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Konjunktur „Dritter Lockdown könnte uns pro Woche 2,5 Milliarden Euro kosten“

Quelle: imago images

Der dritte Lockdown steht bevor. Und er dürfte die deutsche Wirtschaft nicht nur Milliardensummen kosten, sondern könnte auch das endgültige Aus für viele Betriebe in den betroffenen Branchen bedeuten.

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Timo Wollmershäuser fühlt sich in diesen Zeiten, als blicke er in eine Glaskugel – und zwar in ein ziemlich trübes Exemplar. „Das Leitmotiv für Konjunkturforscher ist derzeit die Unsicherheit. Wir stochern prognostisch im Nebel, weil der weitere Verlauf der Pandemie kaum zu kalkulieren ist“, sagt der Konjunkturchef des Münchner ifo Instituts.

Am kommenden Mittwoch will Wollmershäuser eine neue Konjunkturprognose vorstellen, am vergangenen Freitag haben er und sein Forscherteam ihre komplizierten Berechnungen mit Hunderten von Variablen abgeschlossen. Doch eine ziemlich zentrale Variable hat der Ökonom dabei nicht berücksichtigen können – die anstehenden Gespräche der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Angela Merkel hat die Richtung bereits vorgegeben: „Wir werden leider auch von der Notbremse Gebrauch machen müssen.“

Werden die zaghaften Lockerungen also wieder zurückgenommen – oder kommt es gar zu einem dritten Lockdown? Das würde für die Wirtschaft teuer. Zwar machen die vom Lockdown direkt betroffenen Branchen nur rund 13 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Gleichwohl drohen empfindliche Einbußen und Kollateralschäden. „Ein dritter Lockdown könnte uns 2,5 Milliarden Euro pro Woche an Wertschöpfung kosten“, sagt Wollmershäuser. Er bezieht sich dabei auf Berechnungen, die er für den zweiten Lockdown im Winterhalbjahr durchgeführt hat und bei denen er die Bruttowertschöpfung in den Sektoren Handel, Gastgewerbe, Verkehr und sonstige Dienstleistungen (Freizeit, Unterhaltung, Kultur) in Beziehung gesetzt hat zu einem Referenzszenario ohne Pandemie.

Rechnet man die Wertschöpfungsverluste im Staatsbereich mit ein, etwa durch Kita-Schließungen oder ausfallende Operationen in Krankenhäusern, würde das Minus sogar noch höher ausfallen. Der Staat hat einen Anteil von 20 Prozent an der Bruttowertschöpfung in Deutschland.

„Ein dritter Lockdown wäre eine Katastrophe vor allem für viele kleine Unternehmen“, warnt Wollmershäuser. Sie erhielten zwar ihre Lohn- und Fixkosten vom Staat teilweise erstattet. Doch „vielen Selbstständigen bricht ihr eigenes Einkommen weg, das sie aus den Umsätzen generieren“. Je länger der Lockdown dauere, „umso größer ist die Gefahr einer Pleitewelle, wenn die Politik die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht für zahlungsunfähige Betriebe wieder in Kraft setzt. Da hat sich viel aufgestaut“.

Doch selbst wenn es nur zu punktuellen neuen Einschränkungen käme und ein totaler Lockdown vermieden wird, so ist bereits jetzt klar: Der Aufschwung 2021 verschiebt sich nach hinten. Bisher gingen die meisten Prognosen der Forschungsinstitute von einem guten zweiten Quartal aus, mit einem Wachstum um die drei Prozent. Doch die erhoffte und erwartete kräftige Erholung ab April dürfte nun den steigenden Infektionszahlen und dem absurd langsamen Impftempo in Deutschland zum Opfer fallen.

Wenn es im zweiten Quartal überhaupt ein Wachstum gibt, dann nur dank der gut laufenden Industrie und der anziehenden Exporte. Die globale Industriekonjunktur trotzt dem Virus, für die USA etwa erwartet die Notenbank Fed für 2021 ein Wachstum von 6,5 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schätzt, dass die Weltproduktion in diesem Jahr um 6,7 Prozent steigt und der globale Warenhandel sogar um 7,5 Prozent zulegen kann. Geschäftserwartungen und Exportperspektiven in der deutschen Industrie zeigen daher nach oben – und zwar auch am aktuellen Rand. „Da ist derzeit kein Stimmungswechsel erkennbar“, berichtet Wollmershäuser.

Gleichwohl bleibe die deutsche Konjunktur insgesamt gespalten, der Dienstleistungssektor gebeutelt und die mit viel Staatsgeld vernebelten Wohlstands- und Arbeitsmarktrisiken durch Corona hoch. Das IfW schätzt den pandemiebedingten Wertschöpfungsverlust für die Jahre 2020 bis 2022 auf rund 340 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsleistung werde Ende diesen Jahres etwa 1,4 Prozent unter dem Niveau liegen, das ohne die Pandemie zu erwarten gewesen wäre.

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Und ifo-Mann Wollmershäuser glaubt: „Konjunkturell durchstarten kann Deutschland frühestens ab Juni – wenn die Impfungen in Gang gekommen sind“.

Vielleicht ist der Blick in seine Glaskugel dann ja auch wieder etwas klarer.

Mehr zum Thema: Tengelmann-Chef Christian Haub kritisiert im Gespräch mit der WiWo die Coronapolitik der Bundesregierung und erwartet eine Rabattschlacht im Modehandel. Lesen Sie hier das Interview.

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