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Kommerzialisierung des Reisens Wie das Reisen vom Luxusgut zur Massenware wurde

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Die Kommerzialisierung des Reisens

Der Küsten- und Gebirgstourismus sind also die direkten Vorläufer unseres heutigen Tourismus. Wie kam es dann zur Kommerzialisierung?
In den Städten, durch die die Grand Tour die Sprösslinge des Adels führte, gab es bereits Souvenirhändler, Gastwirte und Kutscher, die davon lebten. Das waren aber kleine Gewerbe, die weit davon entfernt waren, was wir heute unter Tourismusindustrie verstehen. Die entwickelte sich mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Die erste Strecke für den Personenverkehr eröffnete 1830 in England, und sogleich wurde die Bahn genutzt, um verbilligte Sammelfahrten zu organisieren.

Damit verbinden wir heute als erstes den Namen Thomas Cook.
Dass die Menschen bis heute glauben, Thomas Cook hätte die Pauschalreise erfunden, hat mit einer hervorragenden Legendenbildung zu tun. Cook war keineswegs der erste in diesem Metier, er war nur erfolgreicher als alle anderen. Allzu viel Innovatives kam von ihm nicht. Nehmen wir beispielsweise die Hotelcoupons – eine tolle Idee. Dank ihnen wussten Reisende schon Wochen vor Reiseantritt, wo sie schlafen würden und mussten sich keine Unterkunft vor Ort suchen. Erfunden hat Cook die Coupons nicht, aber er hat das System perfektioniert. Eine ähnliche Rolle in Deutschland spielte Carl Stangen. Sie und viele andere etablierten erste Ansätze einer Industrialisierung des Reisens.

Woran machen Sie das fest?
Stangen beispielsweise schickte hunderte Menschen gleichzeitig mit Sonderzügen nach Venedig für fünf oder sechs Tage. Das musste entsprechend organisiert werden: die An- und Abreise, die Verpflegung, die Unterkünfte.

Jeder wurde mit dem gleichen Paket abgefertigt.
Genau. Den Durchbruch erreichte der seriengefertigte Pauschalurlaub allerdings erst während der Nazizeit. Kraft durch Freude (KdF)…

… eine Organisation, die das Ziel hatte, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten und zu überwachsen…
… war gleich mit ihrer Gründung der größte Reiseveranstalter der Welt. Der Leiter des Amtes für Reisen, Wanden, Urlaub war ein wahres Organisationsgenie. Am Eröffnungstag kutschierte er 10.000 „Arbeiter“ durch das Reich und brachte sie preiswert unter – ein propagandistischer Paukenschlag, der auch im Ausland große Wirkung hatte.

Konnten sich damit auch die einfachen Menschen Reisen leisten? Die waren ja bis dato vom Tourismus ausgeschlossen.
Das behauptete zumindest die Propaganda. Zwar schickte KdF bis zum Kriegsbeginn sieben Millionen „Volksgenossen“ auf Urlaubsreise und weitere 36 Millionen auf Wochenendfahrt, darunter viele aus unteren Schichten, dennoch gelang damit noch kein sozialer Durchbruch. Weiterhin blieb die Urlaubsreise letztlich eine Sache der „besseren Leute“ – gegenüber der Kaiserzeit war das kein fundamentaler Fortschritt. Was KdF leistete, war es, den Wunsch zu reisen in die Köpfe der Deutschen zu pflanzen. Weite Teile der Bevölkerung wären vorher niemals auf die Idee gekommen, dass sie Urlaub machen könnten. KdF war quasi eine riesige Wunschmaschine. In anderen europäischen Ländern gab es übrigens ähnliche Entwicklungen – das war nichts, was nur den Nazis in den Sinn kam.

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