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Lehrerverbandspräsident Meidinger „Handys sind für Schüler bis 15 tabu“

Quelle: imago images

Die politische Einigung garantiert nicht, dass der Digitalpakt zum Erfolg wird. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger fordert nun pädagogische Konzepte und ein konsequentes Handyverbot an Schulen.

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WirtschaftsWoche: Nach dem Kompromiss im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat wird der Digitalpakt endlich Wirklichkeit. Worauf kommt es nun aus Lehrersicht vor allem an?
Heinz-Peter Meidinger: Vor allem muss man dem Eindruck entgegentreten, dass mit der Freigabe der Mittel – fünf Milliarden Euro – schon viel erreicht sei. Die Frage ist auch, ob die Kommunen und Länder die Schulen schon über ihre Vorstellungen und Bedarfe abgefragt haben. In Bayern, wo ich selbst eine Schule leite, ist das schon passiert. Die Länderregierungen koordinieren die Verteilung der Mittel auf die Kommunen beziehungsweise andere schultragenden Verwaltungseinheiten. Die wiederum verteilen sie dann auf die einzelnen Schulen.

Was ist wichtiger: Die technische Ausstattung für die Schulen zu besorgen oder die Lehrer zu digitalen Experten fortzubilden?
Das eine kann man vom anderen gar nicht trennen. Wenn das Ganze etwas bringen soll, kommt es auf den pädagogischen Mehrwert an: Was wird an den Schulen mit den neuen Geräten gemacht? Durch die Digitalisierung wird schlechter Unterricht sicher nicht automatisch guter Unterricht. Aber vielleicht kann guter Unterricht von den zusätzlichen Möglichkeiten der Vernetzung über ein schnelles Internet profitieren. Das geht nur mit Lehrerfortbildung. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Zahl der Computer an Grundschulen eher negativ korreliert mit Lernerfolgen. Je mehr die Kinder an Grundschulen an Computern herumdaddeln, desto weniger kommt heraus. Weil es da natürlich zunächst mal um die grundlegenden Kulturtechniken – Lesen, Schreiben, Rechnen – geht. Das ist an weiterführenden Schulen natürlich anders. Grundsätzlich aber gilt, dass mit Hardware allein nichts gewonnen ist. Damit man sich in drei oder vier Jahren nicht fragt, was eigentlich durch das viele Geld gewonnen ist, kommt es jetzt auf vernünftige Medienkonzepte der Schulen an. Da geht es auch um kritische Medienerziehung.

Diese Konzepte müssen heruntergebrochen werden auf die einzelnen Fächer. Auf einer Lehrer-Tagung habe ich mal die provokante Frage gehört: Nennen Sie mir ein Lehrplanziel oder ein Stoffgebiet, wo ich nicht analog dasselbe genauso gut erreichen kann wie digital. Die anderen Anwesenden taten sich schwer mit konkreten Antworten. Ich hoffe jedenfalls, dass jetzt nicht unter den Schulen das große Rennen beginnt, sich nun schnell irgendwelche Hardware-Wünsche zu erfüllen, sondern dass nur solche Geräte angeschafft werden, die auch sinnvoll genutzt werden.

Wirtschaftsinitiativen kriegen sich nicht mehr ein vor Begeisterung über die „digitale Zukunft“ der Bildung, aber auf den Pausenhöfen sieht sie nicht so schön aus. Schon Fünftklässler spielen nicht mehr mit Bällen und Springseilen in den Pausen, sondern stecken die Köpfe über ihren Handys zusammen.
Ich sehe das auch sehr kritisch.

Zur Person

Also sollten wir auch ein Handyverbot an Schulen einführen wie in Frankreich?
Mir gefällt die französische Lösung, nämlich ein differenziertes Handyverbot, sehr gut. Das heißt: Handys sind für Schüler bis 15 tabu, außer wenn der Lehrer sie ausdrücklich im Unterricht einsetzen möchte. Aber dann bitte auch Maßnahmen einführen, die dafür sorgen, dass Handys wirklich abgeschaltet bleiben. Wir haben in Bayern auch ein Verbot, wissen aber aus Erfahrung, dass ein großer Teil der Geräte eingeschaltet bleibt, weil Schüler bloß keinen Facebook-Post oder keine Nachricht aus dem Klassen-Chat verpassen wollen. Ich bin an meiner Schule konsequent. Und ich freue mich, dass die Schüler in den Pausen Fußball und Tischtennis spielen. Neulich war ich an einer Schule in Hannover zu Gast, da liefen die Kinder in der Pause wie Zombies mit Kopfhörern im Ohr herum. Das ist für mich ein Albtraum.

Also müsste die Erziehung zu einem vernünftigen Umgang mit Smartphones eine wichtige Rolle in den Digitalkonzepten der Schulen spielen?
Unbedingt. Da gibt es großen Handlungsbedarf. Mein Eindruck ist, dass Kinder überfordert sind mit diesen Geräten. Es ist Unsinn zu glauben, dass die Erlaubnis zur Handynutzung in den Pausen irgendwas zu einer verantwortlichen Mediennutzung beitragen würde. Ganz wichtig ist die Kooperation mit den Eltern. Wir können in der Schule predigen, was wir wollen, wenn in der Familie darauf nicht geachtet wird. Auch an meiner Schule gab es Probleme mit Mobbing in Klassen-Chats, wo Eltern dann aus allen Wolken fielen, als sie erfuhren, was ihre Kinder da so posten. Viele Eltern sind da eher hilflos. Deswegen haben wir an meiner Schule auch Experten zu Vorträgen geladen, die Eltern erzählten, was da alles an Missbrauch passieren kann. Ich wünsche mir darum auf diesem Gebiet eine stärkere Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus.

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