Krankenhauseinweisung wider Willen „Der Anspruch würdevollen Sterbens darf nicht an fehlenden Ressourcen scheitern“

Ein Pfleger schiebt in einem Heim eine Bewohnerin mit einem Rollstuhl. Quelle: dpa

Der AOK-Pflegereport zeigt eine bedenkliche wie teure Versorgung von Menschen im Heim in ihrer letzten Lebensphase. Patientenverfügungen taugen nichts und überfordertes Heimpersonal ruft eher häufiger den Rettungswagen als notwendig.

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Die Expertinnen und Experten wählen eine technische Sprache, um auf einen groben Missstand aufmerksam zu machen, der viele alte Menschen und ihre Angehörigen trifft. Dieser zieht ungewollte wie teure Krankenhausbehandlungen nach sich und er wäre mit besserer Ausbildung und Ausstattung der Pflegeeinrichtungen zu beheben. Im Dienstag vorgestellten AOK-Pflegereport 2022 geht es darum, dass nicht nur die Übertragung des Coronavirus in Pflegeheimen das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner gefährdet.

Kranke Ältere werden in ihrem letzten Lebensjahr demnach wesentlich häufiger ins Krankenhaus eingewiesen als nach ihrem Gesundheitszustand nötig wäre und als ihrem eigenen Wunsch entspricht. Das wiederum setzt ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden zusätzlich zu. Mehr als jede dritte Einweisung ins Krankenhaus – die AOK kommt auf 38 Prozent – wäre bei Menschen in einem Pflegeheim demnach in deren letzten Lebensabschnitt vermeidbar.

Die Vorstandschefin Carola Reimann vom AOK-Bundesverband, der rund 27 Millionen Versicherte der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) vertritt, fasst das so zusammen: „Der Anspruch eines würdevollen Sterbens im Heim darf nicht an fehlenden Ressourcen scheitern.“ Reimann meint damit, dass es nicht genug und nicht genug kundiges Personal gibt, das den Wünschen der Bewohnerinnen und Bewohner entsprechend handeln kann – und dann oft zur Sicherheit lieber den Rettungswagen holt.

„Sehr viel mehr Menschen könnten das Krankenhaus vermeiden und im Pflegeheim bleiben“, beschreibt die Kassenvertreterin die Situation bei Herzschwäche, Austrocknung oder Harnwegsinfektionen. „Es kann aber nur funktionieren, wenn genug Personal zur Verfügung steht.“ Das sei oft nicht der Fall. Das Krankenhaus bedeute oft, dass sich der Gesundheitszustand der Betroffenen insgesamt verschlechtere oder dass Demente gänzlich die Orientierung verlören.

Der Mangel an Pflegekräften und auch oft nicht erreichbare niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bedeuten, dass teure Klinikaufenthalte folgen. Die helfen dem allgemeinen Zustand der Eingelieferten nicht immer und verursachen eben an anderer Stelle hohe Kosten.

Wenn die Patientenverfügung verschwindet

Zudem widerspreche eine solche Krankenhausbehandlung oft dem Wunsch der Betroffenen, die das oft sogar in einer Patientenverfügung festgelegt hätten, weiß der Medizinprofessor Jürgen in der Schmitten von der Uniklinik Essen. Nur ist diese Verfügung, was medizinisch getan oder gelassen werden soll, im Ernstfall nicht bekannt oder auffindbar. Oder: Sie ist für die Mediziner im Krankenhaus keine Absicherung dafür, was wirklich gemeint ist.

Die Versorgung von Menschen in einem Pflegeheim vor ihrem Tod ist kein Randthema. Ein Drittel der in einem beliebigen Jahr versterbenden AOK-Versicherten lebte zuletzt in einer stationären Einrichtung. Jeder vierte Bewohner eines Heimes stirbt innerhalb eines Jahres. Im Corona-Jahr 2020 waren es sogar gut 28 Prozent. Insgesamt 56 Prozent der Menschen im Pflegeheim werden in den letzten zwölf Wochen ihres Lebens mindestens einmal ins Krankenhaus eingewiesen. „Das ist international eine sehr hohe Rate“, sagt die AOK-Pflegeexpertin Antje Schwinger. Jeder Dritte und jede Dritte aus einem Heim sei in der letzten Lebenswoche im Krankenhaus – „und ist dort Risiken für sehr alte und mehrfach kranke Menschen ausgesetzt“.

Jeder fünfte Krankenhausaufenthalt nicht im Interesse der Alten

Das Kernproblem sieht die Pflegeforscherin vom Wissenschaftlichen Institut der AOKen darin, dass Pflegekräfte überlastet und Ärzte nicht erreichbar sind, sowie der Wille der Betroffenen nicht bekannt ist, wenn diese sich nicht mehr selbst äußern können. In einer Befragung unter 550 Pflegekräften hätten diese ausgesagt, dass etwa jeder fünfte Krankenhausaufenthalt nicht im Interesse der Alten gewesen sei. Dass sie dadurch aber belastenden oder ungewollten lebensverlängernden Maßnahmen ausgesetzt worden seien.

Das alles sei zum Teil dem Personalmangel in den Einrichtungen geschuldet. In 62 Prozent der beschriebenen Fälle seien aber zum notwendigen Zeitpunkt auch keine niedergelassenen Ärzte erreichbar gewesen, heißt es im Pflegereport.

Es mangelt zudem bei der Schulung von Pflegenden und medizinischem Personal, die den Willen der Betroffenen umsetzen müssten – auch wenn diese gerade kaum ansprechbar sind. „Eine Überprüfung der Patientenverfügung im Heim findet selten oder nie statt“, beschreibt Antje Schwinger ein Problem. Der Mediziner in der Schmitten geht wesentlich weiter. Er hält die in Deutschland üblichen Formen, den Patientenwillen für das Ende des Lebens festzuhalten, für „nicht aussagekräftig im jeweiligen Einzelfall. Der Willen der Person wird dadurch nicht klar erkennbar.“

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Das gelte für alle üblichen Vordrucke, auch jenen häufig genutzten Vordruck vom Bundesjustizministerium.“ Er schlägt deshalb vor, dass stärker dazu übergegangen wird, im Pflegeheim den Willen und die Haltung der Betroffenen zu medizinischen Behandlungen am Lebensende zu erfragen und für die Pflegeprofis festzuhalten. Das geschehe in den USA schon lange und habe sich als „Advance Care Planning“ (ACP) etabliert. Dazu brauche es Profis, für die allerdings per Hospiz- und Palliativgesetz eine eigene Vergütung vorgesehen sei. „Das ist kein Hexenwerk.“

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