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Leipzig Wie Leipzig sich mithilfe der UBS verzockte

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Leipziger Wasserwerke Quelle: Leipzig Tourismus und Marketing - Schmidt

Wie viele deutsche Kommunen auch hatte Leipzig im Jahr 2000 seine Klärwerke und 2003 seine Trinkwasseranlagen in Cross-Border-Leasing-Verträgen für 99 Jahre an US-Investoren verpachtet und für 30 Jahre zurückgemietet. Um das Geld für den nach Ablauf dieser Zeit fälligen Rückkauf ihrer Infrastruktur zu bunkern, kaufte die KWL Anleihen. Zur Absicherung besorgten sich die beiden KWL-Manager eine Kreditausfallversicherung von der UBS. So weit macht alles den Eindruck eines ordentlichen Geschäfts.

 Doch um die Prämie von rund acht Millionen Euro für ihre Anleihenversicherung aufzubringen, spielten die Leipziger Wasserwerker selbst Versicherer für Kreditrisiken der UBS – und kassierten so eine Prämie von rund 50 Millionen Euro. Die Versicherung, mit der die Wasserwerke – und damit letztlich die Stadt Leipzig – für den Ausfall der UBS-Risiken geradestehen und mit der sie zunächst Millionen verdienten, tauchte aber in den Büchern der KWL nicht auf. Endfällig wird sie in etwa zu dem Zeitpunkt, an dem Schirmer in Pension gehen sollte und somit zum letzten Mal mit Heininger über das Geld hätte verfügen können. Die Leipziger Taskforce prüft deshalb, ob diese Versicherungseinnahmen wirklich nur die Cross-Border-Risiken der KWL absichern sollte. Herr Schirmer legt gegenüber der WirtschaftsWoche Wert auf die Feststellung, dass ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen seinem Pensionseintritt und der Vertragsgestaltung nicht gegeben sei.

Nicht abschätzbares Risiko

Doch das Geschäft enthält Ungereimtheiten, die nicht nur den KWL-Geschäftsführern, sondern auch der Bank hätten auffallen müssen. Zur Finanzierung der Versicherungsprämie für ihre Rückkaufgelder kauften Heininger und Schirmer 2006 vier sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDOs). CDOs sind Wertpapiere, in denen Banken eine Reihe von unterschiedlichen Kreditrisiken bündeln und in Tranchen weiterverkaufen. Solche Papiere werfen zwar etwas höhere Zinsen als üblich ab, allerdings bei einem regelmäßig auch für Fachleute nicht abschätzbaren Risiko.

Bei den Papieren, in die Heininger und Schirmer investierten, handelte es sich um die riskantesten aller CDO-Klassen – künstliche Papiere, denen keine realen Forderungen gegenüberstehen. Diese CDOs basieren lediglich auf Versicherungen für kaum durchschaubare Kreditrisiken. Sie sind letzten Endes reine Spekulationspapiere, mit denen Versicherer und Versicherter gegeneinander wetten.

Casino in Las Vegas

Mit diesen Kreditversicherungen stehen die Wasserwerke nun bis maximal 2017 für insgesamt 536 Kreditrisiken gerade, darunter für US-Versicherungen und Banken, die in der Finanzkrise gelitten haben – aber auch für ein Casino in Las Vegas. Diese Kredite liegen teils bei der UBS, teils aber auch anderswo. Beim größten der vier CDOs im Nennwert von 154 Millionen Pfund Sterling ist die UBS auch Portfoliomanager. In jedem Fall aber ist die UBS in allen Fällen Versicherungsnehmer der KWL und hat somit direkt gegen sie gewettet. Im schlimmsten Fall könnten 290 Millionen Euro fällig werden, hat ein Finanzdienstleister für das Leipziger Rathaus ausgerechnet.

In den vier verschiedenen CDOs finden sich viele Kreditrisiken gleich mehrfach, 71 Werte sogar vierfach wieder. Die eigentliche Zahl der versicherten Forderungen verringert sich so auf knapp 200, was die Ausfallwahrscheinlichkeit der CDOs deutlich erhöht. Dass die KWL für ihre Kreditversicherung nur acht Millionen Euro bezahlen sollte, als Versicherer selbst aber 50 Millionen Euro verdiente, zeigt zudem, dass ihr versichertes Risiko viel geringer war als das, wofür sie selbst als Versicherer einstehen sollte – denn die Versicherungsprämien steigen mit dem Risiko. Außerdem finden sich Anleihen von Merrill Lynch, General Electric und MBIA, gegen deren Ausfall sich die KWL bei der UBS versicherte, auch in dem Portfolio, für das sie der UBS gegenüber selbst haftet – was den Versicherungsgedanken ad absurdum führt. Riskant macht das Geschäft außerdem, dass Heininger und Schirmer mit einem völlig unbesicherten CDO-Port-folio spekulierten – sie mussten nicht einmal wie sonst üblich die maximale Ausfallsumme, für die sie bürgten, als Sicherheit hinterlegen. Mit ihrer Unterschrift verwetteten sie unmittelbar die Wasserwerke.

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