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Leipziger Platz 12, „Mall of Berlin“ Die Monononotonie des Shoppens

Das Kaufhaus Wertheim war ein Tempel der Konsum-Moderne. Die Gegenwart allerdings ist das Gegenteil: ziemlich trist.

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Mall of Berlin Quelle: REUTERS

Wer noch vor drei Jahren ein Gefühl dafür bekommen wollte, was für eine unwirkliche Ödnis das geteilte Berlin sein konnte, der musste vom Brandenburger Tor nur vier, fünf Minütchen nach Süden spazieren. Am Leipziger Platz zwischen Bundesratsgebäude, Holocaust-Mahnmal und Brandmauern dehnte sich eine der größten verbliebenden Brachen der Innenstadt, sechs Fußballfelder weit nichts als Staub und Grasbüschel. Es war ein letzter Ausschnitt vom Kalten Krieg. Das war 2012.

Nun aber haben mehrere hundert Millionen Euro Kapital die alte Trostlosigkeit mit neuer Trostlosigkeit wegbetoniert. Granittapeten erheben sich nun, wohin man schaut, eine atemberaubende Monononotonie zeitgenössischer Lochkarten-Architektur.

„Mall of Berlin“ heißt dieses neueste Shoppinglabyrinth der Hauptstadt in bester Lage. Die Besucher, die ihren Blick von den Schaufenstern auf den Boden lenken, finden dort in schimmernden Messingplatten gravierte Zitate von ausgesuchter Bedeutungsschwere. Willy Brandt („Nun wächst zusammen, was zusammen gehört“), Angela Merkel, Barack Obama, sogar Albert Einstein müssen mit ihren Worten den Pathos-Überschuss liefern, den ein bisschen Shopping eben doch nicht liefern kann.

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Es handelt sich ja in der Tat um traditionsreichen Boden. Auf eben diesem Grundstück eröffnete der jüdische Kaufmann Georg Wertheim 1906 nicht einfach ein Warenhaus, das zum größten Europas werden sollte, sondern einen grandiosen Tempel der Konsum-Moderne. Die Immobilien-Investoren von heute zitieren diese Tradition, indem sie Schwarz-Weiß-Fotografien des historischen Wertheim-Haus an die freien, ebenfalls schaufenstergroßen Wände zwischen H&M, Zara oder Butlers geklatscht haben. Kein Hinweis darauf, dass hier auch erst deshalb so spät gebaut werden konnte, weil über Jahre ein Rechtsstreit mit den Wertheim-Erben schwelte.

Das ist eine solch brüllende Hilflosigkeit im Umgang mit der Geschichte dieses Ortes, dass man mit den Bauherren fast schon wieder Mitleid bekommt.

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