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Lars Feld Wirtschaftsweiser: "Steuern senken ist notwendig"

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Das vorgeschlagene Maßnahmenpaket umfasst auch eine harmonisierte Steuer- und Lohnpolitik. Was ist daran so falsch?

Wir sollten sowohl den Steuerwettbewerb aufrechterhalten als auch unsere lohnpolitische Autonomie. Eine Absprache über Lohnpolitik wäre ein Einfallstor für immer weiter gehende Einflussnahmen. Dann kommt womöglich als Nächstes der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn. Das große Problem: Einmal getroffene Regeln lassen sich in einem solchen Koordinierungssystem nur noch ändern, wenn die anderen Länder zustimmen. Stellen Sie sich vor, der deutschen Wirtschaft geht es schlecht, die Politik will Reformen durchsetzen – und muss in Paris um Erlaubnis fragen! Das wäre vermutlich das Ende marktwirtschaftlicher Reformpolitik. Andere Staaten hätten plötzlich ein Instrument, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands kontinuierlich zu schwächen.

Wie sollte der ab 2013 vorgesehene permanente EU-Rettungsschirm konstruiert sein?

Er darf nicht dazu missbraucht werden, die Solvenzprobleme einzelner Staaten zu lösen. Er sollte stattdessen nur kurzfristige Liquiditätshilfen gewähren – etwa, um Löhne und Gehälter weiter zahlen zu können. In jedem Fall muss es zu einer Umschuldung der Staaten kommen, die den Hilfsfonds in Anspruch nehmen.

Gilt das auch für Staaten wie Griechenland, die schon jetzt Milliardenhilfen erhalten?

Die Griechen werden immense Probleme haben, ihre Sanierungsziele zu erreichen. Je nach Szenario überschreitet das Land bereits 2013 mit seiner Schuldenquote die Grenze von 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dann gehen acht bis neun Prozent des BIPs für den Zinsendienst drauf, und dieses Geld fließt auch noch überwiegend ins Ausland. Gleichzeitig muss die Regierung sparen und Sozialausgaben kürzen. Griechenland ist ein politisches Pulverfass. Wenn es den großen Knall vermeiden will, führt an einer Umschuldung kein Weg vorbei.

Die staatlichen Gläubiger Griechenlands wollen die Laufzeiten ihrer Kredite verlängern...

...aber das reicht nicht aus. Auch die privaten Gläubiger, also die Banken, sollten die Rückzahlungsfristen verlängern.

Eine Frage an den Universitätsprofessor Lars Feld: In der Volkswirtschaftslehre tobt ein Methodenstreit zwischen Ordnungspolitikern und Vertretern einer formal-theoretischen Ökonomik. Wo stehen Sie?

Dazwischen. Ich habe mich keiner der beiden Gruppen angeschlossen. Denn wir brauchen beides – die empirische Analyse und theoretische Forschung ebenso wie ein ordnungspolitisches Grundgerüst mit einem fundierten Wissen über die wirtschaftlichen und rechtlichen Institutionen.

Wächst an den Universitäten nicht vielmehr eine Ökonomengeneration heran, die virtuos mathematische Regressionsanalysen durchführt – aber nicht weiß, was ein Zentralbankrat tut?

Das will ich nicht hoffen. Ich glaube auch nicht, dass wir die Volkswirtschaftslehre zu stark mathematisiert haben. Die Mathematik zwingt uns, exakter zu argumentieren. Sie schafft eine gesunde Distanz zu ökonomischen Vorurteilen.

In welchen Bereichen der Volkswirtschaftslehre spielt künftig die Musik?

Die experimentelle Ökonomik, die zuletzt einen großen Aufschwung erlebt hat, wächst weiter, dürfte aber ihren revolutionären Impuls verlieren. Derzeit nehmen Feldexperimente zu, die Ökonomen verlassen die Labors und spielen Detektiv, wenn Sie so wollen. In Indonesien zum Beispiel sind Wissenschaftler mit Lastwagenfahrern durchs Land gereist, um herauszufinden, wie viel diese an Bestechungsgeldern zahlen. Ganz sicher wird es zudem eine Renaissance der Makroökonomie geben – und zwar eine, die die Finanzmärkte in ihre Modelle besser integriert. 

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