Künstliche Intelligenz Der neue Hype im politischen Berlin

Künstliche Intelligenz: Deutschland soll zum Vorreiter werden Quelle: dpa

Die Koalition will Deutschland zum Vorreiter beim Thema künstliche Intelligenz machen. Aber Anspruch und Wirklichkeit passen nicht zusammen.

Auf so viel Wertschätzung wartet so manch ein Minister eine ganze Amtszeit lang. Als Angela Merkel ihre traditionelle Rede zur Eröffnung der Hannover-Messe hielt, erwähnte sie keinen Mann so häufig wie diesen: Wolfgang Wahlster. Den eigens angereisten Präsidenten des Messepartnerlandes Mexiko begrüßte die Kanzlerin herzlich, aber nüchtern. Beim Informatiker Wahlster hingegen geriet die Physikerin Merkel geradezu ins Schwärmen. Ganze drei Mal sprach die Regierungschefin den Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in ihrer Rede direkt an. Sie wolle ihm hier „ganz herzlich danke sagen“ für seine Arbeit.
Die Merkel’sche Ehrerbietung ist typisch für die Erregung, die das Regierungsviertel und die ganze große Koalition erfasst hat. Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist das neue heiße Ding in Berlin. Wer vor einigen Jahren noch von der Elektromobilität schwärmte oder die Industrie 4.0 vorantreiben wollte, doziert nun über lernende Maschinen und autonome Systeme. Im Koalitionsvertrag kommt KI ganze elf Mal vor. „Wir wollen“, heißt es da zum Beispiel, „Deutschland zu einem weltweit führenden Standort bei der Erforschung von künstlicher Intelligenz machen.“ Bekenntnisse zum „Sozialstaat“ schafften es dagegen nur magere viermal ins Papier.
Der Forscher Wahlster lobt denn auch höflich in Richtung der Politik zurück: Die Offensive sei richtig. „Künstliche Intelligenz ist ein Innovationstreiber – gerade für den Industriestandort Deutschland.“ Die Bundesrepublik müsse sich nicht vor der internationalen Konkurrenz verstecken. Aber: „Mehr Förderung würde unsere Position nachhaltig stärken.“
Aus der Wirtschaft bekommt er Unterstützung. All die angekündigten GroKo-Vorhaben – darunter ein „Masterplan“ für KI oder ein deutsch-französisches Forschungszentrums – dürften „kein politisches Lippenbekenntnis bleiben, um den Koalitionsvertrag aufzuhübschen“, sagt Iris Plöger, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung: „Bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz muss Deutschland den Turbo einlegen.“ Den Turbo? Bis zum Herbst soll es den Masterplan der Bundesregierung zwar geben. Doch was darin stehen soll, ist bislang nicht zu erkennen. Die föderale verstreute deutsche Forschungslandschaft mit dem DFKI, den Universitäten, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten dürfte sich ohnehin kaum mit dem zentralistischen Aplomb vertragen, den Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim selben Thema an den Tag legt. Das ist das eine. Das andere sind Planungswirren: Als jüngst ein geplantes Spitzentreffen aller beteiligte Ressorts am 18. Mai öffentlich wurde, wussten manche der beteiligten Ministerien davon nichts.

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Und dann wäre da noch: das liebe Geld. Zuletzt hatte die Bundesregierung rund 60 Millionen Euro pro Jahr in die KI-Forschung investiert. 2018 sollen es gemäß dem ersten schwarz-roten Haushaltsentwurf rund 151 Millionen sein – wenn man sehr großzügig rechnet. Der Rhetorik-Offensive folgt also noch keine finanzielle. Fragt man international renommierte Forscher wie Wahlster, dann wäre es mit Geld allein ohnehin nicht getan. Es hapert zuerst an den Strukturen, um künftig in dem weltweiten Konkurrenzkampf um die besten Informatiker zu bestehen. Die Bundesrepublik sei aufgrund vielfältiger Beschränkungen im Vergleich mit Ländern wie China „mittlerweile ein Forschungs-Billiglohnland“, warnt der DFKI-Chef. Dort verdienten Spitzenkräfte das Doppelte.


Die Fachleute im Bundestag treibt noch etwas anderes um. Ja, der Anspruch der Spitzenstellung müsse sich „auch im Haushalt noch deutlich stärker ausdrücken“, mahnt der forschungspolitische Sprecher der Union, Albert Rupprecht. Doch vor allem dürften sich Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Rupprecht hat mit angesehen, wie das in Deutschland entwickelte MP3-Format den digitalen Siegeszug der Musik einläutete. Dieses große Geschäft machten dann aber andere.

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