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Künstliche Intelligenz Der Digital-Gipfel setzt falsche Prioritäten

Künstliche Intelligenz: Digital-Gipfel setzt falsche Prioritäten Quelle: imago

Die zwölfte Ausgabe des Digital-Gipfels steht unter dem Motto „Künstliche Intelligenz – ein Schlüssel für Wachstum und Wohlstand“. Den brisantesten KI-Aspekt behandelt der Gipfel der Bundesregierung aber geradezu sträflich nachlässig.

Wenn die Bundesregierung heute und morgen nach Nürnberg zum jährlichen Digital-Gipfel lädt, geht es vor allem um eine Frage: Wie wird Künstliche Intelligenz (KI) Wirtschaft und Gesellschaft verändern? Zurecht, kaum ein Digitaltrend wird in den kommenden Jahren tiefer in unseren persönlichen oder beruflichen Alltag hinein wirken.

Insofern will ich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nicht vorwerfen, dass er als formaler Gastgeber des Gipfels das falsche Thema gewählt hätte. Nur hat er nicht die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Denn in dem immerhin 20 Seiten starken Programm der Veranstaltung findet sich nur an einer einzigen Stelle das Stichwort Cyber-Sicherheit. Die zugehörige Diskussionsrunde ist zudem die letzte am Nachmittag, wenn es die Gäste längst zum Buffet zieht.

Dabei ist die Frage, wie selbstlernende Algorithmen die Bedrohungslage im vernetzten Alltag verändern, von enormer Dringlichkeit.

Noch setzt die Cyber-Abwehr vor allem auf zwei Strategien. Entweder versuchen die Sicherheitsprogramme, Viren und Würmer anhand verräterischer Code-Bausteine zu identifizieren. Oder Firewalls und Netzwerkschutz erkennen typische Angriffsmuster, wenn Hacker versuchen zuzuschlagen - und stoppen sie im besten Fall. Was aber, wenn künftige Software-Schädlinge selbst künstliche Intelligenz besitzen? Wenn sie erkennen, wie die Abwehr arbeitet, wenn sie in der Lage sind, sich und ihre Angriffsstrategien anzupassen? Wenn sie, wie Bakterien und biologische Viren, durch kontinuierliche Mutationen gegen Medikamente immun werden?

Noch ist das ein primär theoretisches Problem. Aber das ändert sich gerade. Im August präsentierten IT-Sicherheitsforscher der IBM mit „DeepLocker“ den ersten Prototypen eines KI-gestählten Cyber-Schädlings. Der verbirgt seine Waffen in einer unverdächtigen Videokonferenz-Software und ist in der Lage, sich mithilfe lernender Algorithmen immer wieder neu zu tarnen. Mehr noch, das Programm wird erst dann aktiv, wenn es beim Blick durch die Web-Cam des befallenen Computers den voreingestellten Adressaten des Angriffs erkennt. Auch bei der Bildanalyse setzt Deep-Locker auf KI.

Im Alltag ist noch kein vergleichbar elaboriertes Schadprogramm aufgetaucht. Zu anspruchsvoll ist es derzeit noch, solche Angriffe zu programmieren. Aber das nötige Know-how gibt es in den Arsenalen staatlicher Hacker längst. Und auch in den Werkzeugkästen gemeiner Cyber-Krimineller wird KI-Code demnächst auftauchen, davon bin ich überzeugt. Und das in einer Zeit, da deutsche Unternehmen noch immer vielfach große Defizite beim Schutz ihrer Daten und Rechnersysteme haben, da immer mehr Firmen mit digitaler Wirtschaftsspionage oder Erpressungsprogrammen konfrontiert sind.

Höchste Zeit also, sich mit der nächsten Generation digitaler Bedrohungen zu befassen. Nicht bloß beim Digital-Gipfel der Bundesregierung, sondern auch in den Chefetagen deutscher Unternehmen. Und ganz sicher nicht als letzter Themenhappen kurz vor dem Buffet.

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