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Lehrermangel Neue Lehrkräfte braucht das Land!

Wie beheben wir den Lehrermangel? Quelle: dpa

Der Bundesrepublik fehlen Tausende Lehrer. Die Art und Weise, wie motivierten Quer- und Seiteneinsteigern Hürden in den Weg gestellt werden, ist kläglich. Plädoyer für ein Entfesselungsprogramm an deutschen Schulen. Ein Gastbeitrag.

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Thomas Sattelberger ist FDP-Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Dax-Vorstand. Ulf Matysiak ist geschäftsführender Gesellschafter von Teach First Deutschland.

Die Pandemie offenbart die Krise des Bildungssystems. Derzeit dreht sich die öffentliche Debatte um ein Aufhol-Schuljahr für die Generation Corona. Doch auch ohne Pandemiechaos steuert Deutschland seit Langem sehenden Auges auf einen erheblichen Lehrkräftemangel zu. In einer Studie für die Telekom-Stiftung etwa zeigt Klaus Klemm auf: Im Schuljahr 2030/31 werden allein in Nordrhein-Westfalen zwei Drittel der benötigten MINT-Lehrkräfte fehlen. Jährlich mehr als 1100 Stellen lassen sich bis dahin nicht mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften besetzen.

Dieser Trend gilt genauso für Gesamtdeutschland und erst recht für zwei neuralgische Punkte: die Grundschule und die Berufsschule. Den Kürzeren ziehen dabei ausgerechnet jene jungen Menschen, die ohnehin schon Benachteiligungen im Bildungssystem erfahren.

Wie beheben wir den Lehrermangel? Indem wir Akademiker anwerben für einen Seiten- oder Quereinstieg! Seiteneinsteiger absolvieren kein Referendariat, sondern eine berufsbegleitende pädagogische Zusatzausbildung. Quereinsteiger durchlaufen das Referendariat; sie haben ein zu ihrem Schulfach passendes Fach studiert, aber nicht auf Lehramt. Im Brennpunktland Berlin wurden vergangenes Schuljahr bereits 1000 Seiteneinsteiger und 800 Quereinsteiger neu eingestellt neben 1600 regulären Lehrern.



Doch starre bürokratische Verfahren machen es vielen Interessierten beinahe unmöglich, eine späte Schullaufbahn einzuschlagen. Das wohl schwerwiegendste Ausschlusskriterium: die Kultusministerkonferenz will nur Lehrkräfte mit geradlinigem Studium und zwei Fächern. Anders sei kein Stundenplan erstellbar, so die Begründung. Anders avanciert niemand in höhere Besoldungsstufen. Eine examinierte Biochemikerin darf in vielen Ländern weder als Chemie- noch als Biologielehrerin in den Schuldienst übernommen werden. Schuld ist die Interdisziplinarität ihres Fachs. Selbst wer Mathematik auf Bachelor studiert, kann nicht ohne Weiteres ins Lehramt wechseln. Die meisten müssen von vorne anfangen. So zementieren selbst Bundesländer, die mit dem Rücken zur Wand stehen, das Berufsethos ohne Rücksicht auf die Realitäten.

Lehrergewerkschaften warnen darüber hinaus vor einer Entprofessionalisierung ihres Berufs. So unbegründet solche Ängste sind: Sie führen zu einem Zwei-Klassen-System, in dem als vollwertige Lehrkraft nur anerkannt ist, wer auf Lehramt studiert hat.

Hürden allüberall. Quer- und Seiteneinsteiger werden nur zögerlich akzeptiert als minderwertige „Lückenfüller“ und nicht als Bereicherung für die Schulfamilie. Dabei sind ihre Kompetenzen mit denen von Lehramtsabsolventen durchaus vergleichbar. Eine Studie der Universität Potsdam aus dem Jahr 2020 belegt dies auf fachdidaktischer und pädagogisch-psychologischer Ebene ebenso wie für berufliches Selbstvertrauen. Laut der Studie sind Quer- und Seiteneinsteiger zudem stressresistenter als klassische Lehrkräfte.

Kompetenz lässt sich auch jenseits traditionell erworbener Abschlüsse messen. Ein Hamburger Pilotprojekt ermöglicht es Quereinstiegsinteressierten, probeweise zu unterrichten. Durch Unterrichtsbesuche wird schnell klar, wer pädagogisches Talent hat und wer nicht. Fehlendes Wissen kann man draufpacken, Sozialkompetenz nicht. Nirgendwo ist der Lehrerberuf so attraktiv wie in Finnland. Lehrer zu werden ist dort geknüpft an Persönlichkeit. Ein Nadelöhr der Rekrutierung, das in gesellschaftliche Wertschätzung mündet.

Was unser Bildungssystem jetzt braucht, ist eine echte Reform der Wege ins Lehramt:

  • mit Schulfreiheitsgesetzen der Länder. Freiheitsräume machen Schule als Arbeitsort für Talente attraktiv. Auswahl und Einstellung von Lehrkräften aller Art kann dann endlich vor allem vor Ort stattfinden
  • mit Auswahlverfahren sowie guter Eignungsdiagnostik und -beratung auf dem Feld personaler und sozialer Kompetenz für künftige Quer- und Seiteneinsteiger (später auch für potenzielle Normalstudierende)
  • mit (dualen) berufsbegleitenden Studienmöglichkeiten sowie Zertifikatskursen für Quer- und Seiteneinsteiger – online und verknüpft mit Mentoring an der Schule vor Ort. Ein Angebot auch an länger gediente Lehrer, die sich weiterqualifizieren wollen
  • mit einem kürzeren Lehramtsstudium zugunsten von Fortbildungsmaßnahmen mit Nachweispflicht. Warum ist die Lehramtsausbildung nicht von Beginn an ein duales Studium? So ließen sich akademische Inhalte und schulische Praxis von vorneherein besser verschränken und Studienabbrüche eindämmen
  • mit einer breiten Freiwilligenbewegung von Lernbegleitern: Junggraduierte genau so wie (Früh-)Pensionäre. Ein Prototyp ist die Initiative Teach First Deutschland, die über die Jahre Hunderte High Potentials für zwei Jahre als Assistenzlehrkräfte an Schulen geholt hat. Viele dieser Talente würden gerne im Lehrberuf bleiben, auch die Schulen möchten sie behalten. Leider ist das aufgrund der bürokratischen Hürden derzeit kaum möglich.

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Im Ergebnis wüchse eine große Chance: ein Multikanalsystem, das große Talente mit Leidenschaft und Veränderungswillen an die Schulen holt. Die Zukunft unserer Kinder sollte es uns wert sein.

Mehr zum Thema: Schüler kämpfen mit den Widrigkeiten des Homeschoolings und kritisieren die deutsche Lernplattform IServ. Google Classroom wäre eine Alternative. Aber der US-Konzern ist als Datenkrake verschrien.

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