Langsames Internet Ist dieser Mann an allem schuld?

Der Herr der Netze: Bundespostminister a.D. Christian Schwarz-Schilling Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Bereits unter Bundeskanzler Helmut Kohl nahm das deutsche Glasfaserdesaster seinen Lauf. Ein Hausbesuch beim damals zuständigen Postminister Christian Schwarz-Schilling.

Christian Schwarz-Schilling ist ein lebendes Geschichtsbuch. Wenn der ehemalige Bundespostminister, inzwischen 87 Jahre alt, bei Kaffee und Streuselkuchen aus seiner Zeit im Bonner Kabinett vor 35 Jahren erzählt, fühlt man sich in eine ganz andere Zeit versetzt. Eine Stunde wollte sich der CDU-Politiker nehmen, um in seiner Villa im hessischen Büdingen über die politischen Weichenstellungen nach dem Regierungswechsel im Oktober 1982 zu sprechen. Am Ende werden daraus drei. Von 1982 bis 1992 prägte er mit der Einführung des privaten Kabelfernsehens und dem Fall des Postmonopols das wirtschaftspolitische Profil der Regierung. All die Details seiner Amtszeit aus dem Langzeitgedächtnis hervorzuholen, das braucht einfach Zeit.

Eigentlich dachte Schwarz-Schilling, er kenne alle Winkelzüge aus den Kontroversen von damals. Doch die Exklusivgeschichte der WirtschaftsWoche, dass die CDU-geführte Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl die Verantwortung für das Glasfaserdesaster in Deutschland trägt, hat ihn völlig überrascht. Am 8. April 1981 hatte das Bundeskabinett noch unter der Leitung des Vorgängers Helmut Schmidt als erste Regierung weltweit beschlossen, flächendeckend in Deutschland ab 1985 Glasfasernetze zu bauen.

Bis zum Jahr 2015 – über einen Zeitraum von insgesamt 30 Jahren also – sollte jedes Haus eine superschnelle Glasfaserleitung bekommen. So steht es in den Kabinettsprotokollen, die jahrelang unentdeckt im Bundesarchiv schlummerten. Die Botschaft der Akten: Hätte Kohl die Pläne später nicht gestoppt, Deutschland würde heute über das dichteste Glasfasernetz der Welt verfügen und wäre bestens auf die digitale Zukunft vorbereitet.

Nur: Ausgerechnet der Mann, der als langjähriger Postminister den Beschluss kennen müsste, hat erst durch die Lektüre der WirtschaftsWoche davon erfahren. „Ich muss ehrlich zugeben: Diesen Kabinettsbeschluss der Regierung Schmidt kannte ich bisher nicht“, sagt Schwarz-Schilling. Er rätselt selber, woran das liegen könnte. Aber klar ist: Als er im Oktober 1982 an die Spitze des Postministeriums rückte, sei auf keinen Fall darüber gesprochen worden. „An der Umsetzung des Beschlusses hat im Ministerium keiner gearbeitet. Deshalb musste ich auch nichts rückgängig machen“, sagt Schwarz-Schilling. „Der Kabinettsbeschluss spielte im Ministerium überhaupt keine Rolle.“

Privatfernsehen vor Glasfaser

Der bahnbrechende Beschluss der Regierung Schmidt – einfach in Vergessenheit geraten? Wenn dem so wäre, dann hätte die Bundesrepublik ihre digitale Rückständigkeit einer exekutiven Schusseligkeit zu verdanken.

Nachdenklich sitzt Schwarz-Schilling auf seiner dunkelblauen Couch. Dass Deutschland so rückständig beim Bau vom Glasfasernetzen ist, beschäftigt auch den Vater des Wettbewerbs auf dem Telekommunikations- und Fernsehmarkt. Längst nicht alles sei optimal gelaufen. Selbstkritisch sieht er vor allem den Mangel an Leerrohren, die heute so dringend für den schnellen Glasfaserausbau benötigt werden. Denn die hätte die Bundespost in den Achtzigerjahren gleich mitverlegen können. „Ich bin damals auch nicht auf die Idee gekommen, systematisch Leerrohre für Glasfaser zu verlegen“, sagt Schwarz-Schilling. „Langfristig wäre das sehr wichtig gewesen.“

Doch welche Rolle spielte die Glasfaser damals in der politischen Debatte? Schwarz-Schilling gewährt einen Blick in sein riesiges persönliches Archiv. Aufsätze, Reden und Sonderdrucke, aber auch interne Schreiben aus seiner Zeit hat der Expostminister aus den Regalen genommen. Jetzt stapeln sie sich auf dem Schreib- und Konferenztisch.

Die historischen Dokumente zeigen: Wenn sich jemand für die Glasfaser stark machte, dann kam er meist aus dem Lager der SPD. Die ersten Ideen entstanden bereits vor mehr als 40 Jahren in der von Kanzler Willy Brandt eingesetzten und von seinem Nachfolger Schmidt weitergeführten „Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems“ (KtK). Die KtK bestand aus Wissenschaftlern und Politikern und beschäftigte sich damals schon intensiv mit der Frage, ob Glasfaser oder TV-Kabel die bessere Übertragungstechnik für neue Dienste wie Bildtelefonie oder Privatfernsehen liefern. Der Abschlussbericht, veröffentlicht im Januar 1976 in neun dicken Bänden, unter anderem unterzeichnet vom damals noch sehr jungen SPD-Politiker Oskar Lafontaine, sah in der Weiterentwicklung des Fernsprechnetzes die wirtschaftlich vernünftigere Option im Vergleich zu einem separat zu bauenden Kabel-TV-Netz.

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