Konjunktur auf der Kippe Aus der Traum vom ewigen Boom

Die schwächere Weltwirtschaft, die Russland-Krise und die Probleme in vielen Kernländern der Euro-Zone machen der deutschen Wirtschaft schwer zu schaffen. Die Konjunktur droht zu kippen. Damit steigt der Druck auf die Europäische Zentralbank, die Geldpolitik weiter zu lockern.

Wie heftig wird der Konjunkturabschwung? Quelle: Getty Images

Eigentlich ist es für die Bankanalysten kein besonderes Ereignis, wenn die Beamten des Statistischen Bundesamtes einmal im Quartal die Zahlen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft bekannt geben. Denn die Daten betreffen die Vergangenheit und werden meist im Vorfeld gut abgeschätzt. Doch Donnerstag vergangener Woche war es anders. Nicht nur, dass die zur Veröffentlichung anstehenden Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal diesmal durch eine groß angelegte Revision der Statistik mit außergewöhnlicher Unsicherheit behaftet waren (siehe Kasten). Mit Spannung blickten die Auguren auch darauf, ob die aktuelle Krise in Russland bereits erste Bremsspuren hinterlassen hat.

Als dann um kurz nach acht Uhr morgens die neue BIP-Zahl über die Bildschirme flimmerte, trauten viele Analysten ihren Augen nicht: Deutschlands Wirtschaft war im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft. „Die Zahlen haben enttäuscht“, sagt Klaus Bauknecht, Volkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank in Düsseldorf. Aufgrund von Witterungseffekten hatten Beobachter zwar mit einem schwachen zweiten Quartal gerechnet. „Doch die Zahlen deuten auf einiges mehr hin als nur den Einfluss des Wetters“, urteilt Bauknecht.

Das BIP wird neu berechnet

Vor allem die Unsicherheit wegen des Konflikts um Russland und die Ukraine hat sich wie Mehltau auf die Stimmung und Investitionsbereitschaft der Unternehmen gelegt. Dazu kommt, dass auch aus den Ländern der Euro-Zone, den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands, schlechte Nachrichten kommen. Die Wirtschaft der Währungsgemeinschaft hat im zweiten Quartal stagniert.

Der ifo-Geschäftsklimaindex ist gesunken

Für die WirtschaftsWoche hat das ifo Institut in München exklusiv 460 Unternehmen aus den wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft befragt. Rund ein Drittel gab an, die geopolitischen Unruhen sowie die schwächelnde Konjunktur in wichtigen Handelspartnerländern stellten die größten Risiken für ihre Geschäfte dar.

Erneuter Einbruch des BIP.

Der ifo-Geschäftsklimaindex, wichtigster Frühindikator für die deutsche Konjunktur, ist im Juli das dritte Mal in Folge gesunken – ein untrügliches Zeichen für eine Konjunkturwende nach unten. In der vergangenen Woche schmierte zudem der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Index der Konjunkturerwartungen der Akteure an den Finanzmärkten ab. Der Einbruch war so heftig wie im Juni 2012, als die Angst vor dem Auseinanderbrechen der Währungsunion die Märkte in Atem hielt. Geht Deutschland, dem Powerhouse Europas, die Luft aus, hat dies weitreichende Konsequenzen – vor allem für die Europäische Zentralbank (EZB). Sie gerät immer stärker unter Druck, die geldpolitischen Schleusen noch weiter zu öffnen.

Wachstum schürt Optimismus

Dabei hatte das Jahr eigentlich gut begonnen. Mit einem satten Wachstum von 0,7 Prozent schürte die Wirtschaft Optimismus bei Analysten, Unternehmern und Verbrauchern. Sicher, der milde Winter hatte die Wirtschaftsleistung um rund 0,3 Prozentpunkte künstlich nach oben gehievt. Daher hatten Experten mit einer Gegenbewegung gerechnet. Die aber fiel nun heftiger aus als erwartet.

Die Börse hatte die schlechten Konjunkturdaten bereits vorweggenommen. In den vergangenen sechs Wochen verlor der Dax in der Spitze 1000 Punkte, der Euro verbilligte sich seit Anfang Mai um rund vier Prozent auf nunmehr 1,33 Dollar. Die Angst vor einem Konjunkturcrash hat die Investoren in vermeintlich sichere Staatsanleihen getrieben. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen purzelte am Donnerstag vergangener Woche unter die Marke von 1,0 Prozent – ein neues Allzeittief.

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