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Krankenhäuser Wir machen in Deutschland zu viel Medizin – das ist ungesund

Der Eingang zur Covid-19-Intensivstation der Leipziger Uniklinik. Quelle: dpa

In der Pandemie arbeiten manche Kliniken am Limit, während anderswo die Betten leer stehen. Die Kapazitäten sind schlecht verteilt, auch wegen falscher finanzieller Anreize. Deshalb sollte endlich Qualität zählen – und messbar werden. Ein Gastbeitrag.

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Die Öffentlichkeit ist sich einig: Wir konnten Covid nur deshalb so gut bewältigen, weil Deutschland so viele Krankenhäuser hat. Das ist eine klare Fehleinschätzung. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Pandemie hat offenbart, dass wir in Deutschland zu viel Medizin machen – und die systemrelevante Medizin dabei vernachlässigen. In der aktuellen Pandemie sind unsere Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte weit über die Belastungsgrenze gefordert und haben bisher mehr als 3000 schwere Coronafälle stationär behandelt. Die München Klinik ist der größte Gesundheitsversorger der Metropolregion München. Teilweise haben wir bis zu 200 Covid-19-Patienten gleichzeitig versorgt, davon 60 auf der Intensivstation. Parallel dazu musste die Daseinsvorsorge sichergestellt werden. Unsere Teams haben Herzinfarkte und Schlaganfälle behandelt, Kinder zur Welt gebracht und lebensrettende Operationen durchgeführt. Gleichzeitig standen Spezialkliniken nebenan leer.

Das zeigt die Überkapazitäten des Gesundheitssystems. Die in der Pandemie geforderten Kliniken sind wirklich systemrelevant und sollten gefördert und finanziell gestützt werden. Tatsächlich fließen Gelder aber aktuell in gut planbare Operationen, während gleichzeitig Kreißsäle und Kinderstationen geschlossen werden. Und das hat einen guten Grund: Die planbare Hüftprothese ist im pauschalen Fallabrechnungssystem („Diagnosis Related Groups“) für ein Krankenhaus lukrativer als die Versorgung eines hochfiebernden Kindes. Das schafft Fehlanreize.

Weniger und nicht mehr Krankenhäuser sind deshalb gut für das deutsche Gesundheitssystem. Und diese Krankenhäuser sollten finanziell, technisch und personell besser ausgestattet werden. Wenn die Krankenhäuser zahlenmäßig reduziert werden und stärker Verantwortung für die Daseinsvorsorge übernehmen, ist im Gesundheitssystem mehr Geld für Investitionen verfügbar. Hier werden die Bundesländer ihrer Verantwortung für die Krankenhausfinanzierung nicht immer gerecht – auch weil es zu viele Häuser gibt.

Weniger Kliniken sind, zumindest teilweise, eine Antwort auf den Pflegekräftemangel. Denn es wäre dann wieder mehr Pflegepersonal verfügbar. Mit den Pflegenden könnten wir die aktuell leer stehenden Intensivbetten betreiben. Aber es ist politisch unpopulär, ein Krankenhaus zu schließen oder Betten abzubauen – und die irrationale Diskussion darüber schaut auf Wählerstimmen und nicht auf die bestmögliche Patientenversorgung.

Hier muss die öffentliche Diskussion versachlicht werden. Nicht das Krankenhaus um die Ecke bedeutet Qualität. Als Krebspatient profitiere ich nachweislich davon, wenn ich in einem großen, weiter entfernten Zentrum versorgt werde, das viel Erfahrung mit meinem Krankheitsbild hat.

Kliniken sollten nach Ergebnisqualität bezahlt werden: Kann die Patientin nach der OP wieder mit den Enkeln um die Wette laufen, sich selbst zu Hause versorgen? Erhält die Operation bei Prostatakrebs die Potenz – und wird der Patient durch den Eingriff nicht inkontinent?

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    Das ist für Patienten wichtig und bedeutet Lebensqualität. Aktuell fehlt aber diese nachvollziehbare Transparenz bei der Klinikwahl – und damit ein Anreiz für Qualitätsverbesserungen und einen Wettbewerb um die beste Qualität zwischen Kliniken.



    Die Fallzahlen für gut vergütete Eingriffe sind seit Einführung der Fallpauschalen stark gestiegen – da steckt nicht medizinische Evidenz dahinter. Für diese Fachbereiche, wie zum Beispiel Orthopädie, gibt es eine Vielzahl von privaten Spezialkliniken, die um Patienten werben. Da sind Margen in Höhe von 15 bis 20 Prozent möglich. Und das ist Geld, das dem Gesundheitssystem letztlich entzogen wird.



    Unsere Nachbarländer zeigen uns, wie es geht. Deutschland ist trotz der hohen Krankenhausdichte eben nicht gesünder. Die systemischen Fehlanreize führen dazu, dass es ein Überangebot an lukrativen, aber medizinisch nicht immer notwendigen Eingriffen gibt. Und gleichzeitig leisten wir uns in der Fläche zu viele kleine Häuser, die versuchen, eine unterfinanzierte Notfallversorgung über qualitativ grenzwertige Spezialisierungen mitzufinanzieren. Hier muss eine neue Struktur her, mit größeren Spezialzentren, die qualitativ hochwertige Medizin anbieten. So sichern wir eine bessere Versorgung auch mit weniger Häusern.

    Wir müssen die Strukturen nach dem Bedarf ausrichten, die Krankenhäuser mit den tatsächlich benötigten Investitionen ausstatten und auch Vorhaltekosten finanzieren. Ein Krankenhaus ist keine Fabrik, auch Leerstand muss bezahlt werden – damit die Kapazitäten verfügbar sind, wenn im Winter etwa viele Kinder mit RS-Viren versorgt werden müssen.

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    Notfälle und Pandemien sind, wie Brände, nicht planbar und immer akut zeitkritisch. Deswegen wird die Feuerwehr nicht pro Einsatz vergütet und rückt auch dann aus, wenn es sich wirtschaftlich nicht lohnt. Im Gesundheitssystem argumentiert die Politik aber umgekehrt. Das müssen wir jetzt ändern. Wenn die nächste Pandemie kommt, ist es schon zu spät.

    Mehr zum Thema: Nach den Impfstoffen kommen nun die Medikamente. Derzeit drängen Präparate auf den Markt, die Corona-Infizierte vor schweren Verläufen schützen sollen. Die Medikamente der US-Hersteller Pfizer sowie Merck & Co. haben einen entscheidenden Vorteil.

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