden Erfahrung später darf man sich die Rheinland-Pfälzerin immer noch als fröhlichen Menschen vorstellen. Dass Jugend im Leben als Bundestagsabgeordnete alleine noch keine Kompetenz ist, hat sie längst gelernt. Auch, dass es ein Leichtes ist, Politik zu kritisieren; sehr viel schwieriger aber, gute Argumente durchzusetzen.

„Ich bin“, sagt sie, „realistischer geworden.“ In der großen Koalition 2005 bis 2009 wurde Bätzing-Lichtenthäler Drogenbeauftragte der Bundesregierung und legte sich öffentlich mit der Alkohol- und Tabaklobby an. Sie wurde attackiert und als Spaßbremse verunglimpft. Sie verlor so manchen Kampf gegen die Industrie. Aber sie hatte geschafft, dass man sich über sie aufregte. Ignorieren ging nicht mehr.

Schlaraffenland – die 38-Jährige, die wie Bär mit am Koalitionsvertrag feilt, findet, dass sie nichts zurücknehmen muss. „Dass es uns in Deutschland gut geht, heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen können“, wiederholt sie ein Argument der Jungen von einst, die auf Einfluss pochten. Sie will noch immer für Generationengerechtigkeit streiten. „Wir dürfen Lasten nicht permanent den Jüngeren zuschieben.“

Was sie nicht sagt: Mit dieser Einstellung steht sie quer zu vielen Anliegen ihrer Partei. Die SPD versprach im Wahlkampf das Ende vermeintlicher Zumutungen, mehr Schutz, mehr Geld. Ein Wahlprogramm mit der Überschrift „Sorge Dich nicht“. Jetzt kommt der Test. Für die SPD, die Union und vor allem für die gereifte Bätzing-Lichtenthäler. Wie viel Widerspruch will sie sich leisten? Wie viel kann sie durchsetzen?

Bei der Rente wird es besonders deutlich. Die Wunschlisten von Schwarz-Rot sind lang, und hinter den Posten türmen sich Milliarden. Höhere Mütterrente: 6,5 Milliarden Euro jährlich. Mindestrenten für Geringverdiener: mehrere Milliarden je nach Ausgestaltung. Abschlagsfreie Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler: fünf Milliarden Euro. Wenn alles Wirklichkeit wird und aus den nur scheinbar üppigen Rücklagen der Rentenversicherung bezahlt würde – das Geld für schlechte Zeiten wäre schnell weg.

„Ich glaube nicht, dass die gegebenen finanziellen Möglichkeiten ausreichen werden, wenn wir alle Wünsche der großen Koalition erfüllen wollen“, sagt sie. Das wird die Gretchenfrage der Koalition: Kann sie sich doch beschränken?

Noch schwerer wiegt, dass der Rente mit 67 die Abwicklung droht, dem Großprojekt, das die Alterssicherung der nächsten Generation bezahlbar halten soll. Die SPD plant eine wieder früher einsetzende Rente. „Wir werden an einer längeren Lebensarbeitszeit nicht vorbeikommen“, sagt die Verwaltungswirtin. Aber sie ahnt, dass sie das einem Dachdecker und einer Pflegerin kaum vermitteln kann. Ihrer Partei erst recht nicht.

Fachleuten schwant deshalb Böses. „Die Rente mit 63 wäre weltfremd. Als wäre der demografische Wandel einfach in Vergessenheit geraten“, warnt der Rentenexperte Axel Börsch-Supan vom Münchner Max-Planck-Institut für Sozialpolitik. „Wir können nicht wieder neue Anreize zur Frühverrentung einführen.“

Investitionen in die Zukunft

Carsten Linnemann

Ähnlich argumentiert Carsten Linnemann. Der 36-jährige Wirtschaftspolitiker verhandelt für die Koalition über Arbeit und Soziales. Er ist nicht der Typ, der die Kamerascheinwerfer sucht. Doch könnte ihm seine neue Aufgabe Aufmerksamkeit bringen: Linnemann hat vor Kurzem den Vorsitz der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der Union übernommen. Mit dem Ausscheiden der FDP bekommt der CDU-Wirtschaftsflügel mehr Aufmerksamkeit. Und Linnemann – junges Gesicht, schmale Statur, Krawatte und Anzug – muss beweisen, dass er als Stimme der wirtschaftlichen Vernunft taugt.

Das Interesse der Wirtschaft und das der Jungen stimmen für Linnemann häufig überein: Was jetzt nicht verfrühstückt wird, bleibt für Investitionen und die Zukunft. In den Koalitionsverhandlungen sitzt der 36-Jährige in einer Reihe mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Nur sind die beiden inhaltlich nicht auf einer Linie: Von der Leyen ist Verfechterin der Frauenquote und der Lebensleistungsrente, durch die sie die Rente von Geringverdienern erhöhen will. Linnemann lehnt beides ab.

Deutsche Wähler nach Altersgruppen und Abgeordnete im Deutschen Bundestag nach Altersgruppen Quelle: Bundeswahlleiter

„Eine Aufstockung der Rente für Geringverdiener würde das ganze Leistungsprinzip des Rentensystems infrage stellen“, sagt er. „Das wäre ein gefährlicher Systembruch.“ Und teuer: Die Einführung der Lebensleistungsrente könnte die Rentenkassen bis 2030 mit rund zehn Milliarden Euro belasten. „Das wird mittelfristig zu Beitragssteigerungen führen, zulasten der jungen Generation“, kritisiert er.

In der Runde gibt es deshalb Planspiele, den Beitragssatz gesetzlich einzufrieren. Zurzeit sind die Kassen voll, laut Gesetz müssen die Beiträge gesenkt werden, sobald die Finanzreserve das Eineinhalbfache der monatlichen Auszahlungen übersteigt. Bis zum Jahresende aber dürfte die Rücklage sogar 1,75 Monatsausgaben betragen. Greift die Koalition jetzt in die Kasse, zieht sie damit den Nachkommenden das Geld aus dem Portemonnaie. „In einer großen Koalition muss man freilich immer Kompromisse finden. Aber die dürfen nicht so ausfallen, dass jüngere Generationen das Nachsehen haben“, sagt er.

Doch es ist fraglich, ob sein Einwand Gehör findet. Der Einfluss der Arbeitsgruppen ist begrenzt, am Ende entscheidet die große Runde übers Geld. Und der typische Aufrührer ist der 36-jährige Paderborner sicher nicht. Damit würde man in Berlin auch nicht viel erreichen, verteidigt sich Linnemann. Unwahrscheinlich, dass er einen Streit über generöse Rentenerhöhungen (wie Parteikollege Jens Spahn) oder künstliche Hüften für Senioren (wie JU-Chef Philipp Mißfelder) vom Zaun bräche.

Konflikte versucht er in der Fraktion auszutragen. „Der Schlüssel, um hier ernst genommen zu werden, ist Sachkenntnis“, sagt Linnemann etwas umständlich. Er ist promovierter Volkswirt, und er war Assistent des verstorbenen Chefökonomen der Deutschen Bank, Norbert Walter. „Er hat sich eigentlich nie dran gestört, was sein Chef Josef Ackermann ihm gesagt hat“, erzählt er. „Das hat mich schon beeindruckt.“

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Auch Linnemann stellt sich gegen die, die in der Hierarchie über ihm stehen. Er ist zu liberal, zu sehr von der Ordnungspolitik geprägt, als dass er stets auf Parteilinie fahren könnte. Wenn man sich querstellt, müsse man schon dahinterstehen, sagt er. „Man muss es gut begründen können und bestens informiert sein.“ Als einer von 15 schwarz-gelben Abgeordneten votierte Linnemann gegen den Euro-Rettungsschirm. Kanzleramtschef Ronald Pofalla bot ihm deswegen Nachhilfe an. Die Jungen Unternehmer hingegen verliehen ihm deshalb und wegen seiner Rentenkritik den „Preis für Generationengerechtigkeit“. Sie sehen in ihm eine Stimme für die Jungen.

Eine Stimme, der bisher vielleicht das Mikrofon fehlte – und der Rückhalt? Doch das Netzwerk Linnemanns dürfte sich weiten. Der Vorsitz bei den Unions-Mittelständlern öffnet Türen, auf einmal steht er in Terminkalendern von Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Schäuble allerdings ließ noch im Wahlkampf durchblicken, er denke nicht, dass in der Politik zu wenig für die Interessen des Nachwuchses getan werde. „Es gibt seit Langem einen Trend in der Politik und anderswo hin zu Verjüngung.“ Es fehlten ältere Abgeordnete auch jenseits der Rentengrenze. Besonders glücklich klang der 71-jährige Minister nicht.

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