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Landtagswahl am Sonntag Die SPD hat in Hessen eine echte Chance

Thorsten Schäfer-Gümbel könnte bei der hart umkämpften Wahl die SPD vom Ypsilanti-Makel befreien. Wenn er Kurs hält.

Der Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl in Hessen 2013, Thorsten Schäfer-Gümbel Quelle: dpa

Noch ist das ein Auflauf wie aus dem sozialdemokratischen Wahlkampf-Lehrbuch. Thorsten Schäfer-Gümbel hechtet aus dem Tourbus in den Nieselregen, kurze Absprache mit einem Betriebsrat, dann ab durch die trillerpfeifende Menge, schnell noch den Gewerkschaftssticker ans Revers geheftet und ran ans Mikro. Der SPD-Spitzenkandidat blickt in viele Dutzend grimmige Gesichter unter roten IG-Metall-Kappen und weiß, was zu tun ist.

Der Autozulieferer Continental hat Schäfer-Gümbel kein Gespräch auf dem Betriebsgelände in Karben angeboten, aber er wirkt nicht wirklich unglücklich darüber, dass er hier nun vor statt hinter dem Werkstor steht. Belegschaft und Arbeitgeber streiten heftig, die Drohung einer Standortverlagerung ins Ausland liegt in der Luft. "Gute Arbeit muss gut entlohnt werden", ruft er in die Menge. "Und ihr leistet gute Arbeit!" Applaus. "Druck", "Auslagerung", damit müsse es vorbei sein! Noch mehr Beifall.

Schäfer-Gümbel muss die Linke hinter sich lassen

Als der Kandidat fertig ist, tritt der Betriebsrat wieder ans Mikro und bedankt sich mit einer Metaller-Kappe für die Unterstützung. Schäfer-Gümbel könnte jetzt ein zufriedenes Häkchen an diesen Termin machen. Wäre da nicht der Betriebsrat. Es seien ja noch andere Politiker hier, ruft er, mit denen solle Schäfer-Gümbel bitte endlich mal reden. Dieser andere ist Willi van Ooyen, leider von der Linkspartei. Da muss er sich beherrschen, das Gesicht nicht allzu sehr zu verziehen.

Seitdem Andrea Ypsilanti in Wiesbaden vor gut fünf Jahren mit ihrem rot-rot-grünen Griff nach der Macht scheiterte, versucht ihr Nachfolger unablässig, diesen verstörenden Wortbruch vergessen zu machen. Zuerst haben ihn alle unterschätzt, in der eigenen Partei, vor allem jedoch beim politischen Gegner. Aber der Gießener hat aus einem zerstrittenen Haufen Genossen eine Truppe geformt, die am 22. September gute Chancen hat, den amtierenden Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) abzulösen.

Nur eines muss Schäfer-Gümbel jetzt ein für alle Mal hinter sich lassen: diese Linke.

CDU gewinnt mit Kuschel-Kurs die Wähler

Die wichtigsten Fakten zur Landtagswahl in Hessen

"Die Linkspartei will die Schuldenbremse und den Verfassungsschutz abschaffen", sagt er. "Wie soll ich da regieren?" Und doch weiß er ganz genau, dass CDU und FDP in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl gnadenlos seine Glaubwürdigkeit unter Beschuss nehmen werden. Einen Vorgeschmack auf die neue Schärfe gab CDU-Fraktionschef Christean Wagner: Die SPD mache "zum Schluss doch mit der Linkspartei gemeinsame Sache", warnte er. "Es ist ein Wahlbetrug mit Ansage."

Dabei fährt die zutiefst konservative Hessen-CDU mit dem väterlich inszenierten Bouffier bislang in erster Linie eine kuschelige Sorge-dich-nicht-Kampagne und verweist auf die respektable Wirtschaftslage. Ein sehr erfolgreicher Kurs: Die CDU kletterte seit dem Winter in den Umfragen von 32 auf 38 Prozent. Der einst dicke Vorsprung von Rot-Grün ist komplett dahin.

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