Länderspiel-Absage wegen Terror-Gefahr Herr Innenminister, wir verkraften die Wahrheit!

Ein Länderspiel wird aus Sicherheitsgründen abgesagt und der Innenminister schweigt zu den Gründen. Wenn sich die Bevölkerung an die Terrorbedrohung im Alltag gewöhnen soll, braucht es aber vor allem eins: Die Wahrheit. Ein Kommentar.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Quelle: dpa

Am 17. November 2015 hat der Terror einen Sieg gegen unsere freie Gesellschaft errungen. Das Freundschaftsspiel zwischen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und der niederländischen Auswahl wäre kein normales Aufeinandertreffen geworden. Es sollte ein Symbol gegen den Terror sein.

Die Spieler der deutschen Elf wollten zunächst nicht antreten, auch Bundestrainer Jogi Löw hatte seine Zweifel. Wer konnte ihnen das nur wenige Tage nach den Anschlägen von Paris verübeln. Auch sie waren ein Anschlagsziel im Pariser Stadion. In Hannover wollten sie dennoch spielen. Sie wollten dem Land und Europa zeigen, dass sich eine offene Gesellschaft, wie die unsere, nicht einschüchtern lässt.

Das bedeuten die Anschläge in Paris für Deutschland

Zu dieser beispielhaften Demonstration von persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit ist es nicht gekommen. Das Länderspiel wurde kurz vor Beginn abgesagt – „aus Gründen des Schutzes der Bevölkerung“, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière noch am gleichen Abend in Hannover erklärte – „bittere Gründe“. „Die Hinweise auf die Gefährdung des heutigen Fußballspiels haben sich im Laufe des Abends so verdichtet, dass wir nach Abwägung dringend empfohlen haben, dieses Länderspiel abzusagen.“

Der Innenminister war am gestrigen Abend ein ruhiger Mann. Er hat sachlich argumentiert, unaufgeregt. Die Bundesregierung wollte unbedingt, dass dieses Spiel stattfindet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und einige ihrer Bundesminister hatten sich angekündigt. De Maizière hat sich die Absage also garantiert nicht leicht gemacht. Dass er zu dem Schluss kam, es sei zu gefährlich, müssen wir respektieren. So abgedroschen, wie dieser Satz auch klingen mag – er bleibt richtig: Im Zweifel für die Sicherheit.

"Frankreich hat zur Expansion des Terrorismus beigetragen"
Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras hat die Terroranschläge von Paris als „Barbarei“ verurteilt. „Wir vereinigen alle unsere Kräfte und stärken die Solidarität mit dem französischen Volk“, sagte Tsipras am Samstag in einer Fernsehansprache an das griechische Volk. „Es ist unser aller Pflicht, die Werte des Humanismus und der Freiheit zu beschützen.“ Europa werde „ein Land der Freiheit und der Demokratie bleiben“, fügte Tsipras hinzu. Quelle: AP
Der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat den Westen für die Ausbreitung des Terrors mitverantwortlich gemacht. Die Terrorangriffe seien untrennbar damit verbunden, was seit fünf Jahren in Syrien passiere, sagte Assad der amtlichen Nachrichtenagentur SANA zufolge am Samstag bei einem Treffen mit einer Delegation französischer Politiker und Medienvertreter. „Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs (...) haben zur Expansion des Terrorismus beigetragen“, sagte Assad. Quelle: AP
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: AP
Bundespräsident Joachim Gauck sagte, die Trauer macht am Rhein nicht halt. „Aus unserem Zorn über die Mörder müssen Entschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft werden. Auch dabei stehen wir an der Seite der Franzosen.“ Er betonte: „Die Terroristen werden nicht das letzte Wort haben.“ Quelle: dpa
Nach den Anschlägen in Paris hat der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy dem Terrorismus den Kampf angesagt. „Sie können uns Schaden zufügen, sie werden uns aber nicht besiegen“, sagte der konservative Regierungschef in einer Rede in Madrid. Mit fester Stimme fügte Rajoy im Regierungspalast Moncloa an: „Heute sind wir alle Frankreich!“  Quelle: dpa
Frankreichs Präsident Francois Hollande Quelle: AP
US-Präsident Barack Obama Quelle: REUTERS

Für die Sicherheit heißt aber nicht für blindes Vertrauen. „Ich bitte die deutsche Öffentlichkeit um einen Vertrauensvorschuss“, sagte de Maizière bei der Pressekonferenz. Auf die genauen Hintergründe der Absage wollte er nicht eingehen. „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“, sagte de Maizière. Ein verheerender Satz. Nichts beunruhigt mehr als zu wissen, dass es offenkundig eine reale Gefahr gegeben hat, die nun aus ermittlungstaktischen Gründen verschwiegen wird.

Dass der Innenminister seine Quellen nicht preisgeben kann und mag, ist nachvollziehbar. Das Problem ist nur: Die Informationen sickern ohnehin aus den Sicherheitskreisen durch. Medienberichten zufolge soll der französische Geheimdienst vor einem Bombenangriff gewarnt haben. Am Abend wurden um das Stadion herum Transporter durchsucht. Das erzählte ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein am Abend live im Fernsehen. Auch der Übertragungswagen des TV-Senders wurde untersucht.

Dass wir die Wahrheit, was gestern Abend in Hannover passiert ist und was zur Absage des Spiels geführt hat, nur in Fragmenten erfahren, fördert die Unsicherheit. In den sozialen Netzwerken brechen sich die wildesten Verschwörungstheorien längst ihre Bahn. So richtig es war, dass der Bundesinnenminister das Spiel abgesagt hat – so falsch war seine Entscheidung, dass die Bevölkerung die Wahrheit nicht erfahren soll – womöglich, weil sie sie nicht verträgt.

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Eine Lehre aus Paris ist: Der Terror ist in unserem Alltag gegenwärtig, nicht nur im Nahen Osten oder in den Vereinigten Staaten, sondern hier in Europa. Den Terroristen geht es darum, möglichst viele Menschen zu töten und Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Bevölkerung muss nun lernen, mit dem Terror in ihrem Leben umzugehen. Und womöglich werden wir noch häufiger erleben, dass Fußballspiele oder andere Großveranstaltungen abgesagt werden. Wir müssen darauf vertrauen, dass Polizei und Sicherheitsbehörden in unserem besten Sinne handeln, um Tote zu verhindern.

Wir müssen aber nicht auf ihr Allwissen vertrauen und dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen. Wer wollte mit welchen Mitteln einen Anschlag auf das Fußballspiel in Hannover verüben? Auf diese Frage verdienen wir eine Antwort. Wenn der Terror am gestrigen Abend schon gewinnen musste, sollten wir zumindest erfahren, weshalb das nötig war. Die Deutschen und Europäer vertragen diese Wahrheit.

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