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Kritik am Impfstoffmangel Corona-Impfung „komplizierter als ein Hauskauf“

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Wie ist die Impf-Lage in Deutschlands Nachbarländern?

Wie ist die Situation in Frankreich?
In Frankreich ist man erstaunt über die beißende Kritik der deutschen Nachbarn an der eigenen Impfstrategie. Seit Beginn der Impfungen Ende Dezember wird jeden Morgen im Radio nachgezählt, wie viele Menschen in anderen Ländern bereits in den Genuss einer Behandlung kamen. Deutschland gehört dort zu den leuchtenden Beispielen.

Denn Frankreich tut sich schwer: Sechs von zehn Franzosen wollen sich laut Umfragen zumindest zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht impfen lassen. Angesichts der Skepsis hat die dortige Regierung beschlossen, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Sie versucht, die Ängste mit einer Informationskampagne zu lindern und geht bei den Impfungen eher tastend vor. In den Radiosendungen erläutern Experten umfangreich, dass es in Deutschland und Großbritannien bisher keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen gebe. Hörer können den Experten auch fast täglich live Fragen stellen. Immer sind es dieselben: Bin ich nach einer Impfung immun? Warum muss ich nach einer Impfung trotzdem noch eine Maske tragen und Abstand halten? Warum dürfen Restaurants trotzdem nicht öffnen, wenn die Impfung doch angeblich wirksam ist?

Ärzte und medizinisches Personal beklagen sich andererseits über seitenlange Anweisungen. Die Impfung sei komplizierter als ein Hauskauf. Die Skepsis der Franzosen hat einen Preis: Laut der Website Covid Tracker wurden seit Impfstart in Frankreich vor gut einer Woche nur etwas mehr als 500 Menschen geimpft. Der Betreiber erhält die Zahlen eigenen Angaben zu Folge von den Gesundheitsbehörden. Zum Vergleich: In Deutschland wurden mit Stand Sonntag knapp 240.000 Corona-Impfungen offiziell erfasst.

Kommt Großbritannien schneller beim Impfen voran?
Bescheidenheit war noch nie die hervorstechende Tugend vieler Tory-Politiker. Auch nicht bei Erziehungsminister Gavin Williamson: Als der kürzlich darauf angesprochen wurde, wieso die britischen Behörden bereits Anfang Dezember im Alleingang den ersten Impfstoff zugelassen haben, antwortete der, das Land habe „viel bessere Forscher“ als beispielsweise Frankreich, die Niederlande und die USA. Und er fügte hinzu: „Wir sind ein viel besseres Land als jedes einzelne von denen.“

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    Williamsons Ausbruch von Nationalstolz bezog sich, wohlgemerkt, auf die Zulassung des BionTech/Pfizer-Impfstoffs. Also auf ein Präparat, das ein deutsches Biotech-Unternehmen mit einem amerikanischen Pharmakonzern entwickelt hat und das in den USA und in Belgien hergestellt wird. Auch der Versuch von Gesundheitsminister Matt Hancock, die Eilzulassung als Brexit-Erfolg zu feiern, endete ähnlich kläglich. Kritiker wiesen rasch darauf hin, dass Großbritannien zu dem Zeitpunkt noch EU-Regeln unterstand und das Eilverfahren gemäß EU-Regeln angewandt habe. Downing Street musste Hancocks Äußerung dementieren.

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    Die Europäische Arzneimittelbehörde war über das britische Vorpreschen dennoch nicht glücklich. In einer ungewohnt harschen Erklärung warf die Behörde den britischen Regulierern vor, mit ihrem Tempo das Vertrauen der Öffentlichkeit aufs Spiel gesetzt zu haben. Die verteidigten ihr Vorgehen.

    Als nur eine Woche später in Großbritannien die Impfungen begannen, sah es für einen Moment danach aus, als könnte der britische Alleingang nach hinten losgegangen sein: Zwei Mitarbeiter des Gesundheitsdiensts reagierten auf den Impfstoff stark allergisch. Beide, erfuhr man später, hatten schon früher allergische Reaktionen gehabt. Sie erholten sich rasch wieder. Die MHRA musste eilig ihre Weisungen ändern und erklärte, dass starke Allergiker den Impfstoff vorerst nicht erhalten sollten.

    Seitdem hat es in der realen Welt (im Gegensatz zu den Kanälen der Impfgegner) keine nennenswerten Zwischenfälle mit dem BionTech/Pfizer-Impfstoff mehr gegeben. Darüber dürfte in Großbritannien so mancher Stein vom Herzen gefallen sein. Und so ist seit Montag in Großbritannien auch der zweite Impfstoff im Einsatz. Diesmal erstreckt sich der britische Anteil daran über die reine Zulassung: Es ist der Impfstoff, den die Universität Oxford mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt hat.

    Premier Boris Johnson erklärte, es solle bis März „zig Millionen“ Impfungen geben. Ob das zu schaffen sein wird, ist allerdings fraglich. Die Eile der Briten wird verständlich, wenn man sich die Zahlen anschaut: Am Sonntag wurden in Großbritannien bereits am sechsten Tag in Folge mehr als 50.000 Neuinfektionen aufgezeichnet. In dem Land grassierte eine Mutation des Virus, die es Experten zufolge noch ansteckender gemacht hat.

    Mit Material von dpa

    Mehr zum Thema: Das Impfen beginnt. Logistikkonzerne wie DHL versprechen sich ein großes Geschäft – auch weltweit.

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