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Koalition Die schweigende Schulden-Generation

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Investitionen in die Zukunft

Carsten Linnemann

Ähnlich argumentiert Carsten Linnemann. Der 36-jährige Wirtschaftspolitiker verhandelt für die Koalition über Arbeit und Soziales. Er ist nicht der Typ, der die Kamerascheinwerfer sucht. Doch könnte ihm seine neue Aufgabe Aufmerksamkeit bringen: Linnemann hat vor Kurzem den Vorsitz der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der Union übernommen. Mit dem Ausscheiden der FDP bekommt der CDU-Wirtschaftsflügel mehr Aufmerksamkeit. Und Linnemann – junges Gesicht, schmale Statur, Krawatte und Anzug – muss beweisen, dass er als Stimme der wirtschaftlichen Vernunft taugt.

Das Interesse der Wirtschaft und das der Jungen stimmen für Linnemann häufig überein: Was jetzt nicht verfrühstückt wird, bleibt für Investitionen und die Zukunft. In den Koalitionsverhandlungen sitzt der 36-Jährige in einer Reihe mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Nur sind die beiden inhaltlich nicht auf einer Linie: Von der Leyen ist Verfechterin der Frauenquote und der Lebensleistungsrente, durch die sie die Rente von Geringverdienern erhöhen will. Linnemann lehnt beides ab.

Deutsche Wähler nach Altersgruppen und Abgeordnete im Deutschen Bundestag nach Altersgruppen Quelle: Bundeswahlleiter

„Eine Aufstockung der Rente für Geringverdiener würde das ganze Leistungsprinzip des Rentensystems infrage stellen“, sagt er. „Das wäre ein gefährlicher Systembruch.“ Und teuer: Die Einführung der Lebensleistungsrente könnte die Rentenkassen bis 2030 mit rund zehn Milliarden Euro belasten. „Das wird mittelfristig zu Beitragssteigerungen führen, zulasten der jungen Generation“, kritisiert er.

In der Runde gibt es deshalb Planspiele, den Beitragssatz gesetzlich einzufrieren. Zurzeit sind die Kassen voll, laut Gesetz müssen die Beiträge gesenkt werden, sobald die Finanzreserve das Eineinhalbfache der monatlichen Auszahlungen übersteigt. Bis zum Jahresende aber dürfte die Rücklage sogar 1,75 Monatsausgaben betragen. Greift die Koalition jetzt in die Kasse, zieht sie damit den Nachkommenden das Geld aus dem Portemonnaie. „In einer großen Koalition muss man freilich immer Kompromisse finden. Aber die dürfen nicht so ausfallen, dass jüngere Generationen das Nachsehen haben“, sagt er.

Doch es ist fraglich, ob sein Einwand Gehör findet. Der Einfluss der Arbeitsgruppen ist begrenzt, am Ende entscheidet die große Runde übers Geld. Und der typische Aufrührer ist der 36-jährige Paderborner sicher nicht. Damit würde man in Berlin auch nicht viel erreichen, verteidigt sich Linnemann. Unwahrscheinlich, dass er einen Streit über generöse Rentenerhöhungen (wie Parteikollege Jens Spahn) oder künstliche Hüften für Senioren (wie JU-Chef Philipp Mißfelder) vom Zaun bräche.

Konflikte versucht er in der Fraktion auszutragen. „Der Schlüssel, um hier ernst genommen zu werden, ist Sachkenntnis“, sagt Linnemann etwas umständlich. Er ist promovierter Volkswirt, und er war Assistent des verstorbenen Chefökonomen der Deutschen Bank, Norbert Walter. „Er hat sich eigentlich nie dran gestört, was sein Chef Josef Ackermann ihm gesagt hat“, erzählt er. „Das hat mich schon beeindruckt.“

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Auch Linnemann stellt sich gegen die, die in der Hierarchie über ihm stehen. Er ist zu liberal, zu sehr von der Ordnungspolitik geprägt, als dass er stets auf Parteilinie fahren könnte. Wenn man sich querstellt, müsse man schon dahinterstehen, sagt er. „Man muss es gut begründen können und bestens informiert sein.“ Als einer von 15 schwarz-gelben Abgeordneten votierte Linnemann gegen den Euro-Rettungsschirm. Kanzleramtschef Ronald Pofalla bot ihm deswegen Nachhilfe an. Die Jungen Unternehmer hingegen verliehen ihm deshalb und wegen seiner Rentenkritik den „Preis für Generationengerechtigkeit“. Sie sehen in ihm eine Stimme für die Jungen.

Eine Stimme, der bisher vielleicht das Mikrofon fehlte – und der Rückhalt? Doch das Netzwerk Linnemanns dürfte sich weiten. Der Vorsitz bei den Unions-Mittelständlern öffnet Türen, auf einmal steht er in Terminkalendern von Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Schäuble allerdings ließ noch im Wahlkampf durchblicken, er denke nicht, dass in der Politik zu wenig für die Interessen des Nachwuchses getan werde. „Es gibt seit Langem einen Trend in der Politik und anderswo hin zu Verjüngung.“ Es fehlten ältere Abgeordnete auch jenseits der Rentengrenze. Besonders glücklich klang der 71-jährige Minister nicht.

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