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Kriminalität In Brüssel lebt es sich gefährlich

Nirgendwo in Europas Großstädten beobachten die Menschen so viele Verbrechen in ihrem Viertel wie in Brüssel. Die Bürger bemängeln die laxe Haltung der Polizei.

Am schlimmsten war der verständnislose Blick. Die verdrehten Augen, die sagten: Selbst schuld! Die luxemburgische Diplomatin bekam sie jedes Mal zu sehen, wenn sie Brüsseler Freunden von dem Überfall erzählte. Auf der Fahrt nach Hause, als sie im Multikulti-Viertel St. Gilles an einer roten Ampel hielt, hatte ein Straßenräuber das Fenster ihres BMW auf der Beifahrerseite mit einem Baseballschläger eingeschlagen. Bevor sie realisierte, was passierte, war ihre Handtasche vom Beifahrersitz verschwunden. „Da gehört eine Handtasche nicht hin“, belehrten Brüsseler Freunde sie hinterher. Die Tasche sollte im Fußraum, oder besser noch im Kofferraum verstaut werden. In Europas Hauptstadt lebt es sich gefährlich. Bag-Jacking, wie die Polizei diese spezielle Variante des Handtaschenklaus nennt, ist nur eine Form von Kriminalität, unter der Brüsseler und Zugereiste immer mehr zu leiden haben. Einbrüche in Büros und Wohnungen, Überfälle auf offener Straße gehören heute genauso zum Alltag wie aufgebrochene Autos. Nirgendwo in europäischen Großstädten beobachten die Menschen so viele Gewaltverbrechen in ihrem Viertel, ergab eine Umfrage, die ein Konsortium um Gallup für die Europäische Kommission erstellte (siehe Grafik). Bei den Eigentumsdelikten fühlen sich nur die Einwohner Athens noch unsicherer als die Brüsseler. Ein besonders beliebter Tatort ist das Europa-Viertel rund um EU-Kommission und Parlament. „Das ist nicht überraschend, schließlich sind die Menschen dort wohlhabender als in anderen Gegenden“, heißt es bei den Beamten des belgischen Innenministers Patrick Dewael. Wer einen BMW klauen wolle, werde zwischen Rue Belliard und Rue de la Loi garantiert fündig. Glück im Unglück hatte kürzlich eine Mitarbeiterin der Generaldirektion Justiz, die abends um neun Uhr in der Rue d’Arlon zu ihrem Wagen ging – und plötzlich einen Revolverlauf in ihren Rippen spürte. Als der Angreifer merkte, dass es sich beim Autoschlüssel um ein Smart-Card-System handelte, riss er seinem Opfer nur die Handtasche (mit 600 Euro) aus den Händen. Als die Beamtin nach der Anzeige von der Polizeiwache zurückkam, fand sie zehn Meter weiter das nächste Opfer – niedergeschlagen am Boden, noch unter Schock. Für die Polizei sind diese Überfälle jedoch nur Einzelereignisse, unnötig aufgebauscht. Die Kommissionsmitarbeiter neigten zu Tratsch und Klatsch, findet ein Beamter der Task-Force, die die Zusammenarbeit zwischen Belgien und der EU verbessern soll. „Die kommen aus dem ländlichen Dänemark, und wenn sie mit einem Verbrechen in Berührung kommen, erzählen sie allen davon.“ Es stimmt, es wird viel geredet – weil in Brüssel Dinge passieren, die den durchschnittlichen Mitteleuropäer verstören. So wurde die Praktikantin eines deutschen Verbands am hellichten Tag in der U-Bahn-Station Trône überfallen und mit einem Messer am Arm verletzt. Eine andere Praktikantin des Verbands wurde nur kurze Zeit später in einem eigens vom Arbeitgeber angemieteten möblierten Zimmer nachts im Schlaf von einem Einbrecher überrascht. In der Generaldirektion Umwelt wundern sich die Beamten schon gar nicht mehr, wenn geladene Experten ohne ihre Präsentationen in der Dienststelle in Beaulieu eintreffen – weil ihnen zuvor der Laptop am Südbahnhof gestohlen wurde. Dort treffen die Hochgeschwindigkeitszüge aus Paris, London, Amsterdam und Köln ein, was Diebe magisch anzieht. 2005 registrierte die Polizei am Gare du Midi 2754 Straftaten. Trotzdem verzichtet sie auf sichtbare Präsenz. „Das ist nicht unsere Strategie“, sagt ein Beamter, „in Paris stehen an jeder Ecke drei Polizisten, aber es ist nicht erwiesen, dass es etwas bringt.“ Die mangelnde Präsenz in Brüssel ist allerdings nicht nur eine Frage der Philosophie, sondern auch des Personalmangels. Im Großraum Brüssel sind derzeit bei der Polizei rund 750 Stellen nicht besetzt. Junge Bewerber bleiben lieber in der Provinz, wo es beschaulicher zugeht, und sie nur eine der beiden Landessprachen, Französisch oder Niederländisch, sprechen müssen.

An Brennpunkten wie dem Südbahnhof empfiehlt Polizeisprecherin Els Cleemput lakonisch: „Die Reisenden müssen besser auf ihre Sachen aufpassen.“ Weil die Polizei die Kriminellen nicht abzuschrecken vermag, verlangen Unternehmen wie McKinsey von ihren Mitarbeiter in Brüssel mehr Vorsicht. Oberste Regel: Den Laptop nicht aus den Augen lassen, ihn immer mitnehmen. Auch beim Tanken. „Man gewöhnt sich an die Schlepperei“, sagt ein Mitarbeiter. Der Verlust eines Laptops ist nicht nur wegen des materiellen Schadens ärgerlich, mehr noch wegen der sensiblen Daten von Kunden, die nicht in fremde Hände kommen sollten. Vor gut einem Jahr schien es, als würde die Polizei härter gegen die zunehmende Kriminalität durchgreifen. Ganz Belgien war in Aufruhr, nachdem der 17-jährige Joe Van Holsbeeck mitten im nachmittäglichen Berufsverkehr am Brüsseler Bahnhof Gare Central von zwei Halbwüchsigen erstochen wurde, die es auf seinen MP3-Player abgesehen hatten. Ein Jahr später lassen durchgreifende Reformen weiter auf sich warten. Kein Wunder, dass die Brüsseler das Vertrauen in die Polizei verloren haben. Nur in wenigen Hauptstädten Europas hat die Bevölkerung eine derart schlechte Meinung von der Arbeit ihrer Polizei wie in Brüssel. Der Mangel an Vertrauen führt sogar schon dazu, dass die Opfer Verbrechen gar nicht mehr bei der Polizei anzeigen. Die Folge: Die offiziellen Kriminalitätsstatistiken weisen nach unten, obwohl die Straftaten nicht abnehmen. Selbst wenn ein Opfer sich entschließt, die Polizei einzuschalten, rät die gerne von einer Anzeige ab. „Eigentlich darf ich Ihnen das so nicht sagen“, heißt es dann auf der Wache, „aber die Anzeige bringt nichts.“ Oder die Beamten weigern sich direkt, einen versuchten Einbruch aufzunehmen, weil sie nicht genügend Indizien dafür sehen. Die meist freundlichen und in gemütliche blaue Fleece-Pullis gekleideten Polizisten strahlen nur wenig Elan aus. Eine EU-Beamtin wunderte sich, dass die Polizei nach einem Einbruch in ihr Haus keine Spuren sicherte, um die Täter zu überführen. „Das machen wir nur, wenn Menschen zu Schaden kommen“, erklärte der Beamte. Im Europa-Viertel kommt hinzu: Das Gebiet fällt in die Kompetenz von drei der insgesamt sechs Brüsseler Polizeizonen. Da Patrouillen nur selten bis an die Grenzen der Zonen vordringen, zeigt die Polizei hier noch weniger Präsenz als anderswo. Die Polizei-Misere wird von der notorisch ineffizienten Justiz erschwert. Belgiens Gerichte tun sich schwer, den Berg an unerledigten Fällen abzuarbeiten. Im Jahr 2004 – neuere Zahlen liegen nicht vor – landeten bei der Staatsanwaltschaft relativ zur Bevölkerung 30 Prozent mehr Delikte als in Deutschland. Abgearbeitet wurde aber nur ein erheblich geringerer Teil: Während in Deutschland pro 100.000 Einwohner 1104 Straftaten vor Gericht landeten, waren es in Belgien gerade einmal 311. Im April erließ die Regierung deshalb eine Reform, die den Justizstau auflösen soll. Bis die Reform wirkt und die Verbrecher abschreckt, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen. Solange bleibt den Brüsselern keine Wahl, als sich selbst vor Kriminalität zu schützen. Die Europa-Abgeordnete Christa Klaß, die vor einigen Jahren direkt vor dem Parlament überfallen wurde, trägt am liebsten ihren alten Mantel, um nicht den Eindruck zu erwecken, als sei bei ihr etwas zu holen. Eine clevere Strategie, denn die Diebe kennen sich aus, auf Altes stehen sie nicht. Als kürzlich ins Büro der „Frankfurter Rundschau“ eingebrochen wurde, ließen sie die Computer stehen. Sie waren zu betagt.

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