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Landlust statt Landflucht Die Kleinstadt wird wieder geliebt

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Urbanität ist auch auf dem Land gefragt

Doch die Experten warnen die Kleinstädte davor, sich auf ihrer neuen Attraktivität auszuruhen. Noch ist das Gespenst der Neunziger nicht gebannt. „Die jetzige kleine Suburbanisierung, die die Kleinstädte für sich nutzen, wird nicht immer so weitergehen“, warnt Winkler-Kühlken. Sie sieht Bürger, Unternehmen und die Politik in den Kleinstädten in der Pflicht, gemeinsam Projekte anzustoßen, die die Ortschaften dauerhaft attraktiv und lebenswert machen.

An Anreizen wie Arbeitsplätzen mangelt es den Experten zufolge meist nicht. Qualifizierte Jobs gibt es durchaus auch in den ländlichen Regionen. Viele Kleinstädte haben sogar eine große Zahl von Einpendlern – alles potenzielle Neubürger, wie Dehne betont. Die Herausforderungen sind andere – etwa der demografische Wandel und der Wunsch der Bürger nach städtischen Lebensbedingungen auch auf dem Land. „Viele suchen Städte, in denen trotz allem eher eine gewisse Urbanität gegeben ist.“

Konkret bedeutet das vor allem eine gute Nahversorgung durch Supermärkte, Ärzte und Ähnliches. Seien es Bio-Laden, Cocktailbar, Bäcker oder die Kneipe, in der man sich trifft. Hinzu kommen Kitas und Schulen, sowie kulturelle Angebote „Das sind sicher ganz entscheidende Punkte, um als Kleinstadt spannender zu sein“, sagt Dehne. Auch das Stichwort Breitbandausbau fällt immer wieder, wenn es um Mankos des Kleinstadtlebens geht. Längst nicht alle Kleinstädte verfügen ein gutes Handynetz oder Glasfaser für den schnellen Internetanschluss zuhause.

Wer es hingegen schafft, für Neubürger attraktiver zu werden, setzt eine Bewegung in Kraft, die die ganze Stadt fördert – da herrscht Einigkeit bei den Stadtentwicklungsforschern. Mehr Einwohner, mehr Geld, mehr Engagement – all das kann mehr Lebensqualität für alle bringen. So könnten auch die Städte Neubürger anlocken, die bislang nicht von der Stadtflucht profitierten.

Dazu ist aber Hilfe von Nöten. Deshalb appellieren sie auch für mehr (politische) Unterstützung. Winkler-Kühlken fordert deshalb: „Es müsste so etwas wie eine Kleinstadt-Agentur oder Kleinstadt-Lotsen geben.“ Die Best-Practice-Ansätze, die Kleinstädte über die ganze Bundesrepublik verteilt entwickelt haben, könnten in so einer Organisation gesammelt, gebündelt und verbreitet werden. Kurz gesagt: ein Austauschprogramm für Deutschlands Kleinstädte.

Für Dehne mangelt es vor allem an Förderprogrammen, die konkret auf die Bedürfnisse kleiner Städte zugeschnitten sind. Programme gebe es zwar, die seien aber häufig zu kompliziert für kleinstädtische Verwaltung. Den Antrag korrekt zu stellen und alle Auflagen zu erfüllen sei häufig schon eine unüberwindbare Hürde. Würden in den Förderprogrammen die begrenzten Möglichkeiten der Kleinstädte bedacht, wäre der Zugang für die Gemeinden einfacher.

Die Liebe zur Kleinstadt lebt – und wächst sogar. Ein guter Grund, sich für die Tausenden Kleinstädte im Land einzusetzen, damit sie die Wünsche und Hoffnungen der (potenziellen) Neubürger auch erfüllen können. Wenn das gelingt, wird die Kleinstadt nicht den Tod sterben, der ihr in den Neunzigern vorhergesagt wurde.

Darum wird Wohnen in Kleinstädten teurer

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