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Kühnerts kommunistische Träume Kevin, geh ins historische Proseminar!

So geht Kollektivierung: Eine Kolchose-Direktorin in ihrem leeren Markt in Neu-Ladoga-Hobach-Nadoza in der Sowjetunion 1990.

Kevin Kühnerts Forderungen nach Kollektivierung von Unternehmen und sein Reden von „demokratischem Sozialismus“ offenbaren einen Abgrund an geschichtlicher Ignoranz.

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Durch empörende Aussagen Aufmerksamkeit gewinnen – das kann nicht nur die AfD. Der Vorsitzende der Jungsozialisten, also immerhin der offiziellen Jugendorganisation der Regierungspartei SPD, Kevin Kühnert, hat es nun auch geschafft.

Kühnert bezeichnet, wie so viele andere linke Politiker, seine politischen Gegner gerne als „ewiggestrig“. Doch was er nun in der „Zeit“ von sich gibt, ist mehr als vorgestrig. Er macht in wenigen Worten den gesamten Erkenntnisprozess seiner Partei seit dem Godesberger Programm von 1957 rückgängig.  Es ist ein erschreckendes Zeugnis der radikalen Abkehr von der politischen Wirklichkeit und der Rückwendung zur kommunistischen Utopie – und dies bei völliger historischer Ignoranz.

Bei genauerem und historisch sensiblem Lesen offenbart sich Kühnert in diesem Interview als waschechter Kommunist, dem offenbar die gesamte Geschichte Osteuropas und anderer kommunistischer Regime seit 1917 unbekannt ist. Oder, was noch schlimmer wäre, gleichgültig. Wie sonst könnte er ernsthaft erwägen, „Leuten Angebote“ zu machen, „mit ihrem privaten Wohnungsbesitz in Genossenschaften reinzugehen“? Weiß er nicht von der Jahrhundertkatastrophe der Massenkollektivierung in der frühen Sowjetunion? Millionenfach brachten in den 1920er Jahren russische, ukrainische, kaukasische Bauern formal freiwillig, tatsächlich mit wachsender sowjetischer Staatsgewalt genötigt, ihren Land- und Immobilienbesitz in Kolchosen (die Silbe „Kol“ kommt von „Kollektiv“) ein. Die Folge waren millionenfacher Hungertod und die soziale Entwurzelung ganzer Völker. Wie kollektivierte Wohnquartiere wirklich aussehen, in denen Wohnungen niemandem persönlich, sondern allen (also de facto schließlich dem Staat) gehören, sollte sich Kühnert einmal von älteren Menschen berichten lassen, die vor 1990 in sozialistischen Ländern lebten.

Erschreckend frei von historischer Kenntnis ist auch Kühnerts Betonung des „demokratischen Sozialismus“ – seiner Ansicht nach ein „untrennbares Begriffspaar“. Ist ihm nicht bewusst, dass all die Verwirklicher des Sozialismus seit 1917 sich für Demokraten hielten? Allen voran die Gründer und Beherrscher der „Deutschen Demokratischen Republik“?

Kühnert offenbart sich hier nicht nur als wirklichkeitsferner utopischer Phantast. Er verhöhnt letztlich – von seinen Interviewern offenbar unbemerkt – auch die Millionen Opfer von Kollektivierung und „demokratischem Sozialismus“. Der unvollendete Politologie-Student Kühnert ist wohl ein besonders eklatantes Beispiel dafür, dass die Geschichte der totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts offensichtlich nicht ausreichend öffentlich aufgearbeitet wurde.   

Was ebenfalls schwer wiegt: Kühnert leistet all jenen innerhalb und außerhalb seiner Partei einen Bärendienst, die ernsthaft, also wirklichkeits- und geschichtsbewusst, die Interessen der abhängig beschäftigten, wenig besitzenden und wenig verdienenden Bürger vertreten. Nicht staatliche Eingriffe in die Besitzverhältnisse, sondern die Besteuerung ist der wirksame Hebel demokratischer Sozialpolitik. Weniger Steuerbelastung für Gering- und Durchschnittsverdiener! Das wäre eine zeitgemäße Forderung von Politikern, die dem Auseinanderklaffen der Gesellschaft und der Vermachtungstendenz in der Wirtschaft (und an ihren Verbindungstellen zum expandierenden Staat) etwas entgegensetzen und die Basis der Gesellschaft stärken wollen.

Die Beschäftigten von BMW zum Beispiel, denen Kühnert einen „staatlichen“ oder „genossenschaftlichen Automobilbetrieb“ anstelle eines „kapitalistischen Eigentümers“ in Aussicht stellt, in dem die „Verteilung der Profite … demokratisch kontrolliert“ wird (falls es dann überhaupt noch welche gibt), wären mit Sicherheit sehr viel besser dran, wenn der Staat ihnen einen größeren Teil des Lohnes überließe. Dann hätten sie schließlich mehr Möglichkeiten, freiwillig und ganz ohne Bevormundung durch irgendein Kollektiv zu Teilhabern zu werden – indem sie Aktien von existierenden Unternehmen kaufen oder selbst eins gründen.

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