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Kommerzialisierung des Reisens Wie das Reisen vom Luxusgut zur Massenware wurde

Deutsche Touristen in den Siebzigern in Spanien Quelle: dpa Picture-Alliance

Alljährlicher Urlaub ist für viele Deutsche heute normal. Wie es zum Wandel von der Kavaliersreise zum Massentourismus kam und wie eine der größten Industrien Deutschlands entstand, erklärt der Historiker Hasso Spode.

Herr Spode, seit wann reist der Mensch – nicht im Sinne von Wanderungsbewegungen, sondern um des Reisens willens?
Die Reise als Selbstzweck taucht erstmals in der Antike auf, vor allem in der Römischen Kaiserzeit. Die Römer schufen den Cursus publicus, ein fantastisches System, das hunderttausend Straßen- und Schifffahrtskilometer umfasste. Dieses System war allerdings nur für Funktionsträger gedacht, nötig war eine Art Erlaubnisschein. Teile dieses Systems befahren wir bis heute mit dem Auto, etwa die Via Appia in Rom. Das Straßensystem und die innere Sicherheit, die die Pax Augusta gewährte, machten das Reisen so komfortabel, dass reiche Menschen erstmals bloß zum Vergnügen reisten.

Wofür unternahm die Oberschicht diese Reisen?
Man hatte seine Villa am Golf von Neapel, besuchte Heilquellen, Tempel, auch die Spiele von Olympia und sogar die Pyramiden. Mit dem Zusammenbruch der römischen Staatlichkeit ab  dem fünften Jahrhundert ging das verloren. Im Mittelalter reisten die Menschen dann nur noch, wenn es zwingend nötig war oder sie sich davon einen Gewinn versprachen – Händler, Soldaten, Gesandte, aber auch Pilger, die furchtbare Angst vor dem Höllenfeuer hatten, unternahmen dieses gefährliche Unterfangen.

Wann keimte die touristische Reisekultur wieder auf?
In der frühen Neuzeit, vom 16. bis 18. Jahrhundert, etablierte sich die Institution der Grand Tour – die Kavaliersreise. Der europäische Adel schickte seine Söhne für mehrere Monate, manchmal sogar für Jahre auf die große Rundreise. Sie sahen den Versailler Hof, besuchten Florenz und andere berühmte Städte. Da gab es einen richtigen Kanon und entsprechende Bücher, die die Sprösslinge des Adels währenddessen abarbeiteten. Parallel dazu entwickelte sich die Walz, die Handwerkerreise, die mehrere Jahre dauerte. Die Grand Tour wie die Walz dienten vor allem der Ausbildung, blieben also zweckgebundene Unternehmungen.

Zur Person

Das klingt noch nicht so recht nach Urlaub.
Erst mit dem Aufkommen der Romantik entstanden die Vorläufer unseres heutigen Tourismus. Die Romantik war fortschrittskritisch; heute heißt es: „früher war alles besser“, damals: „zurück zur Natur!“. Denken Sie an Jean-Jacques Rousseau, der schrieb, der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Ketten, das waren die Konventionen und Gesetze. Um den Naturzustand noch einmal zu erleben, musste sich der Mensch weg von den städtischen Zentren hinaus in die ländliche Peripherie begeben – in die Berge, die man bis dahin für hässlich und gefährlich hielt. Speziell die Alpen waren für die Menschen der Horror. Als Martin Luther um 1510 nach Rom pilgerte, führte er ein detailliertes Tagebuch, dort findet sich allerdings keine Zeile über die Alpen, die er durchquert hatte.

Weil sie ihn nicht interessierten?
Weil die Berge für ihn schrecklich waren. Das ändert sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts – der romantische Blick betont die Erhabenheit der Natur, die Natur ist etwas Großartiges. Nicht nur die Berge werden völlig neu betrachtet, auch die Meeresküsten. Vor der Romantik waren die Meere ebenfalls etwas Schreckliches, bewohnt von allerlei Ungeheuern und Piraten. Plötzlich fingen die Menschen an, freiwillig ans Meer zu reisen, um dort zu baden.

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