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Lockdown-Exit „Familienunternehmen werden zum Schafott geführt“

Mit einem Schild mit der Aufschrift

Vor den Bund-Länder-Beratungen drängte die Wirtschaft auf Lockdown-Lockerungen. Doch obwohl es nun eine Öffnungsstrategie gibt, sind die Ergebnisse aus Sicht mittelständischer Unternehmer vor allem eines: enttäuschend.

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Bernd Bosch macht aus seinem Unmut keinen Hehl: „Das sind enttäuschende Ergebnisse“, sagt der Chef des Männermode-Spezialisten Engbers. Das Familienunternehmen aus dem nordrhein-westfälischen Gronau betreibt rund 300 Läden in Deutschland und Österreich, beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter. „Die Hinhaltepolitik der vergangenen Wochen geht weiter und es fehlt nach wie vor eine Öffnungsperspektive“, kritisiert Bosch. Tatsächlich hatten sich viele Unternehmer vor allem im Einzelhandel und der Gastronomie wohl mehr erhofft. Über eine Kurswende in der Coronapolitik war schließlich vor den Bund-Länder-Gesprächen am Mittwoch gesprochen worden.

Doch wegen der Sorge um die Ausbreitung von Virus-Mutationen und steigenden Infektionszahlen bleiben die Lockerungsperspektiven weiter eng begrenzt. Zudem ist ein geplantes Teilöffnungsmodell mit diversen Stufen und Grenzwerten äußerst komplex und dürfte bei vielen Menschen neue Fragen aufwerfen.

Generell soll der Lockdown bis zum 28. März verlängert werden. Nach der bundesweiten Öffnung etwa von Buchläden und Gartencentern ab dem 8. März sowie der Arbeitserlaubnis für Fahrschulen kann es weitere eingeschränkte Öffnungen in Regionen geben, in denen lediglich die Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner unterschritten wird. Neben Terminshopping-Angeboten im Einzelhandel können dann Museen, Galerien, Zoos, botanische Gärten und Gedenkstätten für Besucher mit Terminbuchung öffnen.

„Terminvergabe im Einzelhandel? Das ist lächerlich“, sagt Modehändler Bosch dazu. „Für einige Spezialanbieter mag die Idee vielleicht funktionieren, aber nicht für das Gros der Händler.“ So müsste man für solche Terminvergaben eigens Mitarbeiter einsetzen und fast den gesamten Kostenapparat wieder hochfahren – „für einen Bruchteil der früheren Umsätze.“ Kurzum: der Ansatz rechnet sich für die meisten Händler wohl nicht.

Anschließend sind zwar weitere Öffnungsschritte geplant, die an strikte Auflagen gebunden sind und daran, dass sich die Sieben-Tage-Inzidenzen nicht verschlechtern. Doch die möglichen Öffnungen kommen aus Handelssicht zu spät.

„Das Ostergeschäft können wir im Grunde jetzt schon abschreiben“, sagt Bosch. Selbst wenn Läden wieder öffnen sollten, fehle es an Kunden, da Innenstädte ohne die Gastronomie nicht funktionieren würden. „Was bleibt, ist die vage Hoffnung, dass es irgendwann mit den Impfungen besser läuft“, so Bosch. Ihn ärgere vor allem, dass bei der Pandemiebekämpfung „völlig unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden“. So seien Produktionsbetriebe weiter aufgeblieben, während Händler schließen mussten. „Warum soll es ausgerechnet im Modehandel eine höhere Ansteckungsgefahr geben?“, fragt der Engbers-Chef. Er ist sich sicher: „Durch den Dauerlockdown werden eigentlich kerngesunde Familienunternehmen zum Schafott geführt.“



Von „nicht belastbaren Öffnungsschritten“ und einer „Unmöglichkeit der Umsetzung“ spricht Herbert Doll, Chef der Monte Mare Unternehmensgruppe, die zu den größten privaten Betreibern von Freizeitbad-, Sauna und Wellnessanlagen in Deutschland zählt. „Unsere Branche braucht eine Vorlaufzeit von mindestens 12 bis 18 Tagen um den Betrieb wieder in Gang zu setzen“, erklärt Doll. Die Wasserbecken müssten wieder gefüllt und auf Temperatur gebracht werden, Material für die Reinigung der Anlagen beschafft werden. „All das mit der unsicheren Situation dann bei Betriebsbereitschaft durch erhöhte Inzidenzwerte wieder schließen zu müssen“, so Doll. Ein solcher Fehlstart würde jeweils Kosten zwischen 180.000 und 250.000 Euro auslösen. „Kein vernünftiger Badbetreiber wird bei solchen Unsicherheiten ein weiteres Risiko ohne klare, dauerhafte Öffnungsperspektiven eingehen können“, kritisiert Doll. „Damit droht den privat betriebenen Bädern der Kollaps.“

Und nicht nur ihnen. Insgesamt sei der Lockdown „eine Katastrophe“ für mittelständische Firmen, sagt Hans-Günther Mack, Geschäftsführender Gesellschafter der Handwerksbäckerei Mack mit 45 Filialen in Baden-Württemberg. „Natürlich habe ich von der Politik mehr erwartet“, sagt er. Auch sein Unternehmen wurde durch die Lockdowns hart getroffen. „Vor Corona haben wir 150 Paletten Brotspezialitäten an Spitzengastronomen pro Monat, geliefert – dieser Umsatz ist komplett weg“, sagt Mack. Zudem fiel sein Café-Geschäft in den Back-Filialen weg.

„Allein im letzten Jahr hatten wir Einbußen von insgesamt zwei Millionen Euro“, rechnet Mack vor. Geld das privat nachgelegt werden musste, um die Liquidität zu erhalten, sagte er und fügt hinzu: „Und wir gehören noch zu den robusteren Unternehmen.“ Die wirtschaftlichen Schäden "werden das Land nachhaltig verändern und massiv schädigen“, so Mack, der sich als Vorstandbeauftragter für Handwerk, Handel und Mittelstand beim „Senat der Wirtschaft“ engagiert, einem Zusammenschluss von gut 1000 Mitgliedsunternehmen sowie Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Eine Befragung unter den Mitgliedsunternehmen des Senats der Wirtschaft zeigt denn auch, wie angespannt die Lage bei vielen Betrieben ist. Zwar würden 60 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, die Krise aus eigener Kraft zu meistern. Zugleich sehen aber viele Mittelstandsunternehmen für das Jahr 2021 dringend weiteren Kapitalbedarf, insbesondere, um nach der Krise wieder durchstarten zu können. Doch die finanziellen Reserven sind der Studie zufolge vielerorts erschöpft. Demnach benötigen mehr als 20 Prozent der Unternehmen eine zusätzliche Finanzierung mit Eigenkapitalmitteln zur Überwindung der Coronakrise.

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Kein Wunder: Im Zuge der beiden Lockdown-Phasen hat ein nennenswerter Teil der befragten Betriebe bereits zusätzliche Kredite aufnehmen müssen. 26,2 Prozent nahmen die Überbrückungshilfen des Staates in Anspruch. 24 Prozent gaben an, Kreditmittel zur bisherigen Lockdown-Bewältigung eingesetzt zu haben. Immerhin 15,2 Prozent haben als Gesellschafter bereits Eigenkapital nachschießen müssen, also privates Geld zur Krisenüberwindung eingesetzt.

Mehr zum Thema: Gastronomen müssen wohl auf flächendeckende Öffnungen warten und sich anpassen, um den Lockdown zu überstehen. Wie sieht der Gastronom der Zukunft aus?

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