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Kritik aus Großbritannien "Economist" attestiert Deutschland weltpolitische Faulheit

Obama, Putin, Li Keqiang - internationale Regierungschefs geben sich derzeit in Berlin die Klinke in die Hand. Deutschland ist ein diplomatisches Schwergewicht geworden, doch das Magazin "The Economist" urteilt hart: Es fehlt an Reife und Strategieverständnis.

Berlusconi schürt antideutsche Kampagne
Italiens Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi und seine Partei Forza Italia (FI) wollen im Europa-Wahlkampf mit kritischen Parolen über Deutschland punkten. Berlusconi griff den sozialdemokratischen EU-Spitzenkandidaten Martin Schulz scharf an und verunglimpfte dabei auch dessen Landsleute mit der Aussage, die Deutschen hätten die Existenz von Konzentrationslagern nie anerkannt. Die FI plakatiert indes den Slogan „Più Italia, meno Germania“ („Mehr Italien, weniger Deutschland“). Die SPD protestierte umgehend, auch in der CDU gibt es Kritik. Forza Italia macht die deutsche Sparpolitik für die Rezession der italienischen Wirtschaft verantwortlich. Berlusconis Partei fordert, sich dem Kurs zu widersetzen. Schulz sagte dazu dem „Spiegel“: „Es ist empörend, dass eine Schwesterpartei der CDU in Italien mit antideutschen Parolen Wahlkampf macht.“ Aus Berlusconis Umgebung wurde die Kritik als „politische Instrumentalisierung“ abgetan. Berlusconi attackierte Schulz und die Deutschen mit Rückgriffen auf die grausame deutsche Geschichte: Er habe im Jahr 2003 für Schulz unfreiwillig Werbung gemacht, als der dem damaligen EU-Parlamentarier vorwarf, dieser sei die ideale Besetzung für die Rolle eines KZ-Aufsehers, sagte der ehemalige italienische Ministerpräsident bei einer Parteiveranstaltung am Samstag in Mailand. „Ich wollte ihn nicht beleidigen, aber, um Gottes Willen, für die Deutschen haben die Konzentrationslager nie existiert“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa den erneuten Ausfall Berlusconis. „Die Katyn-Lager, ja doch, die deutschen nicht“, fügte der rechtskräftig verurteilte Steuerbetrüger demnach hinzu. In Katyn hatten sowjetische Truppen im Frühjahr 1940 Tausende polnische Soldaten ermordet. Konzentrationslager gab es dort nicht. Quelle: dpa
In Griechenland geht die Angst vor neuen Sparauflagen um. Nachdem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Mittwoch verlauten ließ, Griechenland werde nach 2015 ein drittes Hilfspaket benötigen, kochten die Emotionen in den griechischen Medien hoch. Die Athener " Zeitung der Redakteure" (im Bild) ahnte sogleich "neue, unerträgliche Sparauflagen für das griechische Volk" voraus. Schäuble, so hieß es, arbeite bereits an einem neuen Kreditvertrag für Griechenland. Die Zeitung "Real" titelte gar: "Herr Schäuble, bringen Sie das gestohlene Geld zurück". Das Blatt "Ta Nea" sieht einen Zusammenhang zwischen dem Besuch des EZB-Direktors Asmussen in Athen und Schäubles Äußerungen - Asmussen habe bereits Einzelheiten eines neuen Hilfskonzepts im Gepäck, wurde gemutmaßt. Der EZB-Direktor wies diese Spekulationen im Anschluss an sein Treffen mit dem griechischen Finanzminister Stournaras zurück. Quelle: Screenshot
Noch relativ freundlich geht das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" mit den Deutschen ins Gericht. Als zögerlichen Herrscher bezeichnete das Magazin Deutschland im Juni 2013. Deutlich schärfer blies der Wind dagegen in den letzten Monaten aus Südeuropa...
Angela Merkel auf dem Cover der griechischen Zeitschrift Crash Quelle: Handelsblatt Online.
Europäische Politiker in einer Titelgeschichte der griechischen Zeitschrift Crash Quelle: Handelsblatt Online.
Cover der griechischen Magazins crash Quelle: dpa
Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auch IWF-Chefin Christine Lagarde zum Hassobjekt in Griechenland geworden. Hier werden die beiden Politikerinnen als Krähen dargestellt, die Griechenland bestehlen wollen. Soldaten versuchen, die beiden Frauen mit den Hitler-Bärten abzuwehren.

Erst vor zwei Wochen befasste sich das renommierte Wirtschaftsmagazin "Economist" mit Deutschland und titelte "Die zaudernde Macht". Das Cover zeigte einen Bundesadler, der einen Flügel abwehrend vor den Kopf hielt. In dem Artikel beschrieben die Redakteure Deutschlands Widerwillen, eine stärkere Führungsrolle zu übernehmen. Dass Deutschland die Rolle der dominierenden Wirtschaftsmacht in Europa habe, stehe außer Frage. Allerdings müsse die Bundesregierung aufhören, sich selbst zu blockieren, und diese Führungsrolle endlich annehmen. "Nachdem es Europa zweimal in den Krieg stürzte, glauben viele Deutsche, dass es die Pflicht ihres Landes sei, eine etwas größere Version der Schweiz zu sein: wirtschaftlich florierend, aber politisch bescheiden", klagte das Magazin. 

Zwei Wochen später legt der "Economist" nun nach. Der Artikel mit dem Titel "Der gelegentliche Führer" liest sich wie ein zweiter Teil, diesmal attestiert das Magazin der Bundesrepublik nun zusätzlich ein fehlendes Strategieverständnis auf der Weltbühne.

Obwohl sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade dieser Tage mit den weltpolitischen Schwergewichten in der Öffentlichkeit zeige  - Vladimir Putin, Barack Obama, der chinesische Premierminister Mai Li Keqiang - und all diese von der Bundesregierung angesichts der Stärke Deutschlands in der Eurokrise auch im politischen Weltgeschehen eine aktivere Rolle von Deutschland fordern, glaube der "Economist" nicht, dass das Land diese Forderung erfüllen werde.

Das Magazin begründet dies mit dem diplomatischen Verhalten in der Vergangenheit. So habe Deutschland sich beispielsweise 2011 im UN-Sicherheitsrat enthalten, als über das Eingreifen in den libyschen Bürgerkrieg abgestimmt werden sollte. Frankreich habe sich im Fall Mali im Stich gelassen gefühlt, als Deutschland als militärische Unterstützung lediglich ein paar Transportflugzeuge zur Verfügung stellte.

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Deutschlands Selbstzufriedenheit und Faulheit sei unreif und führe zu einem geopolitischen Vakuum mitten in Europa, zitiert der "Economist" Jan Techau, Direktor von Carnegie Europe, einem außenpolitischen Think Tank in Brüssel. Die Gründe dafür seien zahlreich: historische (in der Alliierten-Zeit war Außenpolitik vor allem durch die deutsch-deutsche Sonderrolle und dem Bestreben nach Wiedervereinigung sowie den Kalten Krieg definiert), personelle (außenpolitisches Fachwissen werde meist nicht als Karriereoption gesehen) und moralische (Techau beschreibt dies als das "Nachkriegs-Bedürfnis", nur moralisch einwandfrei zu handeln, was bei den meisten weltpolitischen Krisen eben schwierig sei). 

Am Ende des Artikels bilanziert der "Economist" trocken: Deutschland sei eher aus der Tradition heraus in die europäische Führungsrolle gerutscht. Auf der großen Weltbühne werde Deutschland allerdings auch in Zukunft vor allem durch Abwesenheit auffallen. Unabhängig von der personellen Führungsriege.

Ein hartes, treffendes Urteil der britischen Kollegen.

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