WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Lkw-Maut Höhere Maut bedroht Spediteure

Seite 2/2

Kampagne gegen die Maut-Erhöhung

Doch die Finanzspritze ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wie sollen die Firmen denn ausgerechnet jetzt neue Laster kaufen?“, wundert sich Hermann Grewer, Präsident des Bundesverbandes. Der Spediteur aus Gelsenkirchen weiß aus eigener Erfahrung, dass dafür das Geld fehlt. Bisher musste er für einen Vierachser der Euro-3-Klasse 13 Cent pro Kilometer zahlen, künftig sind es 20,4 Cent. Bei etwa 100.000 Mautkilometern pro Jahr sind das 7400 Euro Zusatzkosten für jedes Fahrzeug. Wer wie Grewer mehr als ein Dutzend Laster unterschiedlichen Typs auf dem Hof stehen hat, für den summiert sich der Betrag schnell auf 130.000 Euro zusätzlich. „Ein harter Brocken für einen Mittelständler wie mich“, so Grewer.

Außerdem lassen sich die älteren Lkws nicht mehr so gut verkaufen wie früher. Seit der Mauterhöhung ist der Preis für einen dreijährigen Laster der Schadstoffklasse Euro-3 um die Hälfte auf 12.000 Euro gefallen. Dieses Modell, das immerhin knapp die Hälfte des Bestandes ausmacht, soll schnellstens Maut-sparenden, modernen Lkws weichen. Ganz so plötzlich geht das aber nicht: Saubere Euro-5-Laster kosten nämlich mehr als 70.000 Euro. „Ohne den Verkauf älterer Fahrzeuge fehlt die Anschubfinanzierung“, so Grewer. Der Gesetzgeber wolle mit der Maut Anreize setzen, den Fuhrpark zu erneuern. „Doch dieser staatliche Zwang geht nach hinten los.“ Grewer hat stattdessen ein Viertel seiner Laster abgemeldet, die Schichten von zwei auf eine gekürzt und Fahrer entlassen.

Die Talfahrt der Spediteure hat auch für die Autohersteller negative Folgen. Die Neuzulassungen schwerer Nutzfahrzeuge gingen allein im ersten Quartal um fast ein Drittel zurück, die Aufträge brachen um zwei Drittel ein, schätzt der Verband der Automobilindustrie (VDA). Die Hersteller schraubten die Produktion um mehr als die Hälfte auf unter 60.000 Fahrzeuge zurück. „Das kann nicht ohne drastische Folgen für Umsatz und Beschäftigung bleiben“, warnt Verbandschef Matthias Wissmann.

Doch Entlastung ist nicht in Sicht. Selbst Oppositionsmann Horst Friedrich, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, winkt ab. „Das Thema ist durch, da passiert vor der Bundestagswahl nichts mehr – es sei denn, es gibt Randale vor Ort.“ Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) rechne mit den Maut-Einnahmen, die angestrebten fünf Milliarden Euro seien im Konjunkturpaket bereits fest eingeplant. Mit dem Geld will die Regierung Autobahnen, Schienen und Wasserstraßen bauen und den Lärmschutz verbessern lassen.

Kanzlerin mit Heiligenschein

Nun wollen die EU-Staaten mit einer Ausweitung den Speditionen den Asphalt unter den Reifen wegziehen. Transitländer wie Frankreich, Dänemark und Österreich möchten Umweltkosten anrechnen. Kommission und Europaparlament hatten vorgeschlagen, für besonders verstopfte Straßen zusätzlich eine Stau-Abgabe zu erheben. Auf einmal hat das Berliner Verkehrsministerium Bedenken. Die Spediteure können neue Belastungen nicht verkraften, verkündete Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup jüngst. Die wirtschaftliche Lage lasse das nicht zu.

Damit der Notruf von der Autobahn auch dauerhaft in der Hauptstadt wirkt, greift die Branche zu neuen Mitteln: Die Kanzlerin samt Heiligenschein prangt etwa als Anzeige in großen Boulevardblättern und überregionalen Tageszeitungen. Die Laster fahren mit den flotten Sprüchen nicht nur im Fernverkehr, sondern auch im Korso hupend mitten durchs Stadtzentrum – wie neulich in Hannover oder bei einer Kundgebung in Hamburg Mitte Mai.

Dabei wollen die Verbandschefs aber nicht ganz so dick auftragen wie ein Spediteur aus Niedersachsen, der seine Lkws mit Tiefensees Konterfei schmückte – als Pinocchio mit langer Lügen-Nase. Darunter die Frage: „Wann kommt die Abwrackprämie für diesen Genossen?“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%